Swiss Pass macht Kontrollen länger

Konsumentenschützer warnen vor der Einführung der elektronischen Abo-Karte.

Der Swiss Pass speichert die Daten auf einem Chip. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Der Swiss Pass speichert die Daten auf einem Chip. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

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Mit der neuen ÖV-Karte – genannt Swiss Pass – wollten 240 Transportunternehmen und Verkehrsverbunde einen ein­zigen elektronischen Fahrausweis schaffen. Doch jetzt stehen nur die SBB und eine Handvoll Skigebiete am Start. Ab August 2015 soll der rote Ausweis mit ­einem unsichtbaren Chips gültig sein. Er wird während drei Jahren eingeführt und soll die bisherigen Halbtax-Abos und Generalabonnemente (GA) er­setzen. Herausgeber der Karte sind nicht die SBB, sondern der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV), der auch alle Tarife festlegt.

Preiserhöhungen sind nicht vorgesehen. Aber die Projektkosten von 44 Millionen Franken und die Umstellung auf neue Kontrollgeräte für 18 Millionen Franken werden früher oder später auf die Kunden überwälzt.

«Technik ist etwa 15 Jahre alt»

Die Reaktionen sind verhalten. Die Karte bringe ihn «nicht gerade zum Jauchzen», sagt der Leiter des Konsumentenforums, Michel Rudin. «Die Technik ist ungefähr 15 Jahre alt. Das ist keine Innovation. Ich sehe den Mehrwert nicht.»

Ein Mehrwert wäre beispielsweise, wenn man beim Betreten des Perrons oder beim Einsteigen in den Bus automatisch sein Billett entwerten könnte, wie dies in einigen Metros im Ausland der Fall ist. Die Technik heisst Bibo, ­be-in be-out, und wird ­debattiert. Die Interessenvertretung der Bahnkundinnen und Kunden, Pro Bahn, erwartet, dass sich der VÖV dieser Frage «ebenso dringend annimmt, wie dem Swiss Pass», sagt Präsident Kurt Schreiber.

Die Leiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, Sara Stalder, ärgert, dass keine Handyversion eingeführt wird. «Auf dem Swiss Pass ist nicht erkennbar, welche Abos hinterlegt sind. Es ist nur vorgesehen, diese Information online zu erhalten. Das ist für viele Nutzer un­praktisch.» Wichtig wäre, dass es «möglichst rasch einen handybasierten Swiss Pass gäbe, der diese Infos mitliefert».

Nur Jahres- oder auch Monatsabos?

VÖV-Direktor Ueli Stückelberger sagte gestern an einer Pressekonferenz, der Verband wolle keine Revolution. Der Wechsel zu einer Chipkarte sei keine Frage der Technik, sondern der föde­ralen Struktur der 240 Verbunde und ­Unternehmen geschuldet. Bisher hätten sich nur 80 Prozent der Mitglieder für die Karte begeistern lassen. Die fortschrittlichsten sind die Skigebiete, die Bremser gewisse Privatbahnen und Verkehrsverbunde. So sagte der Bern-Solothurnische Verbund Libero auf Anfrage, es gebe noch «zahlreiche offene Punkte, so zum Beispiel das Handling der Abrechnung».

Aber auch die Sortimentsauswahl werde noch diskutiert: «Unklar ist zum Beispiel ob nur Jahresabos in den Swiss Pass integriert werden oder auch Monatsabos», sagte eine Sprecherin. Mit der Karte sollten nicht «Freaks» zufriedengestellt werden, sondern alle Kunden, auch solche, die mit Elektronik nicht umgehen können, sagte der VÖV-Direktor. «Die Umstellung ist nicht freiwillig.» Die SBB-­Leiterin Personenverkehr, Jeannine ­Pilloud, stellte in Aussicht, dass der Swiss Pass «auch auf dem Handy abgebildet werden könnte». Die Einführung sei für die zweite Phase gedacht, möglicherweise auf den Fahrplanwechsel Ende 2016. Zu diesem Zeitpunkt hofft sie, dass auch Deutschschweizer Verbunde sich anschliessen.

Automatische Aboverlängerung

Die härteste Kritik kommt von Konsumenten-Organisationen und Pro Bahn: Sie stören sich an der automatischen Verlängerung der elektronischen Abonnemente und am Kontrollvorgang. Wer ein Abo nicht mehr will, muss eine Kündigung schreiben. Diese soll niederschwellig möglich werden, per Anruf, online oder am Schalter. «Über 60 Prozent der Kunden wünschen sich eine nahtlose Verlängerung», sagte Pilloud. Die automatische Verlängerung der Abonnemente sei inakzeptabel, entgegnet Konsumentenschützerin Stalder. Diese Ein­schätzung teilt Rudin vom Konsumentenforum: «Die Regelung verstösst gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Kunden müssen eine Verlängerung nicht bezahlen.» Die Umsetzung werde «viel Theater» verursachen.

Während hier eine Lösung einfach wäre, ist es beim Kontrollvorgang komplizierter: Versuche zeigten, dass die Prüfung des Ausweises «zwei bis dreimal» länger dauert als heutige Kontrollen. Ein Versuch des «Tages-Anzeigers» zeigt, dass das Einlesen der Karte am ­Gerät, einem Handy mit Chip-Detektor, 3 bis 5 Sekunden dauert. Neu wird der Fahrgast die Karte dem Kontrolleur dafür übergeben müssen. Ein Ausklappen aus dem Portemonnaie wird nicht mehr möglich sein.

Sara Stalder sieht happige Folgen des verlängerten Kontrollvorgangs. «Er wird im Resultat zu weniger Kontrollen führen und dem Schwarzfahren Vorschub leisten.» Sie habe den Verband VÖV und die SBB vor sechs Wochen darauf an­gesprochen. Das Problem sei «nicht ­gelöst».

Erstellt: 11.03.2015, 07:32 Uhr

Swiss Pass

Die wichtigsten Neuerungen

Die Kunden haben keine Wahl.Alle neuen Halbtax-Abos und GAs werden durch die neue rote Karte ersetzt.

Für bisherige Halter von Halbtax- und Generalabonnements ändert sich kurzfristig nichts. Sie können ihre Karte bis zum Ablauf nutzen. Erst beim nächsten Kauf werden sie den Swiss Pass erhalten. Am 15. Juni startet der Vorkauf, ab 1. August ist der Swiss Pass bei allen 240 Transportunternehmen gültig. Bis dahin müssen alle Bahnen und Busse die neue Kontrollgeräte angeschafft haben.

Die wichtigsten Merkmale der Karte sind:


  • Aussehen: Aufgedruckt sind ein Foto, der Name, das Geburtsdatum, das Geschlecht und die Kundennummer.
    Gespeicherte Daten: Die Karten enthalten einen sogenannten RFID-Chip wie bei Kreditkarten. Gespeichert ist die Halternummer. Bei Verlust muss die Karte gesperrt werden.



  • Kontrolle: Sie erfolgt mit handelsüblichen Android-Smartphones, die einen RFID-Chip lesen können. Hält der Kontrolleur die Karte unter das Gerät, erscheinen in 2 bis 3 Sekunden auf seinem Display die persönlichen Angaben sowie der Vermerk gültig oder ungültig. Diese Kontrolle funktioniert ohne Verbindung zum Zentralrechner. Zusätzlich kann der Kontrolleur online ein aktuelles, dem Abo hinterlegtes Foto abrufen sowie die Kaufdaten und die Laufzeit des Abonnements. Gedruckte Billette werden weiterhin von Auge geprüft und von Hand mit der Zange entwertet.

  • Verbundbillette: Voran gehen Westschweizer Verkehrsverbunde, darunter Unireso aus Genf. Sie werden die Karte ab Dezember übernehmen. Die meisten Deutschschweizer Verkehrsverbunde werden laut Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) erst «auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2016» den Swiss Pass übernehmen. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat dies bestätigt. Ab dann werden voraussichtlich sowohl die ZVV-Ausweise als auch auf dem Swiss Pass hinterlegte ZVV-Abos gültig sein. Erst nach einer Testphase wird der ZVV die eigenen Abo-Kartenformate einstellen. Nicht bestätigen wollte der Bern-Solothurnische Verbund Libero die Teilnahme: «Der Zeitplan ist noch offen.»

  • Sonstige Teilnehmer: Ab August teilnehmen werden bereits Mobility, die Skigebiete Flumserberge, Arosa-Lenzerheide, Engelberg-Titlis, Laucheralp und die Jungfraubahnen. Deren Karten werden durch den Swiss Pass ersetzt.

  • Bisherige Abos auf Kreditkarten: Nach Ablauf des GA oder des Halbtax erhalten die Halter einen Swiss Pass. Die Zusammenarbeit mit den Kreditkartenanbietern wird nicht weitergeführt.

  • Billette ab Automat: Gedruckte Streckenbillette wird es weiterhin geben. Auch mit dem Swiss Pass, der in der Anfangsphase «nur» ein Halbtax- oder GA-Abo ist. Ein SBB-Insider sagte, dass in einer zweiten oder dritten Phase auch elektronische Einzelbillette, Mehrfahrtenkarten oder Tageskarten auf die Karte geladen werden können. Das gleiche gilt für online gekaufte Billette. Das Tempo der Umstellung hängt von den Erfahrungen mit Swiss Pass ab.

  • Junior- und Enkelkinder-Karten: Sie werden in einer zweiten Phase ebenfalls auf den Swiss Pass geladen und online verwaltet werden können.

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