Glarner Tüechli

Tausend Leben

Das traditionelle Tüechli aus dem Kanton Glarus ist nicht zuletzt ein hervorragender Eisbrecher.

Foto: Sabina Bobst

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Als eine meiner Freundinnen vor kurzem den Schweizer Pass bekam, feierten wir das so ausgiebig, dass wir zu später Stunde «Es Burebüebli» krähten. Das macht man in meinem Fall nur unter dem Einfluss von Kräuterschnaps oder wenn die Grossmutter einen Runden zu verzeichnen hat.

Die Teller im Lokal, wo die Neuschweizerin zu Cordons bleus lud, waren mit Glarner Tüechli dekoriert. Nicht mit jenen von Hedi Slimane für Saint Laurent entworfenen, 645-Franken-teuren Kaschmirfoulards und auch nicht Accessoires von Burberry, Mos­chino, Chanel oder DKNY, die allesamt schon mit Modellen mit der typischen Paisley-Musterung auftrumpften. Da lag das traditionelle Tüechli aus dem Kanton Glarus: die bunten, in 38 Farben erhältlichen, 50 × 50 Zentimeter grossen Schmuckstücke mit dem quadratischen Mittelfeld, der dekorativen Bordüre und den Mustern, die orientalischen Ornamenten nachempfunden sind. Die Verwendung der Farben auf den einzelnen Tüchern ist in der Regel auf Schwarz, Grau und Weiss beschränkt.

Es ist ein Accessoire, das weit gereist ist: Schon im 17. Jahrhundert brachten Seefahrer farbig bedruckte Stoffe aus Indien nach Europa.

Die Glarner Tüechli jedenfalls sahen auf dem Restauranttisch nicht nur sehr hübsch aus, sondern stellten sich auch als hervorragende Eisbrecher heraus. Kaum hatten alle Platz genommen, griffen die Gäste zum Geschenk. Einige schlangen sich das Tuch um den Kopf, andere ums Handgelenk oder um den Nacken. Wir stiessen uns kichernd in die Rippen: Auf einmal sassen da Hip-Hop-Stars, Heidis und Halunken am Tisch. Glarner Tüechli haben offenbar auch performative und transformierende Qualitäten.

Letztes Jahr genossen sie an Streetstyle-Stars wie dem Model Hanne Gaby Odiele ein bisschen Scheinwerferlicht. Darin sind sie ja alte Hasen. Immerhin wurden sie schon als Bandana über die Stirn gebunden oder hingen an den Hälsen von Traditionalisten, Piraten und Cowboys, Suicidal Tendencies, Tupac Shakur, Jennifer Lopez und Jane Birkin.

Tausend Leben haben sie, diese Tücher. Das müssen ihnen andere Accessoires erst mal nachmachen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2016, 12:45 Uhr

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