«Ohne Tabletten war es nicht auszuhalten»

Das Skandal-Implantat wurde an mehreren Schweizer Spitälern eingesetzt – mit schlimmen Folgen. Jetzt spricht die Berner Patientin Manuela E.

Manuela E. berichtet in «10vor10» erstmals im Fernsehen von ihren schlimmen Erfahrungen mit ihrer künstlichen Bandscheibe.
Video: SRF/Tamedia

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Manuela E. las vergangene Woche in der Zeitung vom Implantate-Skandal rund um die künstliche Bandscheibe Cadisc-L. Sie vernahm von Höllenqualen deutscher Patienten, bei denen sich das Implantat zersetzt hatte. Der Berner Professor Max Aebi, 70, und der Zürcher Forscher Thomas Steffen haben die Prothese mitentwickelt. Aebi hat sie an sieben Patienten implantiert.

«Es war ein Déjà-vu», sagt die 48-jährige Frau aus dem Schweizer Mittelland. «Es hat mich gefreut, dass es nun doch ans Licht kommt. Andererseits ging es mir an diesem Tag nicht sehr gut. Es ist alles wieder hochgekommen.»

E. hatte schon als junge Frau Rückenprobleme, doch sie hangelte sich mit Physiotherapie, Muskeltraining und Medikamenten durch bis kurz vor ihrem 41. Geburtstag im Jahr 2011. Da konnte sie kaum noch laufen und suchte darum eine Koryphäe unter den Wirbelsäulenspezialisten auf: Max Aebi.

Der Chirurg empfahl ihr eine Cadisc-L, es gebe gute Erfahrungen damit. Laut E. sprach er weder von Alternativen, noch erwähnte er, dass er zur Herstellerfirma des Implantats ein geschäftliches Verhältnis hatte. Im Sommer 2011 setzte ihr Aebi die Kunststoffscheibe im Berner Salem-Spital ein.

Über Jahre schluckte sie Schmerztabletten

Recherchen zeigen, dass das Implantat der Firma Ranier Technology im Jahr 2008 in mehreren Versuchen an Affen getestet wurde. In der ersten Studie wurde die Prothese falsch eingesetzt, beim zweiten Versuch erodierte der Knochen bei vier von fünf Pavianen. Trotzdem entschied der wissenschaftliche Beirat unter der Leitung von Aebi, die Scheibe im Oktober 2009 in einer Studie an 29 Patienten auszuprobieren. Acht Monate später kam sie auf den Markt.

Als Manuela E. nach der Operation erwachte, war sie entsetzt. Statt einer Narbe im Bikini-Bereich, wie Aebi ihr beschrieben hatte, ging der Schnitt quer über den Unterbauch bis zum Nabel. Und die Schmerzen waren nach der Operation nicht weg. Zuerst dachte sie, es brauche Geduld, es werde sich verbessern. Die Ärzte des Salem-Spitals meinten, das sei normal, es sei ein grosser Eingriff gewesen.

Über ein Jahr schluckte sie ständig Schmerztabletten. Zwischen der Operation im Juni 2011 bis im August 2013 wurden sechs Röntgenkontrollen gemacht, dabei sah sie Aebi ein- oder zweimal. «Dann hiess es 2013, alles sei in Ordnung. Ich sei jetzt nach zwei Jahren entlassen. Der Fall sei abgeschlossen.» In den folgenden Monaten nahmen die Schmerzen zu.

«Wir haben ­massive Schäden im Wirbelkörper und am ­Nervenkanal vorgefunden.»Philipp Cathrein, Chirurg

Tausend Kilometer westlich, im Büro der Firma Ranier Technology im britischen Cambridge, brach zur gleichen Zeit, im Februar 2014, Hektik aus. Die Firma hatte neue wissenschaftliche Mitarbeiter eingestellt, die bemerkten, dass ihre Vorgänger nicht alle schwerwiegenden Vorfälle mit der Cadisc-L den Behörden gemeldet hatten. Bei den 29 Patienten aus der klinischen Studie war es zwischen 2010 und 2014 zu 32 gravierenden Vorfällen gekommen.

Laut einem internen Bericht von Ranier analysierte der wissenschaftliche Beirat die Vorkommnisse – Ende März zog die Firma das Implantat vom Markt zurück. Damals waren Aebi und Steffen im Rat, gemäss Website von Ranier.

Im europaweiten Rückruf, der im November 2014 auch von der Schweizer Heilmittelbehörde publiziert wurde, stand ein dringender Appell an die Ärzte: Es seien «alle betroffenen Patienten zur Untersuchung zurückzurufen».

Manuela E. hat von diesem Rückruf nichts erfahren. Und ihr Arzt, Max Aebi, hat sich bei ihr offenbar nicht gemeldet. Sie sagt: «Er hat mich zu keiner Konsultation aufgeboten oder Röntgenbilder machen lassen.» In der SRF-Sendung «10vor10» vom Freitag sagte Aebi, seinen Patienten gehe es gut, er habe nichts von ihnen gehört. Auch das Salem-Spital meldete sich damals nicht bei der Frau.

Der Boden der implantierten Scheibe war gebrochen

Ein Jahr später hielt Manuela E. die Qualen nicht mehr aus. Der Schmerz strahlte ins linke Bein. «Ich konnte nachts nicht schlafen. Wenn ich mich im Bett drehen wollte, musste ich erst aufstehen, um mich auf die andere Seite zu legen.» Ohne Tabletten war es nicht auszuhalten.

Weil sie zu Aebi kein Vertrauen mehr hatte, suchte sie den renommierten Wirbelsäulenspezialisten Philipp Cathrein von der Privatklinik Linde in Biel auf. Die Abklärung ergab, dass der Boden ihrer Cadisc-L gebrochen war. Der Kunststoff hatte sich durch die Deckplatte in den unteren Wirbel gefressen und dort grosse Löcher im Knochen hinterlassen, stellte der Arzt fest.

Am 10. März 2016 wurde Manuela E. operiert. «Wir haben massive Schäden im Wirbelkörper und am Nervenkanal vorgefunden, ausgelöst durch die Cadisc-L-Prothese», sagt Chirurg Cathrein. Er hat die Trümmer der Prothese in einer zweistündigen Operation entfernt.

Cathrein hatte bereits zuvor Cadisc-L-Prothesen wegen Schäden herausoperiert. Dieses Mal rief er Stefan Freudiger zu Hilfe – für eine wissenschaftliche Analyse. Er ist ein ausgewiesener Experte für Biomechanik vom Ingenieurbüro IFB und selber Hersteller von hochwertigen Rückenimplantaten. Freudiger konnte die Überreste der Prothese der Patientin detailliert untersuchen. «Wir schickten die Fragmente der Cadisc-L ins Labor», sagt er.


Video: So kommt ein Implantat auf den Markt

Der Weg eines Implantats von der Idee bis zur Marktreife – Schritt für Schritt. Video: Sandra Niemann, Grafik: Klaudia Meisterhans


Die Messungen ergaben, dass die typischen Signale eines Kunststoffs für Langzeitimplantate fehlten. Aufgrund der Analyse nimmt Freudiger an, dass der Kunststoff der Cadisc-L nicht die gewünschte Resistenz gegen die sogenannte Biodegradation hat. «Fehlt diese Resistenz, verliert ein implantierter Kunststoff mit der Zeit seine Funktionstüchtigkeit», sagt der Experte. Diese Zusammenhänge seien bereits vor Jahrzehnten in der Berner Firma Protek des Hüftprothesenpioniers Professor Maurice Müller erarbeitet worden.

In einer kleinen Plastikdose bewahrt E. das auf, was der Arzt an diesem Tag aus ihrem Rücken geholt hat: die Überreste des Implantats. Kleine Plastikstücke, nur noch Fragmente einer Prothese. «Nach dieser Operation ging es mir sehr schnell viel besser», sagt sie. Eingeschränkt ist sie noch immer: beim Joggen oder Wandern.

«Ungeheuerliche Vorwürfe»

Heute fragt sie sich, wie es gewesen wäre, wenn man sie damals gewarnt und ein Arzt das Implantat früher entfernt hätte. «Vielleicht wäre der Knochen nicht oder weniger zersetzt worden», sagt Manuela E. Am Freitag fischte sie einen Brief von Aebi aus dem Briefkasten. Darin schreibt er von «ungeheuerlichen Vorwürfen» gegen ihn. Er sei davon ausgegangen, dass sich Patienten bei Problemen bei ihm melden würden. «Das war bei keinem Patienten der Fall», stand im Brief.

Auf Anfrage sagt Max Aebis Anwalt, die Hirslanden-Gruppe habe eine unabhängige Untersuchung eingeleitet. Bis zu deren Abschluss werde sich Max Aebi zum Thema nicht mehr äussern. Er halte daran fest, dass ihn keine Schuld treffe und er korrekt gehandelt habe.

Hinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.12.2018, 10:43 Uhr

Risse in einer Bilderbuch-Karriere

Die Rolle des Starchirurgs Max Aebi im Implantate-Skandal gibt Rätsel auf.

Ziehsohn des besten Orthopäden: Chirurg Max Aebi.

Bern Obwohl die Prothesentests an Affen nicht gut gelaufen waren, befand der Berner Chirurg Max Aebi, Tests am Menschen seien ethisch vertretbar. Das Recherchedesk von Tamedia hat im Rahmen der Implant Files Anfang Woche über den Fall berichtet. Aebi ist in der Branche nicht irgendwer, sondern Ziehsohn des besten Orthopäden, den die Schweiz je hatte: des im Jahr 2009 verstorbenen Maurice E. Müller. Im Jahr 1958 gründete Müller in einem Davoser Hotel die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen. Deren Arbeiten prägen die Orthopädie bis heute.

Aebi lernte Müller als 19-Jähriger in Bern kennen. Der Mann machte ihm Eindruck. Im Jahr 1975 schloss Aebi sein eigenes Medizinstudium ab. Seither hat er unter anderem die erste orthopädische Abteilung im Berner Hirslanden-Salem-Spital mit aufgebaut. Dasselbe tat er nach dem Erdbeben 2006 in Islamabad, Pakistan, oder in Kanada an der McGill University.

Rechtsstreit zwischen der Uni Bern und Synthes

Nebenbei heimste Aebi reihenweise Fördergelder ein. Seinem 132-seitigen (!) Lebenslauf sind 43 Projekte zu entnehmen, die mit Beträgen von total 4,6 Millionen Franken finanziert sind. Die meisten mit Schweizer Staatsgeldern. Eine von Aebis grössten Errungenschaften ist die Mitarbeit am Schweizerischen Implantat-Register (Siris). Rund 90 Prozent aller Hüft- und Knie-Prothesen, die seit 2012 operiert wurden, sind darin aufgeführt. So kann die Qualität von Spitälern und Implantaten kontrolliert werden. Aebi ist Präsident des Stiftungsrats.

Andreas Mischler, Geschäftsführer von Siris, sagt: «Max Aebi hat immer für eine bessere Kontrolle von Prothesen gekämpft.» Warum Aebi trotz ungenügenden Affentests die Bandscheibenprothesen am Menschen guthiess? Es bleibt schwer nachzuvollziehen.

Tatsächlich aber gibt es einen weiteren Riss in der Bilderbuchkarriere des Starchirurgen. Im Jahr 2005 brach zwischen der Universität und der Firma Synthes ein Rechtsstreit aus. Synthes ist der Milliardenkonzern des Berner Unternehmers Hansjörg Wyss. Es ging um Technologie-Patente, die teils von der Universität beansprucht wurden.

Im Jahr 2012 wies das St. Galler Patentgericht die Beschwerde der Hochschule ab. Mit ein Grund für den Entscheid war ein Dokument, das ohne Wissen der Universität von Max Aebi unterzeichnet worden war. Das Papier bestätigte, dass alle Rechte im Besitz der Firma Synthes seien. Die Universität ging leer aus.

Barnaby Skinner, Catherine Boss

Implant Files



Im Zuge der weltweiten Enthüllungen über Missstände bei Medizinprodukten berichtete das Recherchedesk von Tamedia am Dienstag über zwei Schweizer Professoren, die klinische Tests einer Bandscheibenprothese zugelassen hatten, obwohl Versuche an Affen ungünstige Resultate zeigten. Die Scheiben mussten später nach verheerenden Folgen zurückgezogen werden. Einer der beiden, der Chirurg Max Aebi, reagierte gestern erstmals in der Sendung «10 vor 10» von SRF. Der Grund für die Komplikationen liege nicht an der Prothese, sondern an der Qualität der Arbeit der Ärzte. Aebi sagte, das Material sei sehr empfindlich. Bei falscher Anwendung komme es zu einer Interaktion mit dem Gewebe. Die Prothese wurde aber von mehreren Ärzten in Deutschland und Belgien implantiert. Später musste sie bei gegen 90 Patienten wieder herausoperiert werden. Gestern überwies der Bundesrat das neue Heilmittelgesetz an die Räte. Die Kontrollmechanismen für Medizin­produkte sollen verschärft werden. (oz)

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