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Film-Highlight der WocheTödliches Gift im Trinkwasser

In «Dark Waters» kämpft ein Anwalt gegen einen Chemiekonzern. Dazu haben wir weitere Tipps zum aktuellen Kinoprogramm.

Anwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) kommt in «Dark Waters» einem Umweltskandal auf die Spur.
Anwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) kommt in «Dark Waters» einem Umweltskandal auf die Spur.
Foto: Ascot Elite

Dark Waters

Drama von Todd Haynes, USA 2019; 128 Min.

Er hat von Beginn an den Habitus eines Duckmäusers. Doch der in sich gebeugte US-Anwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) entwickelt ungeahnte Kräfte: Als er von einem Bauern aus seiner Heimat West Virginia zufällig erfährt, dass zweihundert von dessen Kühen gestorben sind und die neu errichtete Mülldeponie des Chemiekonzerns DuPont daran schuld sein könnte, wechselt er die Seiten – vom klassischen Konzernvertreter zum Anwalt des kleinen Mannes.

Dass «Dark Waters» auf Tatsachen beruht, ist kaum zu glauben. Zu dreist, zu widerwärtig sind die Vertuschungsversuche der Chemiefirma. Was Bilott im Film erst durch langwieriges Aktenstudium erfährt: Der Konzern hat seine Arbeiter und die Bevölkerung des Ortes bewusst getäuscht und verantwortet wegen Abfällen aus der Teflonproduktion Krankheiten und Todesfälle sonder Zahl.

Dass der für Zwischenmenschliches bekannte Todd Haynes («Carol») Regie führt, verwundert. Haynes schöpft denn auch kaum vom Empörungspotenzial des Stoffes, der auf einem Enthüllungsartikel des «New York Times Magazine» beruht, sondern behält – in unterkühlten Bildern – den Helden im Blick. Wie dieser ob der Last seiner Erkenntnisse immer mehr zerfällt, ist die leise Sensation dieses Filmes. Solche Ausführlichkeiten sind in heutigen Filmen eine Rarität. Im Fall von «Dark Waters» ist das nötig. (zas)

Abaton, Arena, Arthouse Le Paris, Kosmos

There Is No Evil

Drama von Mohammad Rasoulof, Iran/D/Cz 2020; 150 Min.

Kurz nachdem Mohammad Rasoulof Anfang Jahr mit seinem Drama den Goldenen Bären in Berlin gewonnen hatte, wurde er im Iran zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt und mit einem Berufsverbot für zwei Jahre belegt. Grund: «Propaganda gegen das System». Rasoulof aber ist keiner, der ins Exil flüchtet, er arbeitet sich auch mit «There Is No Evil» am Iran und insbesondere an der Todesstrafe ab. Drehen konnte er den Film nur, weil er die vier Episoden, aus denen das Ganze besteht, als verschiedene Kurzfilmproduktionen anmeldete und seinen Namen verschwieg. Das Resultat ist ein aus abgeschlossenen Episoden konstruiertes Drama über den Versuch, Würde und Charakter zu behalten im repressiven System, wo Männer nicht töten wollen, aber müssen, und Beziehungen zwischen Liebenden für immer vergiftet werden. Beeindruckend komplex, aber doch immer glasklar. (blu)

Ab Do 22.10. im Kino

Misbehaviour

Drama von Philippa Lowthorpe, GB/F 2020; 106 Min.

1970, Miss-World-Wahl in London. Die alleinerziehende Akademikerin Sally (Keira Knightley) und die 68er-Aktivistin Jo (Jessie Buckley) haben genug von massentauglicher Fleischbeschau, sie wollen die von US-Entertainer Bob Hope (Greg Kinnear) moderierte Show sabotieren. Nur wie? «Misbehaviour» spiegelt aktuelle Brennpunkte im historischen Event, es geht um #MeToo und «Black Lives Matter». Letzteres deshalb, weil im Film die dunkelhäutigen Miss-Kandidatinnen von Grenada und Südafrika um Sichtbarkeit in einer von Weissen dominierten Welt kämpfen. Das ist löblich, differenziert und unterhaltsam, für einen packenden Film aber trotzdem nicht genug – nur schon deshalb, weil die Frauengruppe um die etwas verlorene Jo bloss aus Passivmitgliedern zu bestehen scheint. (zas)

Abaton, Arena, Arthouse Alba, Corso

Futur Drei

Drama von Faraz Shariat, D 2020; 92 Min.

Das Pink Apple findet dieses Jahr in leicht anderer Form statt: Bis Mitte Dezember präsentiert das Festival jeweils am Dienstag sowie an einzelnen Wochenenden schwul-lesbisches Filmschaffen. Zur Eröffnung wird «Futur Drei» gezeigt: Parvis (Benjamin Radjaipour) ist als Kind von Exil-Iranern in Deutschland aufgewachsen. Seine Homosexualität lebt er frei. Wegen Ladendiebstahls wird er zu Sozialdienst verurteilt, den er als Dolmetscher in einem Flüchtlingsheim ableisten muss. Dort versucht er, mit falschen Übersetzungen den Asylsuchenden zu helfen – und er lernt einen jungen Iraner (Eidin Jalali) kennen. Eine elegant erzählte Liebesgeschichte mit wunderbar trockenem Humor ist das. (ggs)

Di 20.10., 20.15 Uhr, Arthouse Le Paris; Sa 21.11., 16 Uhr, Arthouse Movie.

Pink Apple: Di 20.10. bis Di 15.12.

Who’s Afraid of Alice Miller?

Dokumentarfilm von Daniel Howald, CH 2020, 101 Min.

Alice Miller (1923-2010) war eine weltbekannte Psychologin, die sich für die Rechte von Kindern einsetzte. Ihrem eigenen Sohn war sie jedoch eine lieblose Mutter, und dass er vom Vater geschlagen wurde, hat sie nie verhindert. Heute ist Martin Miller selbst Psychologe. Er spürt dem Leben seiner Mutter nach, um den Widerspruch zwischen ihrem öffentlichen Engagement und der privaten Kälte zu verstehen. Die Spurensuche führt nach Polen, wo Alice Miller als Jüdin den Holocaust dank einer falschen Identität überlebte. Ein aufwühlender Film darüber, wie sich Traumata über Generationen hinweg vererben. (ggs)

Ab Do 22.10. im Kino

I Am Greta

Dokumentarfilm von Nathan Grossman, S 2020; 97 Min.

Der schwedische Regisseur Nathan Grossman folgt Greta Thunberg in seinem Dokumentarfilm auf Schritt und Tritt – erstaunlicherweise schon bei ihren ersten «Schulstreik fürs Klima»-Aktionen. Auf einer Segeljacht, die sie an den UN-Klimagipfel in New York bringt, bricht es dann aber unter Tränen aus ihr heraus: «Das alles ist zu viel für mich!» (zas)

Arena, Houdini, Kosmos

Fr 16.10., 18 Uhr, Kosmos, Premiere mit Podium zum Thema «Der Klimastreik und die Schweizer Klimapolitik».

The Assistant

Thriller von Kitty Green, USA 2019; 85 Min.

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die Australierin Kitty Green von einer modernen Sklavin (Julia Garner), die sich in einer Filmproduktionsfirma nach oben arbeiten möchte. Das ist brillant und beklemmend umgesetzt: So blickt die Kamera konsequent auf die Protagonistin herab – und auf das, was der Psychoterror mit ihr macht. (zas)

So 18.10., 21 Uhr, Riffraff, Vorpremiere

Ab Do 22.10. im Kino

Big

Komödie von Penny Marshall, USA 1988; 104 Min.

Der zwölfjährige Josh blamiert sich vor seinem Schwarm, weil er zu klein für die Achterbahn ist. Er wünscht sich, gross zu sein. Da erfüllt ihm ein unheimlicher, magischer Spielautomat den Wunsch, indem er ihn zu einem Erwachsenen macht. Der junge Tom Hanks ist unwahrscheinlich charmant als Kind im Körper eines Mannes, und der Film hat ein paar überraschend clevere Witze parat. Aus heutiger Sicht ist allenfalls befremdlich, wie sehr besinnungsloser Konsum verherrlicht wird – der erwachsene Josh findet Arbeit bei einem Spielzeugkonzern, und da bekommt «Big» etwas von einem langen Werbeclip. (ggs)

Auf Disney+.

The Elephant Man

Drama von David Lynch, USA/GB 1980; 124 Min.

Im späten 19. Jahrhundert wird Joseph Merrick (John Hurt) in einer Freakshow vorgeführt – wegen einer körperlichen Deformation nennt man ihn den Elefantenmenschen. Ein Arzt (Anthony Hopkins) rettet ihn jedoch aus den Fängen der Schausteller und stellt fest, dass hinter dem monströsen Äusseren eine sensible Persönlichkeit steckt. David Lynch schildert die wahre Geschichte in stimmungsvollen Schwarzweissbildern. Hauptdarsteller John Hurt musste für die Rolle jeweils sieben bis acht Stunden in der Maske sitzen. (ggs)

Mo 26.10., 18 Uhr; Mi 28.10., 20.45 Uhr; So 8.11., 15 Uhr, Filmpodium.