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Video: Reaktionen zum Kachelmann-Urteil

Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde in Mannheim vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Im Gerichtssaal brach Jubel aus. Sabine W. und Kachelmann würdigten sich keines Blickes.

Das Landgericht Mannheim hat den Schweizer Wettermoderator Jörg Kachelmann heute vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling sagte, das Urteil beruhe nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns oder einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt sei.

Das Landgericht Mannheim habe aber begründete Zweifel an der Schuld des Angeklagten, der deshalb «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen sei. Im Urteil hiess es, dass Kachelmann für seine Zeit in Untersuchungshaft entschädigt werden wird. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Jubel aufgenommen. Es ging ein Aufschrei durch das Publikum. Rechtsanwalt Bernd Behnke sagte gegenüber dem Nachrichtensender N-tv: «Jubelschreie im Gerichtssaal sind sehr selten. Eigentlich sollte man das auch bleiben lassen.»

Ohne Regung zur Kenntnis genommen

Jörg Kachelmann hat den Freispruch ohne Regung zur Kenntnis genommen. Auch Sabine W. zeigte keinerlei Gefühle. Die beiden sassen sich im Gerichtssaal gegenüber und würdigten sich keines Blickes. Jörg Kachelmann schaute sich vor der Urteilsverkündigung kurz im Saal um, blickte danach aber konzentriert auf die Richter. Jörg Kachelmann wollte nach der Urteilsverkündung vor den Medien keine Stellung nehmen. Er verliess das Mannheimer Landgericht durch einen Hinterausgang.

Prozessbeobachterin Alice Schwarzer zeigte sich «nicht überrascht» vom Freispruch, da es immer Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Sabine W. gegeben habe. «Kachelmann kann auf diesen Freispruch aber nicht stolz sein», sagte sie und setzte zu einer Justizschelte über «das frauenfeindliche Justizsystem» an.

Kachelmann-Anwalt scharf kritisiert

Scharf kritisierte der Vorsitzende Richter Verteidiger Johann Schwenn. Dieser habe mehrfach in seinem Verhalten vor der Strafkammer Anstand und Respekt vermissen lassen. Zudem holte er zu einer veritablen Medienschelte aus. Die Medien hätten über Monate die Persönlichkeitsrechte der beiden Protagonisten mit Füssen getreten. Mit Befremden reagierte die Strafkammer auf ein Presseorgan, das im Internet zur Abstimmung über das Urteil im Fall Kachelmann aufgerufen hatte.

Staatsanwalt Grossmann zeigte sich enttäuscht vom Freispruch. Man werde in der nächsten Woche prüfen, ob man das Urteil weiterziehe oder akzeptiere, sagte er im Gericht vor den Medienschaffenden.

«Erbärmlichkeit im Gerichtssaal»

Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn kritisierte die Richter trotz des Freispruchs heftig. Die Kammer hätte den Angeklagten «zu gerne verurteilt» und in ihrer Urteilsbegründung noch mal «richtig nachgetreten», um «den Angeklagten maximal zu beschädigen». Schwenn sprach von einem «befangenen Gericht» und einer «Erbärmlichkeit im Gerichtssaal».

Für Kachelmanns Anwältin Andrea Combé ist das Urteil «kein Freispruch zweiter Klasse». Das Urteil nahm sie mit Freude und Genugtuung zur Kenntnis. Die Anwältin zeigte sich aber enttäuscht darüber, «dass das Gericht die Falschbeschuldigungen von Sabine W. nicht als solche erkannt hat».

Vorwürfe stets bestritten

Eine langjährige Geliebte hatte den 52-Jährigen beschuldigt, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Kachelmann hatte die Vorwürfe stets bestritten. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten für den Fernsehmoderator gefordert. In dem Prozess hatte Aussage gegen Aussage gestanden.

Mit dem Urteil geht nach 44 Verhandlungstagen einer der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik zu Ende. Kachelmann war im März 2010 am Frankfurter Flughafen festgenommen worden und sass 132 Tage lang in Untersuchungshaft. Der von grossem Medienrummel begleitete Prozess dauerte fast neun Monate lang.

Das Urteil wird innert Wochenfrist rechtskräftig. So lange hat die Staatsanwaltschaft Zeit, in Revision zu gehen.

Terre des Femmes fürchtet fatale Signalwirkung

Die Organisation Terre des Femmes fürchtet, dass der Freispruch von Jörg Kachelmann fatale Signalwirkung entfaltet. Alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt würden sich in Zukunft noch weniger trauen, Anzeige bei einer Vergewaltigung zu erheben, erklärte Geschäftsführerin Christa Stolle in Berlin. Terre des Femmes ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen.

Stolle kritisierte die Berichterstattung über den Prozess und die Vorverurteilung der Klägerin in Teilen der Öffentlichkeit. Ausserdem werde gewalttätigen Männern nicht das Gefühl vermittelt, dass «übergriffiges Verhalten» gegenüber Frauen verwerflich sei. «Selbst eine moralische Ächtung durch die Öffentlichkeit ist kaum noch vorhanden, wenn sich Prominente für beschuldigte Männer öffentlich einsetzen», fügte sie hinzu.

dapd/ sda/pbe, bru, vin

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