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Analyse zum US-WahlkampfTrump geht langsam die Luft aus

Im Sommer vor den Wahlen ist der Präsident auf der Verliererstrasse. Entschieden ist noch nichts. Doch sein Ton wird schrill – und Trump zeigt Ermüdungserscheinungen.

Offene Krawatte nach der Schmach: Donald Trump kehrt vom Wahlkampfanlass in Tulsa zurück.
Offene Krawatte nach der Schmach: Donald Trump kehrt vom Wahlkampfanlass in Tulsa zurück.
Foto: Patrick Semansky (Keystone)

Etwas mehr als vier Monate bleiben noch bis zu den amerikanischen Präsidentschafts- und Kongresswahlen Anfang November. Momentan sieht es nicht sonderlich gut aus für Donald Trump: Nachdem sich die Umfragewerte des Präsidenten kurz nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie verbessert hatten, sind sie inzwischen im Keller gelandet. Diverse Erhebungen attestieren seinem demokratischen Rivalen Joe Biden einen beachtlichen Vorsprung, eine wachsende Mehrheit der Amerikaner missbilligt Trumps Amtsführung.

«Wenn man den Stand des Wahlkampfs analysiert, dann sieht das nach Jimmy Carter oder George Bush aus – ein schreckliches Omen für einen amtierenden Präsidenten», beurteilt David Axelrod, der Architekt von Barack Obamas Wahlsieg 2008, die Situation Donald Trumps. 1981 musste Carter, 1993 der ältere Bush nach nur einer Amtszeit abtreten.

Giuliani mit grotesker Lüge

Trump könnte es ähnlich ergehen, doch ist Vorsicht geboten: 2016 lag er zeitweise zehn Prozentpunkte hinter seiner demokratischen Konkurrentin Hillary Clinton – und gewann dank des Wahlmännerkollegiums. Allerdings zeigt eine CNN-Studie, dass sich die Zustimmungsraten amtierender Präsidenten seit 1944 zwischen Juni und November im Durchschnitt lediglich um drei Prozentpunkte verbesserten. Eine Ausnahme bleibt der demokratische Amtsinhaber Harry Truman, dessen Sensationssieg 1948 nach einem rasanten Anstieg seiner Beliebtheitswerte im Sommer vor der Wahl erfolgte.

Trumps politisches Umfeld aber ist wesentlich komplizierter als das Harry Trumans: Die Corona-Krise beutelt die USA weiterhin, und die Polizeibrutalität gegenüber Afroamerikanern hat eine kraftvolle Protestbewegung gezeugt. Fast 80 Prozent der Bevölkerung glauben zudem, das Land bewege sich in die falsche Richtung. In den Augen dieser Mehrheit ist der Präsident seiner Aufgabe nicht gewachsen: Statt die Nation zu einen und ihr Mut einzuflössen, spaltet Trump und schürt Hass und Angst.

Angesichts der bedrohlichen Situation wird der Ton im Lager des Präsidenten zusehends schriller. Am Montag verstieg sich Trumps Anwalt und Freund Rudy Giuliani in einem Interview bei Fox News zur grotesken Lüge, die Protestbewegung «Black Lives Matter» und ihre Verbündeten hätten es auf das Eigentum der Amerikaner abgesehen: «Sie wollen euch eure Häuser wegnehmen», so Giuliani. Wie Richard Nixon beim Wahlkampf 1968 versprechen Trump und seine republikanischen Parteifreunde «Recht und Ordnung» und warnen vor einer «Machtübernahme» der «radikalen Linken». Joe Biden sei ihre «hilflose Marionette», behauptete Trump am Samstag bei einer Wahlveranstaltung in Tulsa in Oklahoma.

Nach der Ankunft mit dem Hubschrauber lief Trump mit offener Krawatte auf das Weisse Haus zu.

Abkaufen werden die Wähler dem Präsidenten diese Verzerrung der Realität wohl kaum. Trotzdem könnte Joe Biden ins Schlingern geraten: Eine rasche Erholung der Konjunktur spräche am Wahltag im November ebenso für den Amtsinhaber wie ein Straucheln des demokratischen Präsidentschaftskandidaten bei den TV-Debatten mit Trump im September und Oktober. Hoffnungen darf sich der Demokrat dennoch machen: Sowohl bei Evangelikalen, seiner bislang treuesten Gruppe von Anhängern, als auch bei weissen Frauen ohne Hochschulabschluss und Senioren über 65 verliert Donald Trump an Zustimmung. Wenden sich auch nur kleinere Segmente dieser Wählergruppen vom Präsidenten ab, ist die Wiederwahl kaum zu schaffen.

Nach der Pleite in Tulsa, als nur 6200 Fans in eine Arena mit 19’000 Plätzen strömten, war Trump Zeugen zu Folge beim Flug zurück nach Washington ungewöhnlich still. Und nach der Ankunft mit dem Hubschrauber lief er mit offener Krawatte und ernstem Blick auf das Weisse Haus zu. Der Präsident kann nicht mehr ausschliessen, dass er wie Jimmy Carter und George Herbert Walker Bush Washington nach einer Amtszeit verlassen muss.

104 Kommentare
    Rolf With

    Das war zu erwarten . Nun geht es runter.Erbringt in dieser schwierigen Zeit einfach zu wenig.