Neuauflage

Bildstrecke: Fantômas

Fantômas, der Gangster ohne Gesicht und Gnade, wird 100 Jahre alt: Ein Zürcher Verlag hat seine Abenteuer jetzt neu aufgelegt.

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Ganz Paris zitterte vor Fantômas. Der «Herr des Grauens» war vor 100 Jahren eine Sensation: der erste absolut moderne Bösewicht. Herrisch, arrogant und grausam, allgegenwärtig, allwissend und fast unfehlbar, verhöhnte er in wechselnden Masken Könige und Fürsten, seine Verfolger von der Polizei und sogar seine eigenen Gefolgsleute und Geliebten.

Von edelmütigen Vorgängern wie dem Fürsten von Gerolstein (von Eugène Sue), dem Grafen von Monte Christo (von Alexandre Dumas), dem Meisterdieb Arsène Lupin oder Jules Vernes Helden unterschied er sich durch seine grund- und rücksichtslose Brutalität und seine operettenhafte Dekadenz. Fantômas rächte sich nicht für erlittenes Unrecht und war auch kein Helfer der Armen, er raubte und tötete zum Vergnügen. Als Sohn der Belle Epoque machte der Prahlhans in der Halb- und Unterwelt ebenso gute Figur wie in mondänen Salons und luxuriösen Restaurants. Fantômas kannte die neuesten Kriminaltechniken (manchmal verwischte er sogar Fingerabdrücke mit geraubten Hautfetzen) und benutzte die modernsten Verkehrs- und Kommunikationsmittel, Telegramm und Telefon, Automobil und Flugzeug. Seine Rasanz und Skrupellosigkeit machten ihn später zum Liebling der Surrealisten.

Der erste Superverbrecher

Die 32 Fantômas-Romane, die zwischen 1911 und 1913 im Monatsrhythmus erschienen, entstanden quasi in «écriture automatique»: Zwei Autoren, die Journalisten Pierre Souvestre und Marcel Allain, diktierten gleichzeitig je 200 Seiten auf Wachswalzen. Der enge Zeilenplan und das Zeilenhonorar erlaubten weder eine Abstimmung der Plots noch ein Gegen- oder Korrekturlesen. Dem eingespielten Duo (Allain übernahm nach Souvestres frühem Tod sogar dessen Geliebte) gab der Erfolg recht. Ihre Fortsetzungsromane erschienen bald in Millionenauflage, und auch die ersten Verfilmungen durch Louis Feuillade brachen 1913 alle Rekorde. Der Mann ohne Gesicht und Gnade, das zeigte Thomas Brandlmeier in seinem Fantômas-Buch, verkörperte die dunklen Sehnsüchte und Ängste seiner Epoche. So wurde er zum Vorläufer von Superverbrechern und Verkleidungskünstlern wie Dr. Mabuse, Edgar Wallace’ «Hexer» oder den grössenwahnsinnigen James-Bond-Schurken.

Viele Stars spielten Fantômas

In den 60er-Jahren wurde der Erzverbrecher in zahllosen filmischen Kriminalkomödien mit Jean Marais und dem Zappelphilipp Louis de Funès zur familientauglichen Witzfigur verharmlost. Keine Geringeren als Claude Chabrol und Luis Buñuels Sohn Juan Luis drehten zwei Jahrzehnte später Fantômas-Filme mit Helmut Berger fürs ZDF. Und jetzt hat der Zürcher Epoca-Verlag Fantômas zu dessen 100. Geburtstag wiederentdeckt. Der erste Streich, «Ein Zug verschwindet», strotzt nur so von grossen Auftritten, Zaubertricks und zirzensischen Sensationen, denn der Held verkleidet sich gern als Zirkusdirektor Barzum. Russische Grossfürsten und englische Gesandte in geheimer Mission, Gauner und Huren, Liliputaner, schwarze Löwenbändiger und schöne Kunstreiterinnen treiben sich in dem Roman zwischen Frankreich, Belgien, England und dem fiktiven Königreich Hessen-Weimar herum.Fantômas und seine Bande meucheln mit Messer und Pistole, mit Blasrohr und Lasso, aber am Ende entkommt der Verbrecher Kommissar Juve und seinem Freund Fandor immer wieder mit sardonischem Gelächter und dem Schlachtruf «Blut und Gold».

Die Geschichte ist spannend erzählt, aber man merkt dem Machwerk an, wie atemlos und schlampig es geschrieben wurde: Handlungsfäden reissen plötzlich ab, Cliffhanger bleiben in der Luft hängen, Figuren verschwinden so spurlos wie millionenschwere Geldbörsen oder der titelgebende Zug im Tunnel. Die Übersetzerin Lea Rachwitz hat den grellen, schwülstigen Stil des Originals zum Glück nicht geglättet. Nur die fehlenden Hintergrundinformationen trüben ein wenig die Freude an dem anarchischen Kolportagereisser. Ein alter Schundroman muss nicht gerade historisch-kritisch neu ediert werden, aber ein Nachwort hätte dem Herrn des Grauens nichts von seinem Geheimnis geraubt.

Erstellt: 28.12.2011, 12:16 Uhr

Verfilmung mit Louis de Funès.

Buch

Souvestre & Allain: Fantômas. Ein Zug verschwindet. Roman.
Aus dem Französischen von Lea Rachwitz. Edition Epoca, Zürich 2011. 400 S., ca. 29 Fr.

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