«Yeah, yeah, epileptischer Anfall!»

Ab Sonntag ist «Deville» wieder auf SRF. Zu Gast ist Jan Böhmermann. Wie geht Late Night in der Schweiz?

«Wo sind die Blütenblätter? Ich komme!»: Dominic Deville bei den Proben im neuen Studio. Foto: Michele Limina

«Wo sind die Blütenblätter? Ich komme!»: Dominic Deville bei den Proben im neuen Studio. Foto: Michele Limina

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«Yeah!», jubelt es aus den Zuschauerreihen, während vorn auf der Bühne Lichter orgeln – und ein kaltes Weiss durch allerlei Farben ausgetauscht wird, etwa durch Rot, Blau oder Grün. Jeder Farbwechsel wird von einem freudigen «Yeah!» begrüsst. Auch dann, wenn die Farben schneller wechseln, als eine Kugel in einem Flipperkasten rumspicken kann. «Yeah, yeah, epileptischer Anfall!», jubelt es dazu aus dem Zuschauerraum.

Die Stimmung ist auch sonst richtig gut an diesem Montagnachmittag, an dem rund zwanzig Mitarbeiter im Zürcher Folium das neue «Deville»-Studio aufbauen, in dem das scheinbar Unmögliche gelingen soll: Late Night fürs Schweizer Fernsehen – im Wettkampf gegen übermächtige Konkurrenz. Etwa gegen all die Spass-Guerilleros auf Twitter, die zu jedem nur denkbaren Thema in Echtzeit ihre Witze machen. Oder gegen Conan O’Brien, John Oliver und die anderen Superprofis aus den USA, deren Shows auf jedem Computer mit Internetanschluss verfügbar sind.

Die Late Night war tot, dann kam Jan Böhmermann

Nicht zuletzt kämpft jedes hiesige Late-Night-Format gegen die Vorstellung, dass richtig lustige Schweizer Satire nur dann stattfindet, wenn Mike Müller am Sonntagabend Viktor Giacobbo einen Kaffee an den Schreibtisch bringt. Seit drei Jahren ist «Giacobbo/Müller» Geschichte. Genau so lange ist Dominic Deville mit seinem Late-Night-Format auf SRF. Seit einem Jahr gar auf dem alten Sendeplatz von «Giacobbo/Müller», also am Sonntagabend um 21.40 Uhr.

Der Schweizer Satiriker Dominic Deville zu Gast in der Show seines deutschen Kollegen Jan Böhmermann. (Foto: Screenshot ZDF)

«Wo sind die Blütenblätter? Ich komme!», ruft Dominic Deville, als er in Boxershorts und mit entsprechend viel nacktem Bein für eine Kameraprobe durch die Zuschauerreihen schreitet. «Hier kommt das Talent», ruft Patrick Karpiczenko, Devilles Sidekick, der «Karpi» genannt wird. Mit dem Talent ist Deville gemeint. Dabei gilt auch der 33-jährige Karpi mit seiner Harry-Potter-Frisur als einer der interessantesten Köpfe im Schweizer Humor.

Zu Gast in der heutigen «Deville»-Sendung ist einer, dem sein Talent niemand absprechen wird: Jan Böhmermann. Ihm gelang es, das Late-Night-Format nochmals neu zu erfinden, als es nach dem Abschied von Harald Schmidt wiederholt totgesagt wurde. Mit seinem «Neo Magazin Royale», seinen Songs und Tweets erreicht Böhmermann heute ein Millionenpublikum. Was er sagt, wird gehört und hat Gewicht – spätestens seit dem Erdogan-Gedicht, mit dem Böhmermann eine diplomatische Krise zwischen Deutschland und der Türkei auslöste.

Inzwischen arbeiten weit über hundert Mitarbeiter für Böhmermanns «Neo Magazin Royale». Davon ist Dominic Deville mit seinen fünf Autoren weit entfernt. «Wir wollen mit jeder Staffel einen Schritt weiterkommen, nicht stagnieren», sagt er. In diesem Jahr steht für den angestrebten Fortschritt das neue Studio. Und die Einladung von Böhmermann, mit dem die Schweizer wiederholt kooperierten – seit sie dank ihm ihren ersten Millionenerfolg landen konnten: 2017 wurde die «Deville»-Crew dazu eingeladen, im Rahmen einer Böhmermann-Aktion die Schweiz als das zweite Land nach Trumps «America First» zu preisen.

Ein «Deville»-Video für Trump wird zum Millionenhit

Die «Deville»-Crew packte die Chance: Das Video «Switzerland Second» knabbert heute in Sachen Klicks auf Youtube und anderen Plattformen an der 20-Millionen-Grenze. Auch nach diesem Hit gab es weitere Kontakte zu Böhmermann: Deville war im «Neo Magazin Royale» zu Gast; gemeinsam sangen die beiden Late-Night-Macher auf der Bühne zwei Songs von Böhmermann, als dieser mit seinem Show-Orchester in Zürich gastierte. Im vergangenen Jahr beteiligte sich das «Deville»-Team an Böhmermanns Song für Europa. Nun also kommt der Deutsche zu Deville in die Sendung.

«Meine Beine sind in diesem Licht so rosa, das sieht ja aus wie bei ‹Glanz & Gloria›», sagt Deville, als sein neues Studio in ein rotes Licht getaucht wird. «Die Quoten von ‹Glanz & Gloria› würden wir ja gerne nehmen», fügt der 44-Jährige hinzu. Tatsächlich sind die Zahlen von «Deville» nicht ganz so gut wie die der historischen Konkurrenz: 415 000 Zuschauer oder 35,1 Prozent des TV-Publikums erreichten Viktor Giacobbo und Mike Müller in der letzten Staffel ihrer Sendung. «Deville» – wie auch Michael Elseners «Late Update» – hatten zuletzt nur rund die Hälfte davon, also etwas über 200 000 Zuschauer.


Der Sänger Baschi zerstörte bei Deville mit einem Baseballschläger Modelle von Atomkraftwerken. (Foto: Screenshot SRF)

Aber wer sich nur die Zahlen des linearen Fernsehens anschaut, redet den Erfolg von «Deville» klein – und verkennt, dass sich die Spielregeln im Kampf um Aufmerksamkeit radikal verändert haben: Wer heute mit Humor ein grosses Publikum erreichen will, schafft dies nur noch, wenn etwas viral geht, also dank Likes und Shares in den sozialen Netzwerken. «Deville» gelang dies wiederholt, zuletzt mit einem Sketch: Bei einem Überfallversuch erkennt ein Tankstellenwart im Räuber einen alten Schulfreund. Es kommt zum Gespräch, der Räuber zeigt auf dem Handy Fotos seiner Kinder, bis eine weitere Schulfreundin hinzukommt, die bei der Polizei arbeitet.

Als der zweiminütige Tankstellenclip in der «Devillle»-Show lief, interessierte sich dafür fast niemand. Aber als er diesen Sommer auf die Hälfte runtergeschnitten wurde, ging er auf Facebook ab durch die Decke: 3,5 Millionen Mal wurde der Clip bis heute angeklickt, hatte also weit mehr Zuschauer als die erfolgreichsten SRF-Sendungen. Und dies, obwohl der Tankstellensketch auf Schweizerdeutsch ist. «Wir nehmen an, dass der Clip so oft geteilt wurde, weil Facebook von vielen genutzt wird, um mit alten Freunden in Kontakt zu bleiben», sagt Karpi, «und wir vermuten, dass die meisten nur die Untertitel lesen, den Ton gar nicht anmachen, wenn sie unseren Clip anschauen.»

Eskapaden soll es nur noch inhaltlich geben

«Ich habe den Eindruck, die Schweizer schätzen unsere Sachen oft erst, wenn sie im Ausland erfolgreich waren», meint Natascha Beller, eine der beiden Frauen im fünfköpfigen Autorenteam, die zuletzt grosse Aufmerksamkeit mit ihrem ersten Spielfilm «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» erhielt (der Film läuft noch in einigen ­Kinos). Tatsächlich gibt es Belege dafür, dass Ausländer dem «De-­ville»-Humor unverkrampfter begegnen können. Dafür steht etwa jener Einspieler zum Frauentag, der in Österreich zu einem Hit wurde, nachdem der ORF-Mann Armin Wolf ihn teilte. Im Clip zählen mehrere Frauen auf, was sie genau so schlecht könnten wie jene mächtigen Männer, die Unternehmen gegen die Wand fahren.


«Solange keine Frau eine Volkswirtschaft in den Sand gesetzt hat, bleibt Chancengleichheit einfach ein Wort»: Einspieler aus «Deville».

Es ist kein Geheimnis, dass sich die «Deville»-Leute in den letzten Jahren verausgabten, um ihre Sendung zu produzieren. Denn im Vergleich zu «Giacobbo/Müller» steht für «Deville» deutlich weniger Geld zur Verfügung. Wie viel es genau ist, will das SRF nicht sagen. Kommuniziert werden nur die Durchschnittswerte, was eine Comedysendung bei SRF kostet. Während es zu «Giacobbo/Müllers» Zeiten noch 116 000 Franken waren, sind es heute nur noch 93 000 Franken für eine Sendung. De facto soll «Deville» nur die Hälfte des Budgets von «Giacobbo/Müller» haben.

«Deville» muss also mit wenig auskommen und Kräfte sparen, wo es nur geht – für die Kreativität: Nach Home-Office-Jahren hat die «Deville»-Crew mit der letzten Staffel erstmals ein gemeinsames Büro bezogen. «Das hat uns enorm gut getan», sagt Natascha Beller. Weil sie im Büro direkt miteinander kommunizieren können; weil so vieles schneller und effizienter läuft, wenn sie etwa einen Text direkt an Deville zum Ausprobieren geben. «Oft ist es ja nicht nur eine Nummer, sondern eine Richtung, die man einschlägt», erklärt Beller, «wenn die von Anfang an falsch ist, dann kannst du zwanzig Witze schreiben, und sie fallen später alle wieder raus.»

«Alle unsere Bemühungen gehen zurzeit dahin, dass wir verbünzeln», ergänzt Karpi, «nicht im Humor, aber in der Produktion. Unsere Eskapaden sollen zukünftig nur noch inhaltlich stattfinden, das ist die Hoffnung.» Für weniger Kräfteverschleiss – und noch mehr yeah, yeah, yeah!


Auf Facebook in einer gekürzten Fassung ein Millionenhit: «Deville»-Sketch zum Thema «Good Old Friends».



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Erstellt: 16.11.2019, 20:41 Uhr

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