Prothesen-Skandal: Diese Produkte sind betroffen

Durchsuchen Sie unsere Datenbank: Erstmals lassen sich Rückrufe von Medizinprodukten weltweit vergleichen.

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«Der von Ihnen gesuchte Inhalt wurde verschoben.» Diese Fehlermeldung erhalten Interessierte, wenn sie auf der Internetseite der Europäischen Kommission mehr über Medizinprodukte erfahren wollen.

Die Fehlleitung im Internet ist symptomatisch. Es gibt wenige Branchen, die intransparenter sind als diejenige der Medizinprodukte. Bereits 2001 prüfte die EU die Einrichtung einer zentralen Datenbank, die alle im EU-Raum erhältlichen Medizinprodukte erfassen sollte: vom Herzschrittmacher über das Implantat bis zur Spritze.

Fünf Jahre später und nach Investitionen von umgerechnet 1,3 Millionen Franken kamen die Projektverantwortlichen zum Schluss, dass die Einrichtung einer zentralen Datenbank für Ärzte, Patienten und Spitäler eine gute Idee sei. So wäre endlich für den nötigen Informationsaustausch gesorgt. Produkte könnten richtig eingesetzt und die fehlerhaften Geräte schneller erkannt und gänzlich vom Markt verschwinden. Zwölf Jahre später ist noch immer nichts passiert.

Es gibt Dutzende Beispiele von Produkten, die in der EU und damit der Schweiz zugelassen, in den USA aber verboten sind. Das zeigt die internationale Recherche der Implant Files. Die Magec Rods der Firma Nuvasive zum Beispiel. Magec Rods kommen vor allem bei Kindern zum Einsatz, die an einer Rückenverkrümmung leiden. Tatsächlich ist es in Europa, in Grossbritannien etwa, zu Vorfällen gekommen, bei denen die Rods auseinander gebrochen sind.

Seit Sonntagabend haben Patientinnen und Patienten weltweit eine Ausweichmöglichkeit. Koordiniert vom International Consortium for Investigative Journalism (ICIJ) und unter Mitarbeit des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia ist in den letzten zwölf Monaten die erste länderübergreifende zentrale Datenbank für Rückrufe und Sicherheitshinweise von Medizinprodukten entstanden.


70'000 Rückrufe und Warnhinweise

Hinweis: Die Datenbank ist derzeit nicht mit der Mobile-App dieser Zeitung kompatibel, funktioniert aber im Desktop- oder Mobile-Browser. Den direkten Zugriff auf die Datenbank haben Sie hier: https://medicaldevices.icij.org

In der Datenbank können aktuell 70'000 Rückrufe und Warnhinweise aus 11 Ländern durchsucht werden. Aus der Schweiz, den USA, Spanien, den Niederlanden, aus Australien, Kanada, Finnland, Mexiko, Indien, dem Libanon, Peru. In den nächsten Wochen sollen 25 weitere Länder hinzukommen. Die Datenbank soll zudem in weiteren Sprachen erscheinen. Aktuell ist sie nur auf Englisch verfügbar.


Was ist diese Datenbank?
Die International Medical Devices Database (IMDD) bietet einen beispiellosen Einblick in ein problematisches System. Die Recherche der Implantat Files zeigte, dass nur jedes fünfte Land weltweit seinen Bürgern Onlinedaten über Medizinprodukte zur Verfügung stellt. Die Schweiz stellt immerhin Rückrufaktionen und Sicherheitshinweise bereit. Allerdings wertet die zuständige Behörde Swissmedic diese nicht systematisch aus. Auf ihrer Website werden alle Meldungen gleich behandelt. Schwerwiegende Produktfehler wie Implantate, die sich im Körper von Patienten auflösen, stehen neben banaleren Vorkommnissen, wie Pflaster, deren Verpackung während der Produktion angerissen worden ist.

Wie kann ich die Datenbank nutzen?
Nehmen wir an, Sie tragen eine bestimmte Hüftprothese. Zum Beispiel eine der Firma Depuy. Indem Sie den Namen Ihres Hüftimplantats, zum Beispiel HSR, in die Suchmaske eingeben, können Sie nachschlagen, ob das Gerät bereits in einem anderen Land zurückgerufen wurde oder eben nicht.

Warum ist die Datenbank nur auf Englisch?
Sie wird in den kommenden Wochen auf Deutsch übersetzt und erscheint an derselben Stelle.

Warum sind nur Rückrufe aus 11 Ländern dabei?
Es werden in den nächsten Wochen 25 weitere Nationen hinzukommen. Darunter zum Beispiel Deutschland und Italien. Das sind dann auch schon alle. Nur 36 Länder weltweit führen öffentliche Register mit Angaben zu fehlerhaften Medizinprodukten.

Wer hat die Datenbank gebaut?
An der gesamten Recherche der Implant Files waren 250 Reporter und Datenspezialisten von 58 Medienunternehmen involviert. Koordiniert wurde sie vom International Consortium of Investigative Journalism in Washington (USA). An der Datenbank selbst arbeiteten 27 Datenjournalisten und Entwickler aus der ganzen Welt, darunter das Datenteam und das Recherchedesk der Redaktion Tamedia.

Erstellt: 28.11.2018, 07:04 Uhr

Implant Files



Medizinprodukte und Implantate sind ein Milliardengeschäft. Der Markt bei den über 65-Jährigen wächst bis 2030 laut UBS um 60 Prozent. Doch der Boom hat Opfer. Zu viele unausgereifte und gefährliche Implantate kommen auf den Markt. Dies zeigen die Implant Files, eine Recherche von 58 Medien unter dem Dach des International Consortium for Investigative Journalists. Recherchedesk und Datenteam von Tamedia berichten diese Woche über die Schweizer Ergebnisse.

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