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Abtreibungen in der SchweizTrendwende bei Schwangerschafts­abbrüchen

Lange gingen die Abtreibungen hierzulande zurück. Doch nun steigen die Zahlen wieder. Sind unzuverlässige Zyklus-Apps schuld?

Die Zahl der Abtreibungen ist zum zweiten Mal in Folge angestiegen. Weil Zyklus-Apps die Pille ersetzten?
Die Zahl der Abtreibungen ist zum zweiten Mal in Folge angestiegen. Weil Zyklus-Apps die Pille ersetzten?
Foto: Christian Beutler/Keystone

Seit heute Morgen ist klar: Bei den Abtreibungen hat der Trend gekehrt. Bis 2017 sind die Zahlen gesunken – nicht gewaltig, aber kontinuierlich. Ganz anders 2018. Für dieses Jahr hat das Bundesamt für Statistik plötzlich vier Prozent mehr Abtreibungen ausgewiesen als noch im Vorjahr. Seither rätselt die Fachwelt, ob es sich wohl um einen statistischen Ausreisser handelt.

Nun weiss sie: Es war kein einzelner Ausreisser. Denn 2019 ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche erneut angestiegen – um rund ein Prozent. Zwar fehlen noch die Daten aus den Kantonen Bern und Glarus. Aber der Trend in den übrigen Kantonen zeigt erneut nach oben, wenn auch weniger stark als im Vorjahr. Ausserhalb von Bern und Glarus kam es zu 9128 Abbrüchen, das sind 355 mehr als noch 2017, wie den Zahlen zu entnehmen ist, welche die Bundesstatistiker heute bekannt gegeben haben. Sie müssen es wissen. Ihre Daten beruhen nämlich nicht auf einer Umfrage, sondern auf einer Vollerhebung. Müssen doch in der Schweiz sämtliche Schwangerschaftsabbrüche gemeldet werden.

Mehr Abbrüche pro 1000 Frauen

Was aber steckt hinter der Trendwende? Die einfachste Erklärung wäre natürlich, dass in der Schweiz mehr Frauen im gebärfähigen Alter leben und es deshalb zu mehr Schwangerschaftsabbrüchen kommt. So einfach ist es aber nicht, wie ein Blick auf die Abbruchrate zeigt. Diese misst die Anzahl Abtreibungen pro 1000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren.

2010 belief sich diese Rate noch auf 6,8, dann sank sie stetig bis auf 6,2 im Jahr 2017. Nun ist sie wieder angestiegen – auf 6,5 im vergangenen Jahr. Pro Frau kommt es also zu mehr Abbrüchen als noch vor zwei Jahren.

Jeder zehnte Embryo abgetrieben

Ungefähr jeder zehnte Embryo wird heute abgetrieben. Das mag weit mehr sein, als manche erwartet hätten. Im internationalen Vergleich ist dies jedoch ein sehr tiefer Wert.

Warum aber steigt die Zahl der Abtreibungen seit zwei Jahren wieder an? Gynäkologinnen haben keine eindeutige Antwort darauf. Nur Vermutungen. «Durchaus denkbar wäre, dass der Trend hin zu natürlichen Verhütungsmitteln zu mehr Abtreibungen führt», sagt Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG). «Es gibt immer mehr Frauen, die bewusster und natürlicher verhüten wollen. Ohne Hormone. Sie sagen, sie wollten ihren Zyklus und somit ihren Körper wieder spüren.»

Pillenmüdigkeit nimmt zu

Viele Frauen setzten die Pille auch wegen der negativen Schlagzeilen ab – zu viel hätten sie von Stimmungsschwankungen oder Depressionen gelesen, welche die Pille auslösen könne, sagt Dingeldein. Die über Jahre viel diskutierte Thrombosegefahr werde mittlerweile weniger thematisiert.

«Bei Frauen im mittleren Lebensalter zeigt sich gelegentlich eine Pillenmüdigkeit», sagt auch Nina Manz, Oberärztin an der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli. «Sie berichten, dass sie einfach keine Hormone mehr nehmen wollen. Häufig befinden sich Frauen dann in einem Lebensabschnitt, in dem sowieso der Kinderwunsch ins Spiel kommt und die Verhütung eine andere Gewichtung erhält.»

Zyklus-Apps sind riskant

Ein häufig angewendete und sehr beliebte Verhütungsmethode ist die in der Gebärmutter gelegene Spirale: Es existieren hormonhaltige und kupferhaltige Spiralen. Beide gelten als sehr sicher. Schwanger werden denn auch meist andere Frauen – nämlich die, die «gar nichts mehr Fremdes in ihrem Körper wollen», wie SGGG-Präsidentin Irène Dingeldein sagt. Auch von ihnen gebe es immer mehr. «Sie verlassen sich häufig auf Zyklus-Computer oder Zyklus-Apps. Das Problem: Diese funktionieren nur, wenn eine Frau einen regelmässigen Lebenswandel hat. Wenn sie die Basaltemperatur immer zur gleichen Zeit morgens misst. Genügend schläft, nicht zu viel Stress hat.»

«Zyklus-Computer funktionieren nur, wenn eine Frau einen regelmässigen Lebenswandel hat.»

Irène Dingeldein

Jungen Frauen empfehle sie solche Geräte und Applikationen nicht, falls eine Schwangerschaft absolut unerwünscht wäre. Sie bräuchten viel Disziplin. Ganz jungen Frauen rate sie sogar entschieden davon ab, da ihr Zyklus oft noch sehr unregelmässig sei.

Die auf Kinder- und Jugendgynäkologie spezialisierte Berner Ärztin hat in ihrer Praxis bereits Frauen beraten, die durch die Verhütung mit Zyklus-Computern schwanger wurden. Auch deshalb hält sie es durchaus für möglich, dass die neuen Geräte und Applikationen letztlich wieder zu mehr Abtreibungen führen.

Wenn das Kind grad nicht passt

Eine andere mögliche Erklärung für den Anstieg der Abbruchzahlen könnte laut Dingeldein im «Lifestyle-Phänomen» liegen, wie sie es nennt. Sie beschreibt es so: «Die Frauen sind mit ihrer Ausbildung noch nicht ganz fertig, wenn sie schwanger werden. Oder haben bereits eine Karriere, die sie weiterverfolgen wollennicht unbedingt jahrelang, aber sechs Monate schon noch. Sie verhüten nicht mehr richtig, werden schwanger und treiben dann halt ab. Sie wollen nicht grundsätzlich kein Kind, sonst würden sie ja zuverlässiger verhüten, nur gerade jetzt passt es nicht.» Ihnen entgegen komme, dass der Zugang zur Abtreibung heute sehr einfach sei. Keine Frau müsse mehr ein Kind austragen, das sie nicht wolle.

Treiben Frauen heute leichtfertiger ab als früher? Keine der angefragten Gynäkologinnen bestätigt das. «Ein Schwangerschaftsabbruch ist und bleibt ein sehr belastender Eingriff, insbesondere auf der psychischen Ebene. Kaum eine Frau nimmt das auf die leichte Schulter», sagt etwa Nina Manz von der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli.

Auch Manz hält es theoretisch für möglich, dass die grosse Beliebtheit von Zyklus-Computern und Zyklus-Apps zu mehr Abtreibungen führt. In der Praxis erlebe sie dies aber nicht. «Frauen, die sich ernsthaft für die natürliche Verhütung interessieren, nehmen gleichzeitig sehr bewusst die Verantwortung für ihren Körper selber in die Hand. Das sind gleichzeitig Frauen, die einem Schwangerschaftsabbruch sehr kritisch gegenüberstehen und einen solchen Eingriff in der Regel nicht durchführen lassen.»

Angst vor der Pille

Helene Huldi von der Solothurner Frauenpraxis Runa hatte bereits mehrfach mit Frauen zu tun, die aufgrund der Verhütung mit Zyklus-Computern schwanger wurden und dann abtrieben. Die Geräte gäben mittels Berechnung fruchtbarer Tage eine Sicherheit vor, die sie nicht halten könnten. «Noch öfter aber beriet ich Frauen, die aus Angst vor der Pille gar nicht mehr verhüteten – und schwanger wurden. Das ist für die Frauen dann natürlich eine Katastrophe.»

Das sei für sie eine mögliche Erklärung für die gestiegene Zahl an Abtreibungen, sagt Huldi, die neben ihrer Praxistätigkeit den Arbeitskreis Schwangerschaftsabbruch und Verhütung (Apac Suisse) präsidiert. Sie sei noch nicht sicher, ob es wirklich eine Trendwende sei. «Im Trend liegt für mich vielmehr das natürliche Verhüten. Aber das führt aus meiner Erfahrung normalerweise nicht zu mehr Schwangerschaften.» Gerade die für natürliche Verhütung äusserst affine Klimajugend verhüte «extrem bewusst». Das habe oft auch eine «feministische Seite»: «Diese Frauen wollen gut zu sich und ihrem Körper schauen.»

Nur oberflächliches Wissen über Verhütungsmittel

Gynäkologin Huldi empfiehlt in solchen Fällen «ein ganz normales Thermometer für ein paar Franken», wie sie sagt. Die Frauen seien damit viel besser bedient als mit «irgendwelchen teuren Geräten», die vorherige Zyklen als Richtschnur nähmen und dann «alle sicheren Tage» vorgäben. «So pauschal kann man das schlicht nicht sagen», sagt Huldi. Allenfalls sei bei den Frauen die Angst vor ungewollter Schwangerschaft heute kleiner als früher, die Verhütung «weniger angstbetont». Sie stellt auch fest: «Das Wissen über gewisse Verhütungsmittel wie etwa die Pille ist oft nur noch oberflächlich vorhanden.»

Neben dem Trend hin zu natürlicher Verhütung stellt Gynäkologin Huldi einen zweiten Trend fest: die Langzeitverhütung. Sie werde vor allem vom Frauentyp der Influencerinnen oder Instagramerinnen erfragt, die ebenfalls sehr gut zu ihrem Körper schauten, wenn auch aus anderen Beweggründen als die Klimafrauen: «Die meisten sind zwischen 20 und 30 alt und stark auf Aussenwirkung bedacht. Sie wollen kein Bauchweh und auch keine Blutung mehr. Eigentlich am liebsten überhaupt nichts mehr mit ihrem Zyklus oder der Verhütung zu tun haben.»

Ihnen empfiehlt Huldi die Hormonspirale oder das Hormonstäbchen, die beide sehr sicher sind und meist keine Beschwerden verursachen, ja eigentlich die «Lifestyle-Variante» seien, so die Gynäkologin. Man habe ja dann gar keine Periode mehr. «Was ich den Frauen dann jeweils sagen muss: Diese Präparate geben ebenfalls Hormone ab. Das vergessen sie manchmal.»

Lesen Sie am Nachmittag unsere detaillierte Datenanalyse zu den Schwangerschaftsabbrüchen: In welchen Altersklassen sind die Zahlen am meisten angestiegen? In welchen Kantonen? Und welche Rolle spielen die Migrantinnen?