Jedes dritte Brustimplantat muss raus

«Lebenslang haltbar» sollen sie sein – das versprechen die Hersteller. Doch die Werbung stimmt in den wenigsten Fällen. Jetzt warnt auch die US-Heilmittelbehörde vor den Risiken.

Ein Schweizer Chirurg schätzt, dass jede dritte Frau mit Brustimplantaten ein zweites Mal operiert werden muss. Foto: Getty Images/fStop

Ein Schweizer Chirurg schätzt, dass jede dritte Frau mit Brustimplantaten ein zweites Mal operiert werden muss. Foto: Getty Images/fStop

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Tausende Frauen lassen sich in der Schweiz jedes Jahr Brustimplantate einsetzen. Die Jüngsten unter ihnen sind noch nicht 20Jahre alt. Dabei ist vielen Frauen nicht klar, worauf sie sich da einlassen.

Zurzeit laufen in den USA Sammelklagen gegen den Hersteller Allergan, weil der Verdacht besteht, dass ein bestimmter Implantat-Typ einen seltenen Krebs erzeugen kann. Bei der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic gibt es bisher vier gemeldete Fälle, in Europa rund 300. In Facebook-Gruppen in den USA und Europa klagen immer mehr Frauen, dass sie auch mit anderen Typen Beschwerden haben und vor der Operation die Risiken nicht kannten.

Jetzt hat die FDA, die Heilmittelbehörde der USA, reagiert. Nach Hearings mit Experten und betroffenen Frauen hat die Behörde vor zwei Wochen eine Warnung in die Vernehmlassung geschickt. Sie will, dass Hersteller von Brustimplantaten im Beipackzettel viel umfassender auf Risiken hinweisen. Und sie fordert, dass Frauen mit einer Checkliste informiert werden, bevor sie sich zur Brustoperation entschliessen.

Hohe Zahlen in der Schweiz

Die Checkliste hat es in sich. Die FDA hat Studien ausgewertet, welche alle Hersteller für die Zulassung ihrer ­Implantate einreichen müssen. Daraus hat sie Durchschnittswerte für Risiken errechnet. Über Langzeitfolgen steht beispielsweise, dass Brustimplantate in bis zu 30 Prozent der Fälle reissen oder auslaufen, dass je nach Implantat jede zweite Frau Schmerzen hat und dass bis zu 59 Prozent der Betroffenen später erneut operiert werden müssen.

Für Cédric George, Plastischer Chirurg und Chef der Klinik Pyramide am See in Zürich, sind die hohen FDA-Zahlen nachvollziehbar, wenn man ältere Implantate, die viele Frauen noch in sich tragen, mit einbezieht. Aber auch mit neuen Produkten liege die Rate an erneuten Operationen bei 20 bis 30 Prozent. Somit muss jede fünfte bis jede zweite Frau wegen ihrer Implantate später erneut unters Messer.

Ungeachtet dessen, versprechen Hersteller und zum Teil auch Schönheitschirurgen den Frauen für Implantate eine lebenslängliche Haltbarkeit. Das Implantat halte vielleicht ein Leben lang, erklärt Chefarzt George, aber der Körper verändere sich, deshalb müsse man später oft erneut operieren. «Wenn man mit Implantaten nie Probleme haben will, sollte man keine einsetzen lassen», sagt er. Auch Swissmedic sagt auf Anfrage, langjährige Erfahrungen mit Brustimplantaten zeigten, dass diese zeitlich begrenzt haltbar sein können. Hersteller haben bei Swissmedic in den letzten zwei Jahren 126 gravierende Vorfälle wegen Brustimplantaten gemeldet.

Krank nach zehn Jahren

Hätte sie die Risiken damals gekannt, wäre sie nie auf die Idee gekommen, ihre Brüste vergrössern zu lassen, sagt die 48-jährige zweifache Mutter Nathalie D. aus Lausanne. Sie liess sich mit 32Jahren operieren, weil ihre Brüste klein waren und man einen Knoten fand. «Der Chirurg sagte mir, das Implantat halte ein Leben lang, es sei so stark, es könne ein Lastwagen darüberfahren.» Nach der Operation war sie zehn Jahre lang zufrieden. Auch wenn die Brüste nackt etwas künstlich ausgesehen hätten, wie sie sagt. «In Kleidern war meine Form schön.»

«Wenn man mit Implantaten nie Probleme haben will, sollte man keine einsetzen lassen.»Cédric George, Plastischer Chirurg

Doch dann wurde sie zunehmend krank. «Die Symptome waren unspezifisch, deshalb sah ich den Zusammenhang mit den Implantaten nicht sofort», sagt sie. Sie hatte Gelenk-, Muskel-, ­Nacken- und Kopfschmerzen, gereizte Augen, starke Gedächtnisstörungen, ihr war ständig übel. «Ich sass manchmal im Büro, und mein Kopf war ganz umnebelt. Ich konnte Wörter nicht finden und hatte Mühe, mich auf die Arbeit zu konzentrieren.» Mit viel Anstrengung habe sie versucht, das zu kaschieren. Auch die Brüste taten ihr weh.

Vor einem Jahr berichteten Medien weltweit über die sogenannten Implant Files. Für die Schweiz war das Recherchedesk von Tamedia dabei. Es ging um fehlerhafte Implantate – wie Bandscheibenprothesen, aber auch Brustimplantate. «Die Implant Files haben mich unheimlich motiviert, mich zu wehren», sagt die Deutsche Melanie Fröhlich. Auch sie hatte Beschwerden mit Brustimplantaten. In den USA gab es bereits eine Facebook-Gruppe mit gegen 100'000 Frauen. Nach den Medien­berichten gründete Fröhlich mit zwei weiteren Frauen für Europa die Gruppe «Risiken von Brustimplantaten». Der Zulauf ist gross, auch aus der Schweiz schliessen sich Frauen an. Unter anderen Nathalie D.

«Als ich auf Facebook von den vielen anderen Frauen in Deutschland und der Schweiz las und von ihren Symptomen hörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen», sagt sie. Genauso habe sie es auch erlebt, mit den gleichen Beschwerden. «Da war mein Entschluss gefasst: Die Implantate mussten raus.» Seither seien nicht alle, aber viele Symptome verschwunden.

Die beiden Frauen freuen sich über den Schritt der US-Heilmittelbehörde. «Die Warnung und die Checkliste sind ein Riesenschritt», sagt Fröhlich, «es ist vor allem den Frauen zu verdanken, die sich seit Jahren dafür einsetzen.»

Inaktive Schweizer Behörden

Und was tut die Schweizer Heilmittelbehörde? Auf Anfrage heisst es, die Behörde sei im Gegensatz zur FDA für die Produktsicherheit und nicht für Anwenderfragen zuständig, die behandelnden Ärzte seien gefordert, Patientinnen deutlich über alle bekannten Risiken aufzuklären, sagt Bernhard Bichsel, Leiter der Abteilung Medizinprodukte.

Der boomende Markt der Schönheitschirurgie ist wenig reglementiert. Es gibt für Schönheitschirurgen keinen geschützten Facharzttitel, und es sind sogar Rabatte für Mehrfachoperationen möglich. Kundinnen der Lucerne Clinic, einer Klinik für Schönheitschirurgie in Luzern, erhalten beispielsweise eine Preisreduktion von 2000 Franken, wenn sie am selben Tag mehrere Eingriffe buchen. Die Klinik erklärt auf Anfrage: Es handle sich meist um OPs in derselben Körperzone, dabei gebe die Klinik bei diesen Kombinationseingriffen die interne Kostenersparnis in Form eines Preisnachlasses den Patienten weiter.

Die Luzerner Dienststelle Gesundheit und Sport (GS) stellt sich nicht gegen solche Angebote. Solche Eingriffe seien keine medizinische Notwendigkeit. Wohl könnten sie negative Folgen für die Gesundheit der Betroffenen haben, es sei aber nicht Aufgabe des Kantons, die Öffentlichkeit vor der «Verleitung» zu solchen Eingriffen besonders zu schützen, sagt GS-Leiter David Dürr auf Anfrage.

Schwieriger Nachweis von Krebs

Für den Zürcher Chirurgen Cédric George ist es in der aktuellen Diskussion wichtig, die Risiken sehr ernst zu nehmen, die Brustimplantate aber auch nicht zu verteufeln. «Sie machen sehr viele Leute glücklich, denn Menschen müssen sich auch ästhetisch wohlfühlen.» Er warnt davor, die Frauen zu verängstigen. Die Klagen gegen den Hersteller Allergan wegen einer möglichen Krebsgefahr sowie die Beschwerden, von denen Frauen erzählten, seien schwer einzuordnen. «Es ist extrem schwierig, den Nachweis zu erbringen, dass es tatsächlich mit dem Implantat zusammenhängt», sagt er.

Nathalie D. bezahlt nicht nur wegen der Kosten für die Entfernung der Implantate einen hohen Preis. «Meine Brüste sind nicht mehr sehr schön. Sie sind klein, haben Narben, und die linke Brust ist deformiert.» Deshalb wird sie in drei Wochen noch einmal operiert. Auch wenn die Ästhetik nicht mehr stimmt, bereut sie die Entfernung nicht. «Ich fühle mich schon sehr viel besser.»

Recherchehinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 09.11.2019, 07:58 Uhr

The Implant Files

Schärfere Gesetze wegen Artikelserie

Am 25. November letzten Jahres lancierten mehr als 250 Journalisten aus 36 Ländern die «Implant Files». Die Artikelserie zeigte anhand einer ganzen Reihe von ­teilweise haarsträubenden Implantate-Versagen, welchen Risiken die Patienten ausgesetzt sind, wenn es um bestimmte medizinische Produkte geht. Für die Schweiz berichtete das Recherchedesk von Tamedia über Patienten, deren Wirbelsäulenimplantate sich im Rücken auflösten – verbunden mit massiven Schmerzen. Eingesetzt wurden sie von einem Schweizer Professor, der bei der Entwicklung der Implantate half. Das International Consortium of Investigative Journalists hat die «Implant Files»-­Recherche koordiniert. Inzwischen meldet es weltweit zahlreiche Reaktionen auf die Artikel. Viele Länder haben die Gesetze verschärft. Andere wollen nun Register für Implantate aufbauen, um die Probleme zu kontrollieren. In der Schweiz bewegt sich allerdings nichts. (red)

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