Implantat-Skandal: Berner Starchirurg reagiert auf Vorwürfe

Der Arzt Max Aebi hat sich in der Sendung «10 vor 10» dagegen gewehrt, er sei verantwortlich für den Einsatz von fehlerhaften Bandscheiben-Prothesen. Die operierenden Ärzte hätten fehlerhaft gearbeitet.

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Max Aebi, Chirurg am Berner Salem-Spital und ausserdem Präsident des Stiftungsrats des Schweizerischen Implantat-Registers, hat nach vier Tagen erstmals auf Vorwürfe gegen ihn im Implantate-Skandal reagiert. Der Recherchedesk von Tamedia berichtete, dass der weltweit anerkannte Wirbelsäulenexperte als Leiter des wissenschaftlichen Beirats der Firma Ranier klinische Tests der Bandscheiben-Prothese Cadisc-L an Menschen zugelassen habe, obwohl vorangegangene Versuche an Affen ungünstige Resultate zeigten.

Rund drei Jahre nach den Operationen mussten die Prothesen vieler Patienten wieder herausoperiert werden, nachdem die Patienten grosse Schmerzen litten. Sie hatten sich im Körper der Patienten zersetzt.

Aebi sagte in der Sendung «10 vor 10», der Grund dafür liege nicht an der Prothese, sondern an der Qualität der Arbeit der Ärzte. Aebi sagte: «Das Material ist aus Polyurethan, das ist sehr empfindlich an der Oberfläche. Und wenn man die Oberfläche nicht sorgfältig schützt während der Operation, dann kann sich diese Polyurethan-Oberfläche verletzen. Und dann kommt es zu einer Interaktion mit dem Gewebe.»

Tatsächlich wurde die Prothese aber von mehreren Ärzten in Deutschland und Belgien implantiert. Später musste die künstliche Bandscheibe bei gegen 90 Patienten wieder herausoperiert werden. In einer Klinik in Norddeutschland waren es alleine 69 Scheiben von 114, die wieder entfernt wurden.

Sicher ist auch, dass Max Aebi nach den Tierversuchen an einer Sitzung des wissenschaftlichen Beirats der Herstellerfirma Ranier teilnahm, an der die bevorstehenden Versuche an Menschen diskutiert wurde. Er hat dabei laut Sitzungsprotokollen die negativen Resultate der Affenversuche kleingeredet. Und sich für Tests an Menschen ausgesprochen.

Aebi betonte aber, es habe auch positive Versuche mit Affen gegeben. Er sagte: «Das, was man hier zeigt, das war der erste Affe, bei dem man diese speziell konstruierte Prothese verwendet hatte. Dann sagte man, diese Prothese ist nicht gut, die muss man anders adaptieren. Und nachher ist eine ganze Serie an Affen gekommen, bei denen das Problem eigentlich nicht auftrat. Von dem wird einfach hier nicht geredet.»

Der Recherchedesk hat umfangreiche Dokumente eingesehen, die zeigen, dass ein erster Versuch mit Pavianen versagte, weil die Implantate falsch eingesetzt worden seien.

Aber auch der zweite Versuch an fünf Affen brachte ungünstige Resultate. Bei vier von fünf Affen zeigten sich schwerwiegende Probleme, zum Beispiel Erosionen am Knochen. Bei einem Affen wanderte das Implantat leicht nach links. Dies war die Analyse eines britischen Radiologen, der für Ranier am 25. Juni 2009 einen Bericht verfasste. Er sprach von «beunruhigende Veränderungen» bei vier von fünf Objekten. Diesen Befund bestätigten auch Chefärzte in der Schweiz, nachdem sie die Röntgen-Bilder der Paviane gesehen haben.

Aebi sagte zur Sendung «10 vor 10», er habe die künstliche Bandscheibe insgesamt bei sieben Schweizer Patienten implantiert. Und er hätte danach über zwei Jahre Nachkontrollen durchgeführt: «Während dieser Nachkontrollen ist nie etwas aufgefallen, das nicht sein sollte. Den Patienten ist es zum Teil sehr gut gegangen. Eine Patientin hat zwei Kinder geboren nach dieser Operation. Bis heute habe ich nichts gehört.»

Erstellt: 30.11.2018, 22:11 Uhr

Implant Files



Medizinprodukte und Implantate sind ein Milliardengeschäft. Der Markt bei den über 65-Jährigen wächst bis 2030 laut UBS um 60 Prozent. Doch der Boom hat Opfer. Zu viele unausgereifte und gefährliche Implantate kommen auf den Markt. Dies zeigen die Implant Files, eine Recherche von 58 Medien unter dem Dach des International Consortium for Investigative Journalists. Recherchedesk und Datenteam von Tamedia berichten diese Woche über die Schweizer Ergebnisse.

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