Wofür erhielt der Chefarzt das Geld?

Ein Chirurg soll für den Einsatz von Implantaten einer St. Galler Medtech-Firma Provisionen bezogen haben. Die Zahlungen wurden als Honorare getarnt.

Vereinbarung zwischen Kaderfrau und Arzt: Chirurg Afshar-Möller erhielt vom Verkauf der Icotec-Medizinprodukte an die Klinik offenbar zehn Prozent Provision. Symbolbild: Getty

Vereinbarung zwischen Kaderfrau und Arzt: Chirurg Afshar-Möller erhielt vom Verkauf der Icotec-Medizinprodukte an die Klinik offenbar zehn Prozent Provision. Symbolbild: Getty

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Als die deutschen Korruptions-Ermittler das Büro und das Haus von Chefarzt Hamid Afshar-Möller vom Klinikum Leer in Norddeutschland durchsuchten, stiessen sie auf ein paar seltsame Dokumente. Sie stiessen auf verdächtige Zahlungen. In zwölf Tranchen soll er Geld erhalten haben. Jedes Mal 1500 Euro. Als Grund für die Überweisungen wird in einer Notiz zum Beispiel angegeben: «2 x Luzern» oder «2 x Meeting Schweiz, 22.02. und 23. 08.2013, ‘neue Produkte’».

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte der Deutsche Spezialist Termine in der Schweiz wahrgenommen und sei dafür bezahlt worden. Nur: Der Spital eigene Terminplaner des Chefarztes zeigt, dass der Leiter der Wirbelsäulenchirurgie zu diesen Zeiten im Klinikum Leer am Operationstisch stand. Wofür erhielt er also das Geld?

Die Zentralstelle für Korruptionsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Osnabrück hat letzte Woche gegen den Chirurgen Afshar-Möller wegen Vorteilsannahme und Bestechlichkeit Anklage erhoben. Ebenfalls angeklagt sind Verantwortliche von zwei Firmen der Medizintechnikbranche, die zum Teil aus der Schweiz heraus operieren. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit.

128'000 Euro privat eingesteckt

Im ersten Fall geht es um die Firma Icotec Medical Gmbh in Norddeutschland, ein Ableger des Unternehmens Icotec AG im Kanton St. Gallen. Die Firmen werden von CEO Roger Stadler am internationalen Hauptsitz der Firma in Altstätten geführt. Einer ehemaligen Kaderfrau der Icotec in Deutschland sowie Chefarzt Afshar-Möller werden jetzt Korruption in einem «besonders schweren Fall» vorgeworfen. «Wir bestätigen, dass ein Strafverfahren gegen eine ehemalige Mitarbeiterin von Icotec GmbH und deshalb auch gegen Icotec geführt wird», sagte Stadler am Montag auf Anfrage. «Im Übrigen können wir uns zu einem laufenden Verfahren nicht äussern.»

Laut den Ermittlern haben die Kaderfrau und der Arzt vereinbart, dass der Chirurg vom Verkauf der Icotec-Medizinprodukte an die Klinik zehn Prozent Provision erhalte. Von 2011 bis 2016 habe der Arzt dadurch 128’000 Euro privat eingesteckt. Die gelieferten Produkte seien praktisch zu 100 Prozent in der Abteilung des Wirbelsäulenspezialisten eingesetzt worden. Als er das Spital verliess, sei der Umsatz praktisch auf Null zurückgegangen.

Um den wahren Grund für die Banküberweisungen an den Arzt zu verschleiern, seien die Provisionszahlungen laut Untersuchung aber als Honorare und ähnliches getarnt worden. Zum Beispiel als Tagessätze für Icotec-Anlässe in der Schweiz. Damit sei der Eindruck erweckt worden, der Arzt «habe an Meetings, Kongressen und Vorträgen oder Hospitationen teilgenommen, ohne dass es dafür eine tatsächliche Basis gegeben» hat. Ein Abgleich mit dem Terminkalender des Spitals hat das gezeigt.

Dies alles steht in einem Urteil des Arbeitsgerichts Emden, das die «Ostfriesen-Zeitung» am Freitag publik machte. Das Gericht befasste sich nicht mit der mutmasslichen Korruption, sondern mit der fristlosen Kündigung des Arztes. Doch es enthält wichtige Details der Affäre.

Etwa, dass es beim Chirurgen Hausdurchsuchungen gab. Dabei seien die Strafverfolger unter anderem auf E-Mails gestossen, die belegen sollen, dass der Arzt für die Firma Umsatz machte. Die damalige Geschäftsleiterin von Icotec schrieb ihm zum Beispiel: «Vielen herzlichen Dank für die wunderbaren Umsätze der vergangenen Zeit».

Vorwürfe bestritten

Der beschuldigte Arzt bestreitet die Vorwürfe. Sie seien «aus der Luft gegriffen». Er habe «für die Firma Icotec Medical GmbH aus der Schweiz zwar durchaus mehrfach im üblichen Rahmen Vorträge (...) gehalten», wird er im Urteil des Arbeitsgerichtes zitiert, doch das sei «ordnungsgemäss vergütet worden». Vor Gericht brachte er auch den Einwand vor, es sei nicht bekannt, von wem die Auflistung der Zahlungen stamme.

Und er habe im übrigen «im Zusammenhang mit seiner Vortragstätigkeit auch an Videokonferenzen teilgenommen». Damit wollte er möglicherweise das Argument kontern, er sei zum gegebenen Zeitpunkt im Spital und nicht etwa in der Schweiz gewesen. Das Urteil des Arbeitsgerichts ist nicht rechtskräftig. Für den Arzt wie auch für die vormalige Geschäftsführerin von Icotec gilt die Unschuldsvermutung.

Beschuldigter aus Basel

Die zweite Anklage der Osnabrücker Ermittler richtete sich gegen den Geschäftsführer der Firma Arca-Medica mit Adresse im deutschen Neuenburg am Rhein. Die Firma hat auch einen Sitz in Basel, der zurzeit liquidiert wird, und der Beschuldigte ist laut Handelsregister dort domiziliert. Die Ermittler werfen ihm vor, dem Arzt einen unrechtsmässigen Vorteil gewährt zu haben.

Der Firmeninhaber und der Mediziner hätten ab dem Jahr 2010 gemeinsam ein Implantat für die Wirbelsäulenchirurgie entwickelt. Der Arzt habe dafür gesorgt, dass die Prothese in seiner Klinik eingesetzt wurde. Als Gegenleistung soll er prozentual an den Umsätzen mit dem Implantat beteiligt worden sein. Laut der Staatsanwaltschaft hat er zwischen 2011 und 2015 insgesamt 14’000 Euro einkassiert. Der Geschäftsführer der Arca-Medica reagierte bisher nicht auf Anfragen. Auch in diesem Fall gilt für beide die Unschuldsvermutung.

Für Chefarzt Afshar-Möller ist der vorliegende Fall bereits die zweite Anklage. Letztes Jahr hat ihn die Deutsche Staatsanwaltschaft Aurich wegen Körperverletzung in 53 Fällen angeklagt. Der Prozess steht noch bevor. Afshar-Möller hat bei Patienten die künstliche Bandscheibe Cadisc-L eingesetzt. Das Implantat hat in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht.

90 Patienten wieder heraus operiert

Der Recherchedesk von Tamedia machte publik, dass die Prothese von zwei Schweizer Professoren mitentwickelt wurden. Der Berner Professor und Starchirurg Max Aebi sass nicht nur als Chef im wissenschaftlichen Beirat der britischen Herstellerfirma Ranier Technology. Er implantierte die Kunststoffscheibe in der Schweiz auch bei mindestens sieben Patienten. Bei der Entwicklung dabei war auch Professor Thomas Steffen, tätig an der Uni Zürich.

Recherchen haben gezeigt, dass das Implantat zuerst bei Affen getestet wurde. Obwohl Ergebnisse von Studien ungünstig waren, liess die Firma die Prothese zuerst in einem Versuch an Menschen einsetzen, dann, acht Monate später, kommerziell verkaufen. Seither musste das Implantat europaweit bei gegen 90 Patienten wieder heraus operiert werden. Es hatte sich in ihrem Rücken zersetzt. Das passierte auch einer Patientin von Max Aebi.

Die Staatsanwaltschaft Aurich wirft dem deutschen Arzt vor, er habe seine Patienten falsch oder zumindest ungenügend über das Implantat informiert. Zurzeit gibt es keinen Hinweis, dass es im Korruptionsfall um das Implantat Cadisc-L geht.

Erstellt: 11.12.2018, 08:45 Uhr

Implant Files



Im Zuge der weltweiten Enthüllungen über Missstände bei Medizinprodukten berichtete das Recherchedesk von Tamedia am Dienstag über zwei Schweizer Professoren, die klinische Tests einer Bandscheibenprothese zugelassen hatten, obwohl Versuche an Affen ungünstige Resultate zeigten. Die Scheiben mussten später nach verheerenden Folgen zurückgezogen werden. Einer der beiden, der Chirurg Max Aebi, reagierte gestern erstmals in der Sendung «10 vor 10» von SRF. Der Grund für die Komplikationen liege nicht an der Prothese, sondern an der Qualität der Arbeit der Ärzte. Aebi sagte, das Material sei sehr empfindlich. Bei falscher Anwendung komme es zu einer Interaktion mit dem Gewebe. Die Prothese wurde aber von mehreren Ärzten in Deutschland und Belgien implantiert. Später musste sie bei gegen 90 Patienten wieder herausoperiert werden. Gestern überwies der Bundesrat das neue Heilmittelgesetz an die Räte. Die Kontrollmechanismen für Medizin­produkte sollen verschärft werden. (oz)

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