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Risikoland Schweiz «Dürfen nicht in die Lage kommen, auf einer ‹schwarzen Liste› zu landen»

Britischen Reiserückkehrern könnte bald eine zweiwöchige Quarantäne drohen. Für die Schweiz verhiesse dies nichts Gutes, so die Direktorin des Tourismus-Verbands.

In Europa steigen die Fallzahlen wieder: Luftfahrtpersonal und Reiserückkehrer am Flughafen Heathrow in London.
In Europa steigen die Fallzahlen wieder: Luftfahrtpersonal und Reiserückkehrer am Flughafen Heathrow in London.
Foto: Toby Melville (Reuters) 

Landet die Schweiz schon bald auf der Liste der Corona-Risikostaaten von Grossbritannien? Laut der britischen «Daily Mail» warnen Insider vor möglichen Reisebeschränkungen für die Länder Schweiz, Frankreich, Holland, Polen und Malta. Für britische Touristen in der Schweiz würde dies eine zweiwöchige Quarantäne nach der Rückkehr in ihre Heimat bedeuten.

Begründet wird der Plan mit der angeblich hohen Ansteckungsquote in der Schweiz. Laut Insidern stuft die britische Regierung ein Land dann als Risikogebiet ein, wenn es regelmässig 20 Neuansteckungen pro 100’000 Einwohner innert einer Zeitspanne von sieben Tagen überschreitet. Gemäss Daten der «Daily Mail» würde die Schweiz dieses Kriterium mit 25 Neuansteckungen pro 100’000 Einwohner zwar erfüllen. Unklar ist jedoch, auf welche Daten sich die Zeitung bei der Einschätzung stützt.

Gemäss Angaben des Bundesamts für Gesundheit lag der besagte Wert in der vergangenen Woche nämlich bei 12,1, in den zwei Wochen zuvor bei 13,4 respektive 9,6. Auch die Kantone beziffern den Wert aktuell auf lediglich 12 Neuansteckungen pro 100’000 Einwohner.

Liste soll am Donnerstag aktualisiert werden

Den Schweizer Behörden liegen nach eigenen Angaben vonseiten der britischen Regierung bisher keine Informationen vor, wonach die Schweiz erneut auf die Quarantäneliste gesetzt würde, wie eine Sprecherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage mitteilt. «Das EDA verfolgt aber die Situation», so die Sprecherin. Die Schweiz befand sich bis zum 9. Juli bereits auf dieser Liste, wurde jedoch am 10. Juli wieder von der Liste gestrichen.

Die britische Regierung äusserte sich noch nicht offiziell zu den Spekulationen. Wie eine Sprecherin des Verkehrsdepartements auf Anfrage dieser Zeitung lediglich sagt, überprüfe man das eigene Vorgehen bei den Grenzmassnahmen regelmässig und passe die Quarantäneliste entsprechend der globalen Gesundheitssituation an. «Die Daten aller Länder und Gebiete werden genau überwacht, damit schnell Entscheidungen getroffen werden können», so die Sprecherin.

Klarheit könnte gemäss der «Daily Mail» jedoch bis Donnerstagabend herrschen, wenn die Quarantäneliste überarbeitet werde. Britische Urlauber würden 30 Stunden vor Inkrafttreten möglicher Massnahmen benachrichtigt.

Drittgrösster Auslandsmarkt für die Schweiz

Für den Schweizer Tourismus jedenfalls wäre ein möglicher Ausfall der britischen Gäste besonders verheerend, verzeichnete die Hotellerie im 1. Halbjahr 2020 gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik doch bereits einen historischen Rückgang bei den Logiernächten. Alleine bei den Gästen aus dem Vereinigten Königreich gingen die Übernachtungen um über 60 Prozent zurück – von insgesamt 352’513 im 1. Halbjahr 2019 auf 136’452 in der gleichen Periode dieses Jahres.

Eine Verschärfung der Reisebestimmungen würde der Schweizer Tourismus-Verband bedauern, da die Schweiz ihre Schutzkonzepte umgesetzt und die nötigen Massnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen habe, sagt Direktorin Barbara Gisi. «Die Kantone haben die Massnahmen nun nochmals verschärft, und wir müssen in unserem eigenen Interesse darauf vertrauen, dass die Zahl der Neuansteckungen wieder sinkt und wir nicht in die Lage kommen, auf einer ‹schwarzen Liste› zu landen.»

Im vergangenen Jahr übernachteten laut Gisi über 1,6 Millionen Briten in der Schweiz, was Grossbritannien nach Deutschland und den USA zum drittgrössten Auslandmarkt für die Schweiz mache. «Der Schweizer Tourismus kann es sich nicht leisten, langfristig auf Gäste aus dem Ausland zu verzichten», so Gisi.

Auch andere Länder warnen vor Reisen in die Schweiz

Für die Schweiz wäre es nicht die erste Risikoliste, auf welcher sie vertreten wäre. Auch Finnland, Lettland und Litauen warnen vor Reisen in die Schweiz und verhängten zum Teil eine Quarantänepflicht für Reiserückkehrer. Belgien setzte jüngst die Kantone Graubünden, Schaffhausen und Zug auf seine orange Liste. Reisenden werden erhöhte Wachsamkeit und bei der Rückkehr Quarantäne und ein Corona-Test empfohlen.

Als Belgien Anfang August die Westschweizer Kantone Genf, Waadt und Wallis auf die rote Liste setzte, intervenierte Aussenminister Ignazio Cassis in Brüssel. Darauf wurden die Kantone Waadt und Wallis wieder von der Liste gestrichen. Genf figuriert allerdings weiterhin darauf. Der belgischen Bevölkerung werden damit nicht zwingende Aufenthalte in der Genferseeregion untersagt.

Premier Boris Johnson reagiert auf steigende Fallzahlen

Wie viele europäische Länder kämpft auch das Vereinigte Königreich mit steigenden Fallzahlen – gemäss Daten der Johns-Hopkins-Universität bereits seit Anfang Juli. Am Montag gab die Regierung die Anzahl bestätigter Neuinfektionen bei etwa 166’000 getesteten Personen mit 816 an, nachdem am Sonntag mit 1063 Neuinfektionen die höchste Zahl seit Ende Juni vermeldet worden war.

Das Vereinigte Königreich ist europaweit bislang am schlimmsten von der Pandemie betroffen. Nach Behördenangaben wurden bisher über 316’000 Fälle registriert, mehr als 46’500 Infizierte starben.

Wegen der steigenden Fallzahlen in Europa kündigte Premierminister Boris Johnson bereits am Sonntag an, vor einer «schnellen» Einführung von Quarantänemassnahmen nicht zu zögern, sollten die Fallzahlen weitersteigen. Staatsbeamte warnten, Reisende sollten sich auf das Schlimmste vorbereiten. «Ein Urlaub ist nicht unbedingt garantiert.»

83 Kommentare
    Peter Zindel

    Unsere Ansteckungsquote ist nicht "angeblich" sondern tatsächlich hoch. Eine Regierung, welche während einer Pandemie glaubt, herumexperimentieren zu müssen, welche der Widereröffnung von Diskotheken eine höhere Priorität einräumt als der Gesundheit, und welche wirksame Massnahmen wie das Abstandgebot aufhebt, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dass wir kaum eine Chance haben, diese "grosse Koalition" jemals abzuwählen, ist nun besonders ärgerlich.