Hintergrund: Was Knox in den USA erwartet

Seit Montagabend steht fest: Amanda Knox ist frei. Nach vier Jahren Gefängnis fliegt die junge Amerikanerin heute zurück in ihre Heimatstadt Seattle – wo der Wirbel um ihre Person erst recht losgeht.

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Sie wolle nach Hause und sich «einfach nur ins grüne Gras legen», so Amanda Knox' grösster Wunsch nach ihrem gestrigen Freispruch. Doch zum Relaxen wird die Studentin aus Seattle, die vier Jahre unschuldig im Gefängnis «Le Capanne» in Perugia sass, wohl nicht kommen. Denn in den USA wartet schon die nächste Journalistenschar, die über ihre Rückkehr in die Heimat berichten will.

Kampf um das erste Interview

Das Medieninteresse am Fall Amanda Knox ist riesig. CNN berichtete gestern den ganzen Tag live aus Perugia und schickte dazu Star-Korrespondent Matthew Chance, der normalerweise für Berichterstattungen aus Krisen- und Kriegsgebieten verantwortlich ist, in die umbrische Kleinstadt, zusammen mit Becky Anderson, die abends Reaktionen auf das Urteil sammelte. Verschiedene Expertenrunden analysierten den Fall minutiös, ABC trumpfte mit einer einstündigen Sondersendung im Vorfeld des Urteils auf. In den USA hat das Rennen um das erste Exklusivinterview mit Amanda Knox längst begonnen. Konkrete Zusagen gibt es zwar noch keine, doch sind schon Namen von einigen Kandidaten gefallen, die den «Engel mit den Eisaugen» als Erstes vor die Kamera ihres Senders bekommen könnten.

Als Topfavoritin wird ABC-Journalistin Diane Sawyer gehandelt, die unter anderem die beliebte Nachrichtensendung «Good Morning, America» moderiert. Sawyer hat von Anfang an über den Fall berichtet, wobei immer klar war, dass sie von Knox' Unschuld überzeugt ist. Hoch im Kurs steht auch Barbara Walters, ebenfalls von ABC, die 2007 ein Telefoninterview mit der inhaftierten Paris Hilton führte. Doch auch CNN, allen voran Anderson Cooper («Anderson Cooper 360°») und Piers Morgan («Piers Morgan Tonight»), könnte in Frage kommen. Hätte Oprah Winfrey, die Nachmittagstalkerin der Nation, ihre Sendung im Mai dieses Jahres nicht eingestellt, hätte sie mit ziemlicher Sicherheit das Rennen um das Exklusivinterview gewonnen.

Das Honorar dürfte so bombastisch sein wie die Einschaltquote

Über die Höhe der Beträge, die die Sender für ein Interview mit der im Augenblick wohl berühmtesten jungen Frau Amerikas (der Fall Amanda Knox stellt sogar den Prozess um Michael Jacksons Leibarzt in den Schatten) bereit sind zu zahlen, lässt sich im Augenblick nur spekulieren. Fest steht nur, dass das erste Interview mit der freigesprochenen Studentin für bombastische Einschaltquoten sorgen wird.

Bis Ruhe in das Leben der 24-Jährigen einkehrt, dürfte es noch eine Weile dauern. Denn nebst zahlreichen Interviewanfragen sollen auch schon hoch dotierte Buchverträge auf Amanda Knox warten. Diese könnten der Studentin Millionenbeträge bescheren: Britney Spears beispielsweise kassierte für ihre Biographie 2,5 Millionen Dollar und Bill Clinton erhielt für seine Memoiren «My Life» gar 12 Millionen Dollar. Wahrscheinlich wird es auch nicht lange dauern, bis der erste Film – mit Amanda Knox in der Hauptrolle, warum nicht? – über den Fall gedreht wird. Es wäre nicht die erste Verfilmung: Im Februar dieses Jahres wurde der kontroverse Fernsehfilm «Amanda Knox: Murder on Trial in Italy» in den USA ausgestrahlt. Der Film basierte nach eigenen Angaben «auf einer wahren Geschichte», wobei vor allem die in vielen Medien verbreitete Halloween-Sexorgien-Version einer lüsternen «Foxy Knoxy» thematisiert wurde. Weder die Familie von Amanda Knox noch die des Opfers Meredith Kercher haben den Film gebilligt. Und auch das amerikanische Publikum hat ihn abblitzen lassen: Es bevorzugte das Bild der unschuldig verurteilten US-Studentin in den Klauen der italienischen Justiz.

Staatsanwalt will das Urteil weiterziehen

So wundert es auch nicht, dass Amanda Knox in ihrer Heimat derzeit wie eine Heldin gefeiert und mit grossem medialen Aufgebot erwartet wird. Doch nicht nur Fernsehteams haben sich bereits am Flughafen von Seattle platziert, auch die Supportergruppe «Friends of Amanda», die seit ihrer Verurteilung für die Freilassung von Amanda Knox gekämpft hat, wird Amanda am Flughafen jubelnd begrüssen. Tom Wright, der Gründer der Gruppe, war von Anfang an von ihrer Unschuld überzeugt und hatte die Hoffnung auf einen Freispruch nie aufgegeben.

Noch nicht geschlagen gibt sich allerdings der italienische Staatsanwalt Giuliano Mignini, der stets die Theorie einer aus dem Ruder gelaufenen Sexorgie mit anschliessendem Mord vertrat. Er will das Urteil an das höchste italienische Gericht weiterziehen. Mignini hat 90 Tage Zeit, einen Bericht über die Gerichtsentscheidung zu verfassen und noch mal 45 Tage, um Einspruch einzulegen. Das Gericht braucht in der Regel etwa ein Jahr, um einen Fall zu verhandeln. Sollte das Gericht den Einspruch annehmen, könnte Amanda Knox – auch in Abwesenheit – zu einem zweiten Berufungsprozess aufgeboten werden. Wobei man jetzt schon davon ausgehen kann, dass Amanda Knox diese Reise nach Italien nicht antreten würde.

Erstellt: 04.10.2011, 20:48 Uhr

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Tom Wright, Gründer der Supporter-Gruppe «Friends of Amanda» spricht seine Dankbarkeit nach der Urteilsverkündung aus.

Freude in Seattle: Supporter von Amanda Knox verfolgen das Urteil in einer Hotelsuite in Seattle und jubeln bei der Bekanntgabe des Urteils. (3.10.2011). (Bild: Keystone )

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