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Portaledge: Zelten in der FelswandÜbernachten über dem Abgrund

Destinationen in der ganzen Schweiz bieten inzwischen das Abenteuer vom Übernachten in der Felswand an. Wie schläft es sich hoch über dem Abgrund hängend? Ein Erlebnisbericht.

Viele Destinationen bieten Übernachtungen im frei hängenden Zelt an – so wie hier bei Pontresina auf der Alp Languard.
Viele Destinationen bieten Übernachtungen im frei hängenden Zelt an – so wie hier bei Pontresina auf der Alp Languard.
Foto: Bergsteigerschule Pontresina

Die Schlüsselstelle gilt es um 11 Uhr abends in fast völliger Dunkelheit zu bewältigen. Die Stirnlampe leuchtet die schmalen Felstritte aus, die klammen Hände greifen nach dem Sicherungsseil. Einen Vorteil hat das Schwarz der Nacht: Man sieht den 50 Meter darunter liegenden Grund nicht mehr. Helfen tut die Finsternis aber nicht wirklich. Zwar bin ich mit dem Klettersteigset an einem Fixseil gesichert, dennoch weiss ich: Wenn ich hier ausrutsche, dann tut es weh – mindestens. Doch für die Nacht im Portaledge gibt es keinen anderen Weg ins Bett als durch die Felswand.

Etwas früher an diesem Tag: Wir treffen Bergführer Giancarlo Salis in Pontresina. Beim Bergführerbüro fassen wir alles nötige Material für die Nacht in der Felswand: dicke Schlafsäcke und Luftmatratzen. Auch Klettergurt und Falldämpfer werden zur Verfügung gestellt. Salis, gross, schlank und dunkle Locken, kontrolliert nochmals die Meteo-App und blickt dann etwas kritisch zum Himmel: «Vellicht gits e kliine Sprutz – isch aber keis Problem», sagt er in breitem Bündner Dialekt und lacht.

Statt per Sessellift zur Alp Languard hochzufahren, wo wir die Nacht im Felsbiwak verbringen wollen, wählen wir die etwas herausfordernde Route über den Klettersteig La Resgia, ausgangs Pontresina. Der mittelschwere Steig führt in etwas über zwei Stunden hoch zur Alp. Er fängt leicht an und ist im Mittelteil schwerer. Spätestens beim Adlerhorst, einer überhängenden Wand mit gehörig Tiefblick, komme ich ins Schwitzen – zum Glück lädt gleich oberhalb eine Bank auf einem kleinen Balkon zur Pause mit Blick über das Berninatal ein.

Bigwall-Kletterer erfanden das «tragbare Sims»

Vom Ausstieg des Klettersteigs führt ein kurzer Marsch hoch zur Alp. Hier hat man einen wunderschönen Blick auf die gegenüberliegende Berninagruppe mit dem Piz Palü. Normalerweise trifft man auf Languard Tagesausflügler und Wanderer, die auf der Terrasse des Bergrestaurants die Aussicht geniessen und mit Feldstechern die Hänge rund um die Alp nach Steinböcken absuchen. An diesem malerischen Ort bietet Pontresina Tourismus in Zusammenarbeit mit Engadin St. Moritz Tourismus jedoch auch ein Erlebnis der ganz speziellen Art an: eine Übernachtung in der Felswand mithilfe eines Portaledge.

Das «portable ledge», zu Deutsch «tragbares Sims», ist eigentlich ein Hilfsmittel zum Übernachten in Felswänden. Bigwall-Kletterer erfanden das Zelten in der Wand. Denn sie wollten auf ihren Mehrseillängenrouten, die oft Tage oder gar Wochen dauern, nicht jedes Mal mühsam aus der Wand steigen. Die etwas über 2 Meter lange und 130 Zentimeter breite Konstruktion aus Aluminiumstangen wird mit Stoff bespannt. An Spanngurten hängt man die Plattform dann an einem Haken in die Felswand. Oft wird darüber noch ein Zelt gespannt und schützt so vor Wind und Regen.

Oben bei der Bergstation des Sessellifts nehmen wir unser Gepäck in Empfang. Schwer bepackt mit Matten, Schlafsäcken und Zelten, laufen wir ein kurzes Stück zu einem Balkon oberhalb der Felswand, etwa zehn Minuten von der Alp entfernt. Hier montieren wir unter Anleitung von Bergführer Giancarlo die Ledges. Er sichert danach den Zugang zu jedem einzelnen Zelt mit einem Fixseil, in das man sich zusätzlich mit dem Falldämpfer sichert.

Genau als wir mit der Montage der sperrigen Aluplattformen beginnen, fängt es an zu regnen. «Jetz kunnts!», sagt er knapp. Wir beeilen uns mit dem Aufbau. Doch nach nur ein paar Minuten ist das Gewitter auch schon wieder vorbei. Dafür spannt sich nun ein Regenbogen in satten Farben über die Alp und unserem Schlafplatz in der Wand.

Beim Zeltaufbau, kurz nach dem Regen, spannt sich ein Regenbogen über die Alp Languard.
Beim Zeltaufbau, kurz nach dem Regen, spannt sich ein Regenbogen über die Alp Languard.
Foto: Giancarlo Salis

Wie im Engadin gehört das Übernachten in der Felswand in vielen Tourismusregionen der Schweiz inzwischen zum fixen Angebot. Auf der Alp Languard wird das Portaledge-Erlebnis seit drei Jahren angeboten, wie Jan Steiner von Engadin St. Moritz Tourismus sagt. «Unsere Gäste suchen nicht mehr nur ein Bett zum Übernachten, sie wollen ein Abenteuer.» Befördert hat den Boom des Portaledge-Übernachtens in den Bergen bestimmt auch der Kletterboom in der Schweiz generell. Befeuert haben ihn Bilder wie vom Oscar-prämierten Dokumentarfilm «Free Solo» von 2018.

Oder die Doku über die erste freie Begehung der «Dawn Wall» im Yosemite-Valley durch Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson. Im nervenaufreibenden Kletterdrama von 2015 sitzen die Zuschauer mit den beiden Athleten quasi mit in ihrem Portaledge. Von diesem aus erklettern sie in 19 Tagen eine der schwierigsten Routen an der Bigwall «El Capitan». Selbst der damalige US-Präsident Barack Obama beglückwünschte die beiden danach zu ihrer unglaublichen Leistung.

Zurück auf der Alp Languard: Nach dem Aufbau unserer Zelte kocht Bergführer Giancarlo Salis einen einfachen Znacht bei der Berghütte. Die ist in der Nacht geschlossen, offen bleibt die moderne Toilette hinter dem Haus. Muss jemand in der Nacht, muss er deswegen nicht wie die Bigwall-Kletterer in die Flasche bieseln… Später am Abend geht es hinab zu den Zelten. Etwa fünf Meter müssen in der Dunkelheit erklettert werden, zusätzlich ist der Fels nach dem Regen gefährlich rutschig. Trotz dieser Hindernisse schaffe ich die Seillänge auf Anhieb. Und mit einem mutigen Sich-fallen-Lassen sitzt man auch schon auf der Plattform.

Es fühlt sich an wie in einer Hängematte

Matten und Schlafsack sind bereits ausgelegt, trotzdem dauert es eine halbe Ewigkeit, bis die Schuhe ausgezogen und sicher verstaut sind und man in den Schlafsack schlüpfen kann. Dann aber, sobald die Stirnlampe aus ist, leuchten die Sterne über dem Zelt in atemberaubender Klarheit. Sogar eine Sternschnuppe zieht vorüber. Die Nacht in dem Portaledge ist überraschend angenehm. Nur wenn man sich bewegt, schaukelt die Plattform etwas. Es fühlt sich an wie in einer Hängematte.

Das Übernachten in der Felswand hat neben seiner Schwierigkeiten durchaus auch seine Vorteile. Dank der abgelegenen Lage kann kein Nachbar die Nachtruhe stören. Sobald man in seinem Felsbiwak liegt, ist die Nacht im Portaledge also mehr erholsame Übernachtung denn nervenaufreibendes Abenteuer.

Die Reise wurde unterstützt von Engadin St. Moritz Tourismus und Pontresina Tourismus.