Träumen mit Diego

Gedanken an Argentiniens WM-Sieg von 1986 erlauben die Rückkehr in längst vergangene Zeiten. Am Ende siegt jedoch wieder die Realität.

Die Hand Gottes umfasst den Weltpokal: Diego Armando Maradon 1986 nach dem 3:2-Finalsieg von Argentinien gegen Deutschland. Foto: Reuters

Die Hand Gottes umfasst den Weltpokal: Diego Armando Maradon 1986 nach dem 3:2-Finalsieg von Argentinien gegen Deutschland. Foto: Reuters

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Ich liebe es, wenn das Leben mit den Augen zwinkert. Ich versuche den Sinn dieser Hinweise umzudeuten, sie aus dem Zusammenhang zu reissen, um daraus eine Geschichte zu bauen.

Heute Morgen, als ich für das Frühstück den Tisch deckte, holte ich zwei Plastiksets hervor, die wie eine Zeitung bedruckt sind. Mit Ausschnitten aus den Geburtsjahren der fünf Mitglieder meiner Familie, in denen über wichtige Ereignisse dieser Jahre berichtet wird. Ich legte «Fausto Coppi, Sieger der Tour de France» von 1949 und «Diego Maradona», den WM-Pokal schwenkend, auf den Tisch. Beim Betrachten von Diegos Bild fiel mir natürlich der Zufall auf: 1986 besiegte Argentinien Deutschland 3:2.

Und plötzlich war ich wieder dort. Weil wir, meine Frau und ich, zu knapp vor Spielbeginn angekommen waren, schaffte ich es nie bis zu meinem nummerierten Sitz und verfolgte das Spiel auf einer überfüllten Rampe. Meine Frau, die mit Morgan schwanger war, verliess wütend das Stadion, um draussen zu warten. Sie hoffte, dass ich bei Halbzeit zu ihr kommen würde, doch natürlich wollte ich meinen privilegierten Platz nicht opfern. Am Ende des Spiels empfing sie mich mit blumigen Worten. Trotzdem leben wir noch immer zusammen (sie muss mich sehr lieben . . . ). Und die Episode ist zu einer schönen Erinnerung geworden, über die wir heute lachen können.

Das weisse Kreuz der Cousine

Dank Diego tauche ich in meine Vergangenheit, weit zurück. Es heisst ja, dass die Leute ab einem gewissen Alter (das ich nur wenig oder gar nicht spüre) in die Kindheit zurückfallen. Ich ziehe noch einmal das rote Trikot an, auf das meine Cousine Mariette ein weisses Kreuz genäht hat, ich kehre zum «Tschutten» auf die Strasse zurück und wähle den Namen eines bekannten Spielers, um ihn bei unserem kleinen Match zu verkörpern.

Die richtige Chronologie muss mich nicht kümmern, ich kann Vergangenheit und Gegenwart vermischen. Was mir erlaubt, mein Auge auf die Namen der heutigen Spieler zu werfen. Deutschland ist nicht exotisch genug. Argentinien ist attraktiver. Liegt weiter weg und ist mysteriöser. Weil ich der Jüngste bin, darf ich als Erster wählen. Ich werde Messi, um wie ein Gott zu spielen. Ich bin Lionel, weil er der Kleinste ist. Ich dribble, gebe Pässe, schiesse Tore.

Auf dem Asphalt meines Quartiers übernehme ich ohne Probleme die Rolle von «La Pulga», des Flohs. Doch wenn ich daran denke, für den ­Finaltag in Messis Haut zu schlüpfen, werde ich schwach: die Erwartung eines Volkes, das, blau-weisse Leibchen schwenkend, ohne Unterbruch singt: «Du wirst Messi sehen, er bringt uns den Pokal.»

Von einer Milliarde beurteilt

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich in den Schlüsselmomenten meiner Karriere als Spieler und Trainer eine gewisse mentale Stärke besass. Nun bereite ich, Lionel, erfüllt mit Stolz, mich auf das Spiel des Triumphs vor. Ich spüre diesen intensiven Druck, den ich mir selber mache, um der Beste von allen zu werden. Ich vermeide es, an die Erwartungen der andern zu denken, an die Millionen, an die Milliarde, die mich beurteilen wird. Ich bin in Form. Meine Kondition, mein Schuss, meine Ballführung und mein Vertrauen laufen auf Hochtouren. Doch ich spüre die Massnahmen, die bei dieser WM ergriffen wurden: Man gewährt mir wenig Raum, meistens bedrängen mich zwei, drei Spieler, oft auf grobe Art. Der Sieg im Penaltyschiessen gegen Holland hat mich erleichtert. Ich bin in der Meute untergetaucht, mit meiner Gruppe verschmolzen. Ich strahlte vor Glück wie noch nie. Ich sang. Ich hüpfte. Ich wurde wieder zum Teamspieler wie alle andern.

Lüge! Halt! Ich, Daniel, ich beende diesen Albtraum. Ich kehre in die Anonymität zurück, um nicht in allen Ecken der Welt belästigt zu werden. Ich sah Deutschland in Salvador und Argentinien in Belo Horizonte spielen. Die Konklusion ist eindeutig. Deutschland ist sehr stark, die Deutschen sind wohl die Besten. Morgen vergesse ich meine geistigen Vorstellungen und hoffe nur auf eines: einen Traumfinal zu sehen.

Erstellt: 12.07.2014, 07:36 Uhr

Daniel Jeandupeux wurde als Spieler und Trainer mit dem FCZ Meister. Von 1986 bis 1989 war er Schweizer Nationalcoach. Bei Caen wurde er 1991 «Trainer des Jahres». Heute lebt der 65-Jährige in Toulouse.

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