Zum Hauptinhalt springen

Corona-Epidemie in den USATrumps historische Fehleinschätzung

Noch immer fehlt es den USA an einer nationalen Strategie gegen das Coronavirus. Präsident Donald Trump beschönigt derweil seine Worte.

US-Präsident Donald Trump äussert sich während einer Pressekonferenz der Coronavirus-Taskforce im Weissen Haus, Washington.
US-Präsident Donald Trump äussert sich während einer Pressekonferenz der Coronavirus-Taskforce im Weissen Haus, Washington.
Foto: Keystone

Die Pocken breiteten sich aus, zuerst in Oklahoma City und von dort ins Land. Die amerikanische Gesellschaft implodierte, die Wirtschaft brach zusammen, das Gesundheitswesen gleichfalls. Die Politik agierte hilflos schon deshalb, weil sie die Katastrophe völlig unvorbereitet traf.

Das waren die Ergebnisse eines Planspiels namens «Dunkler Winter», das in Washington im Sommer 2001 veranstaltet und nach nur anderthalb Tagen abgebrochen wurde. «Ein terroristischer Bombenanschlag wäre viel einfacher gewesen», bemerkte später Senator Sam Nunn, der bei dem Planspiel die Rolle des US-Präsidenten gespielt hatte.

Unzureichende Hilfe aus Washington

Nun ist der Ernstfall des «Dunklen Winters» eingetreten, die Coronavirus-Pandemie beleuchtet wie damals das Planspiel das Versagen amerikanischer Institutionen und Instanzen. Derweil das Pentagon über Jahre derart gemästet wurde, dass es sogar den Generälen bisweilen zu viel wurde, trocknete der öffentliche Gesundheitssektor aus.

Und während andere Nationen eine nationale Strategie bei der Bekämpfung von Covid-19 verfolgen, sind Bundesstaaten, Kommunen und Landkreise weitgehend auf sich gestellt und erhalten unzureichende Hilfe aus Washington. Der Föderalismus entpuppt sich als Hindernis, Staaten und sogar Landkreise entscheiden über Ausgangsbeschränkungen und Quarantäne, das Virus aber kennt solche Grenzen nicht.

In Texas wurden Beschränkungen beispielsweise erst am Mittwoch eingeführt, auch sind Kirchen davon ausgenommen, sofern sie freiwillig bei den Gottesdiensten Mindestabstände einhalten. Gerade evangelikale Kirchen aber, die zum Kern von Donald Trumps Basis zählen, bezweifeln mancherorts noch immer die Bedrohung durch das Virus.

Zentrale Koordinierung fehlt

Manche Gouverneure wie New Yorks Andrew Cuomo oder Ohios Mike DeWine handeln umsichtig und nachvollziehbar, andere wie Georgias Brian Kemp oder Mississippis Tate Reeves haben die Bedrohung viel zu spät erkannt. Da es an einer zentralen Koordinierung fehlt, prallen die Staaten zudem beim Kauf notwendiger Schutzausrüstungen aufeinander und treiben ungewollt die Preise für Atemschutzmasken und dergleichen hoch.

Weil die Regierung Trump im Gegensatz zu anderen Ländern keine Exportkontrollen für medizinische Ausrüstungen eingeführt hat, wurden noch zu Beginn dieser Woche dringend benötigte Güter von US-Firmen nach Europa und Asien exportiert. Die nationale Reserve an Atemschutzmasken, Beatmungsgeräten und Schutzanzügen ist inzwischen fast erschöpft. Tausende Beatmungsgeräte aus dieser Reserve funktionieren nicht, weil die Trump-Administration Verträge für ihre Instandhaltung im Sommer 2019 auslaufen liess.

Die Coronakrise wirft zudem ein helles Licht auf die Ausbeutungspraktiken der «Gig Economy» und auf die Zustände in der Logistikbranche. Viele Gig-Arbeitende werden kein Arbeitslosengeld bekommen, in den Lagerhäusern von Amazon und anderen Online-Anbietern sowie bei Beschäftigten des Online-Lieferdienstes Instacart kommt es zu spontanen Streiks wegen ungenügender Schutzvorkehrungen gegen den Erreger.

«Ich glaube nicht, dass der Präsident jemals die Bedrohung durch das Coronavirus verniedlicht hat.»

Vizepräsident Mike Pence

In den riesigen Schlachthäusern der Präriestaaten verlangen Arbeitende, oftmals Migranten aus Zentralamerika und Mexiko, grössere Sicherheitsabstände, was jedoch die Arbeitsabläufe verlangsamen würde. Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten sind von der jüngst vom Kongress verabschiedeten Karenzpflicht ausgenommen, die «New York Times» schätzt, dass lediglich ein Fünftel amerikanischer Arbeitender Anspruch auf Krankenurlaub hat.

Und mitten im Coronavirus-Horror strich das Gesundheitsunternehmen Alteon Health, im Besitz von privatem Beteiligungskapital, soziale Nebenleistungen für 1700 Ärzte in den Notaufnahmen von Krankenhäusern. Einige Mitarbeiter des Unternehmens, die bislang fest angestellt waren, erhalten künftig Stundenlöhne.

Unter den Teppich gekehrt

In Washington scheint Donald Trump unterdessen den Ernst der Lage erkannt zu haben. Doch schon wird versucht, die jüngste Geschichte umzuschreiben. «Ich glaube nicht, dass der Präsident jemals die Bedrohung durch das Coronavirus verniedlicht hat», log Vizepräsident Mike Pence am Mittwoch. Da der Präsident Irrtümer und Fehler niemals eingesteht, wird nun unter den Teppich gekehrt, was Trump im Januar und Februar von sich gab.

Sein wissenschaftlicher Berater Dr. Anthony Fauci, der wiederholt falsche Aussagen Trumps zur Coronakrise korrigiert hat und seit seinem Einsatz bei der Aids-Epidemie in den 80er-Jahren Heldenstatus geniesst, erhielt am Mittwoch verstärkten Personenschutz. Für Hardcore-Fans des Präsidenten ist Dr. Fauci das Gesicht des «Deep State» und mithin ein Feind. Dass er den Präsidenten mehrmals vor sich selber bewahrt hat, wird als Insubordination und Versuch ausgelegt, Trump zu Fall zu bringen.

«Wir haben das sehr gut unter Kontrolle», hatte der Präsident im Januar behauptet. Der Satz wird sich dereinst zu zwei historisch gewordenen Fehleinschätzungen amerikanischer Präsidenten gesellen: «Wohlstand ist nur um die Ecke», erklärte Herbert Hoover während der Grossen Depression, das «Licht am Ende des Tunnels» gewahrte Lyndon Johnson auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs.