Video: Loriot-Sketche

Mit Loriot ist einer der grössten deutschen Humoristen gestorben. Ein Nachruf auf ein Jahrhundertgenie.

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Selten wird nach einer Todesnachricht so viel gelacht wie heute. Nach dem ersten Schrecken über das Ableben von Loriot schauen sich alle nochmals seine witzigen Sketche an, lesen in Büchern seine lustigen Dialoge nach oder freuen sich über seine spassigen Zeichnungen. Nein, mit dem Tod des grossen deutschen Humoristen Loriot alias Vicco von Bülow, der gestern Montag im Alter von 87 Jahren in Ammerland am Starnbergersee an Altersschwäche gestorben ist, vergeht uns das Lachen nicht. Er hat es uns während Jahren beigebracht. Und dafür sind wir Lachlehrer Loriot dankbar.

Kein komischer Vogel

Was haben wir uns die Bäuche gehalten, als in den 1970er-Jahren die gezeichneten und gespielten Sketche von Loriot via Fernseher in die gute Stube flimmerten. Etwa der Film über Erwin Lindemann und seinem Lottogewinn, der für eine TV-Aufzeichnung so oft dieselbe Szene sprechen muss, dass er am Schluss ganz konfus sagt: «Ich heisse Erwin und bin Rentner. Und in 66 Jahren fahre ich nach Island… und da mache ich einen Gewinn von 500’000 Mark… und im Herbst eröffnet dann der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Boutique in Wuppertal.»

Oder der Sketch «Weihnachten bei Hoppenstedts», in dem Loriot selber den skurrilen Opa spielt und in dem ursprünglich der deutsche Komiker Hape Kerkeling als kleiner Junge den Dicki Hoppenstedt hätte spielen sollen. Loriot besetzte die Rolle dann mit einem Mädchen. Als Weihnachtsgeschenk bekam Dicki ein Atomkraftwerk, das «Puff» machte, wenn man es falsch zusammensetzte. Gerade in der heutigen Zeit ein höchst brisantes Thema. Und das von einem Komiker, dem man häufig absprach, dass er sich mit aktuellen Themen auseinandersetze. Woher kommt diese Meinung?

Das hat einerseits damit zu tun, dass wir Loriot als alten distinguierten Herrn kennenlernten – bereits in der oben erwähnten Fernsehserie «Loriot» sass Vicco von Bülow grauhaarig und gesittet auf dem Sofa und sagte mit einem feinen Lächeln den nächsten Sketch an. Loriot war ein Mann von Adel, der Stil hatte. Er war rein äusserlich kein komischer Vogel, auch wenn er den Pirol (auf Französisch: Loriot) aus seinem Familienwappen zum Künstlernamen erklärte.

Diogenes-Verlag entdeckte Loriot

Andererseits hat die Meinung, dass sich Loriot nicht mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzt, auch mit seinen eigenen Aussagen zu tun. «Ich habe immer versucht, mich von aktuellen Trends und Moden fernzuhalten und stattdessen Allgemeingültiges zu erzählen», sagte Loriot 2006 gegenüber dem «Spiegel» in einem seiner letzten Interviews. Diese Haltung hat sehr viel mit Deutschland in der Nachkriegszeit zu tun, in der man die Vergangenheit vergessen und niemandem auf den Schlips treten wollte. Das Volk brauchte feinsinnigen Humor und keine scharfe Satire.

Dabei fand Loriot für seine Werke in Deutschland zunächst keinen Verlag. Erst der Zürcher Diogenes-Verlag erkannte die Qualitäten und veröffentlichte 1954 unter dem Titel «Auf den Hund gekommen» Loriots ersten Cartoonband. Die Zeichnungen sind heute noch toll – der Vorteil, wenn man Allgemeingültiges erzählt. Der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll auf der anderen Seite, dessen Bücher sich sehr direkt mit dem Zustand der Nachkriegszeit auseinandersetzten – Stichwort: Trümmerliteratur – ist heute so gut wie vergessen.

Auf die Frage, was ihn geprägt habe, antwortete Loriot 2007 in einem Interview mit der «Westdeutschen Zeitung»: «Ich weiss, als ich anfing zu studieren, wohnte ich zwischen dem Irrenhaus, dem Zuchthaus und dem Friedhof. Allein die Lage wird es gewesen sein, glaube ich.» Fürs Irrenhaus war er zu intelligent, fürs Zuchthaus zu anständig. Da blieb auf die Dauer nur noch der Friedhof: Vicco von Bülow wird dort im engsten Familienkreis beigesetzt. Er hinterlässt seine Frau und zwei Töchter.

Erstellt: 23.08.2011, 22:00 Uhr

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