Der Mann, der mein Leben rockte

Queen-Sänger Freddie Mercury verwandelte unseren Autor in einen Popfan. Erinnerungen an einen exzessiven Star, dessen Biografie jetzt im Kino zu sehen ist.

Freddie Mercury zelebriert den Moment: Der Queen-Frontmann am 1. Januar 1977 im Madison Square Garden in New York. Foto: Redferns/Getty

Freddie Mercury zelebriert den Moment: Der Queen-Frontmann am 1. Januar 1977 im Madison Square Garden in New York. Foto: Redferns/Getty

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Es blitzt und lasert im Kinderzimmer. Denn dem Buben, der sich mit einem Joystick durch ein Game knallt, erscheinen auf einmal die berühmten Helden aus seinem PC-Spiel, die auch in Starpostern an seinen Wänden kleben. Sie stehen vor ihm nicht einfach als verpixelte Schattenwesen, sondern als Menschen in Fleisch und Blut. Und so spielen und tanzen sich Queen durch das Zimmer des Heranwachsenden: Brian May, Roger Taylor, John Deacon, natürlich aber vor allem Freddie Mercury, der seine Augen mit einer lustigen Zukunftsbrille verdeckt.

Auf diesen Buben aus dem Videoclip «The Invisible Man» – einem jener fast vergessenen Songs der musikalisch wenig erquickenden Queen-Spätphase – hegte ich eine gewisse Eifersucht. Denn ich war während einiger Jahre meiner Kindheit Queen-Fan. Und damit Fan einer Band, die neben den drei unspektakulären Instrumentalisten von jener Figur geprägt wurde, die mich über Jahre hinweg faszinieren sollte. Auch wenn dieser Showman namens Freddie Mercury, als er mir zum ersten Mal im Nach-Guetnachtgschichtli-Fernsehprogramm erschienen ist, bereits tot war. Gestorben im Alter von 45 Jahren.

Seine Performances wirkten magnetisierend

Natürlich wusste ich im November 1991, als Achtjähriger, nicht, dass jene Jahre die Jahre der Aidskrise waren. Und ich wusste auch nicht, was Freddie Mercury für ein Leben gelebt hat, was schwul oder bisexuell genau bedeutet oder dass der Queen-Sänger als Farookh Bulsara in Sansibar-Stadt geboren wurde und bei seiner Ankunft in London rassistische Beschimpfungen erdulden musste. Und – falls dies damals in den Nachrufen überhaupt erzählt wurde – es interessierte mich zunächst auch nicht. Zu magnetisiert war ich von den Performances dieses exzessiven Popstars, der die Rock- als Opernbühne verstand. Performances, die ich in der Folge auf VHS-Kassetten sammelte.

Immer wieder schaute ich mir an, wie Freddie Mercury all die gigantischen Menschenmassen in seinen Bann ziehen konnte – ob in Rio, in Osaka, in Budapest oder London. Mit seinen Tänzen, die ich zu imitieren versuchte. Mit seiner unerreichbaren Stimme, die einem in den Balladen und selbst in den Hymnen zu Herzen gegangen ist. Mit seinen Posen, die all das Scheue, das ihn im Alltag umgetrieben hat, verscheuchten. Und mit seinen hautengen Paillettenkostümen oder den kurzen Clownhösli, in denen er eine Männlichkeit zelebrierte, die so gar nichts mit dem möchtegernharten Töffli­bubentum der Dorfrebellen zu tun hatte.

Die Bandmitglieder waren gänzlich unschwul

All diese überwältigenden Auftritte: Es gibt sie längst auf Youtube, zumal jenen showcaseartigen Best-of-Auftritt am Live Aid im Londoner Wembley, der nun für das Hollywood-Biopic «Bohemian Rhapsody» nachinszeniert wurde.

Aber da waren auch die Videoclips aus den 80ern, die nicht den Moment feierten. Freddie Mercury wusste damals schon, dass seine Lebenszeit bald zu Ende war, und flüchtete in eine kindliche Märchenwelt, im animierten «A Kind of Magic» beispielsweise, oder in «The Miracle», in der Kinder eine Art Mini-Playback-Show inszenierten, was eine Einladung dafür war, dieses Lied in der heimischen Stube aufzuführen.

Pop erschien bei Queen nicht nur in diesen Videoclips als Parallelwelt, als Traumwelt auch. So, wie das bei den grössten Popstars ja so oft der Fall ist, die sich munter ihre eigene Biografie zusammenzimmern. Weil sie auf der Flucht sind vor den Traumata der Kindheit, oder, banaler, vor dem miefigen Alltag. Weil sie mit den Mitteln Pop ein Leben leben können, das sie anderweitig nicht leben könnten. So meinte ich damals jedenfalls.

Überwältigende Präsenz: Rami Malek als Freddie Mercury.

Doch bei Queen ging es in ihren grössten Momenten – eher schlecht denn recht maskiert – um die Sexualität von Freddie Mercury, auch wenn das seine Bandkollegen nicht wahrhaben wollten und noch immer nicht richtig zugeben. Die Öffentlichkeit machte erst dann ein Ding daraus, als Freddie Mercury die Glamrock-Monturen der 70er mit Schnauz und Lederoutfits eintauschte, als er sich nach München absetzte, um dort in den Discos und Schwulenbars zu feiern.

«Wir sind nicht die Village People, sondern eine Rockband», sagt Brian May einmal im Film. Er wirkt dann so, als hätten sie es als Band ohne diesen Sänger auch geschafft. So, als hätte nicht gerade die Spannung zwischen dem schwulen, dem queeren Freddie Mercury und den restlichen, gänzlich unschwulen Mitgliedern diese Band ausgemacht.

Diese Spannungen, diese sexuelle Identitäten konnte ich als Bub nicht mitschneiden. Aber dass Pop ein unermesslicher Möglichkeitsraum voller Utopien ist, das begriff ich schon. Es war ein Raum der Musik – mit pompösen Songs, den Stadionhymnen, den Discoausflügen und komischem Fantasy­pop. Es war aber vor allem ein Raum, der dank Freddie Mercury zum Verkleiden eingeladen hat, zum Maskieren auch, so, wie er das selber immer getan hat. So, wie ich das tat, als ich mit einer imaginären Krone durch das Kinderzimmer stolzierte.

Der Reiz von Pop liegt in der Gegenwart, das wusste er

In jenen Jahren meiner Poperweckung, des verbissenen Fantums auch, liess ich keine andere Musik gelten. Ich führte mich auf, als wären die Queen-Alben allesamt Meisterwerke – und nicht vollgestopft mit arg durchschnittlichen Songs. Was in meinem Wahn auch auf der Strecke blieb, war die Gegenwart. Die so lebendigen Popstars, die ich trotz MTV-Konsum ablehnte – weil sie mich in meiner Engstirnigkeit nicht interessierten.

Vielleicht sind auch jene Jahre an der Seite von Queen und meinem toten Überhelden schuld, dass mich weite Teile der Popvergangenheit nicht mehr sonderlich interessieren. Dass ich all die Heldenerzählungen, all die grossen Mythen, zwar kenne, mich aber nur selten dafür begeistere. Denn der Reiz von Pop, das lernte ich später, geht nicht vom Erinnerungskult, sondern von der Gegenwart, vom Neuen aus. Was nicht bedeutet, dass man jedem Trend hinterherhecheln muss.

Das wusste keiner besser als Freddie Mercury, der nur dann zurückschaute, als er für den Clip zum tränenseligen «These Are the Days of Our Lives» im Herbst 1991 noch einmal vor den Kameras erschien. Sein Gesicht glich bereits einer Totenmaske. Zwei Monate später war Freddie Mercury tot. Mein Leben mit Popmusik, es hat genau dann begonnen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.10.2018, 17:43 Uhr

Das Leben von Freddie Mercury auf der grossen Leinwand

Abgesprungene Hauptdarsteller (Sacha Baron Cohen), wechselnde Regisseure: Die Produktion von «Bohemian Rhapsody» stand unter keinem guten Stern. Da passt es ins Bild, dass vieles allzu schief und frei fabulierend wirkt in diesem Biopic: So eröffnet Freddie Mercury seine Aids-Diagnose den Queen-Kollegen just eine Woche vor dem legendären Live-Aid-Auftritt, mit dem «Bohemian Rhapsody» endet. Und Mercurys Schwulenbarbesuche wirken wie drogenbedingte Verirrungen. Immerhin: Der Film betont Freddie Mercurys indische Herkunft – und dank Rami Malek («Mr. Robot») erhalten auch Nachgeborene eine Ahnung davon, welche überwältigende Kraft und Präsenz die Auftritte dieses Charismatikers hatten. (bsa)
Ab Donnerstag im Kino

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