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GastkommentarDer Klimawandel wird sträflich unterschätzt

Die Welt reagiert in grotesker Weise falsch auf beide Krisen. Das hat damit zu tun, wer heute die Entscheidungsträger sind.

Der Klimawandel gefährdet unsere Lebensgrundlagen: Dürre in Venezuela.
Der Klimawandel gefährdet unsere Lebensgrundlagen: Dürre in Venezuela.
Foto: Luisa Gonzalez (Reuters)

Das Coronavirus hat bisher in vier Monaten etwa so viele Menschen umgebracht, wie der weltweite Strassenverkehr in einem Monat. Im schlimmsten Fall wird die Epidemie anderthalb Jahre anhalten, und die Opferzahlen werden vorübergehend die Grössenordnung der Verkehrstoten erreichen. Aber im Gegensatz zu den Verkehrstoten werden die Corona-Toten vor allem alte Leute mit Vorerkrankungen sein, die sowieso in absehbarer Weise das Zeitliche gesegnet hätten.

Zusätzlich wird es Kollateralschäden geben, weil wegen verstopfter Intensivstationen andere Erkrankte nicht adäquat behandelt werden können. Die Wirtschaft wird eine empfindliche Delle erleiden, danach wird die Welt wieder zur Tagesordnung übergehen, genau wie nach der Grippeepidemie von 1918 oder nach der Finanzkrise. AHV und Pensionskassen werden Finanzverluste erleiden, andererseits durch Übersterblichkeit der Pensionäre etwas entlastet. Das Problem der Überbevölkerung bleibt unbeeinflusst.

Trotz des Wirbels wird die Coronavirus-Epidemie spätestens im Jahr 2021 Geschichte sein. So what?

Die Medien sind zu einem gefühlten Viertel mit diesem Problem beschäftigt. Alle möglichen Szenarien werden auf hohem Niveau diskutiert. Der bestehende Grundkonsens wird nur von einigen Trollen und selbst ernannten Pseudoexperten gestört, beide nimmt kein seriöses Medium ernst. Trotz des Wirbels wird die Coronavirus-Epidemie spätestens im Jahr 2021 Geschichte sein. So what?

Zum Vergleich die Reaktion auf die Klimakatastrophe: Durch Überbevölkerung und Überkonsum werden die Lebensgrundlagen gesprengt. Die Lebensmöglichkeiten für andere Kreaturen schwinden wegen Übernutzung sowie wegen Verlust und Vergiftung von Lebensräumen.

Neutralisierte Wissenschaft

Aber Öffentlichkeit, Medien und Politik haben auch nach Jahrzehnten nicht begriffen, was auf uns zukommt. Die Wissenschaft wird im regierungsabhängigen Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) neutralisiert, als sie die matchentscheidenden Feedback-Mechanismen verschweigt, welche die offiziell vorausgesagte Temperatur verdoppeln oder sogar jederzeit unkontrollierbar beschleunigen können.

Wer, wie der erprobte Nasa-Experte James Hansen, trotzdem ausspricht, was Sache ist, wird ignoriert oder polizeilich abgeführt. Soweit die Wissenschaft überhaupt zu Wort kommt, wird sie in einer Flut klimaskeptischer Propaganda ersäuft. Sogar sogenannt «seriöse» Medien verunglimpfen Wissenschaftler als «alarmistisch» und deren begründete Lösungsvorschläge als «extrem». Die Folge ist eine durch Deklarationen wie das Pariser Abkommen getarnte politische Reaktionslosigkeit, die bisher nicht einmal imstande war, die absurden Milliardensubventionen für die Fossilindustrie einzustellen.

Die Umwelt- und Klimakrise spart die Entscheidungsträger aus, sie werden tot sein, wenn die Probleme akut werden.

Die Coronavirus-Epidemie erhält eine riesige mediale und politische Reaktion, obschon sie eigentlich ausser den sehr Alten niemanden gross bedroht. Die Umwelt- und Klimakrise erhält dagegen nur eine verharmlosende und ineffiziente mediale und politische Reaktion, obschon sie in den nächsten Jahrzehnten oder sogar Jahren mit grösster Gewissheit die Existenz unserer Zivilisation, diejenige der Menschheit und von grossen Teilen der Biosphäre bedroht.

Eine groteske Diskrepanz

Woher die groteske Diskrepanz? Das Coronavirus bedroht vor allem die Älteren, also jene Altersgruppe, welche in Anzug und Kravatte, in Verwaltungsräten und Regierungen die Gesellschaft faktisch leitet. Nur sie hat die Schalthebel, um Medien, Politik und Gesellschaft dazu zu bringen, ihr altes Leben und ihre alten Interessen zu verteidigen, und das tut sie auch: Gut ist, was mir nützt.

Dagegen spart die Umwelt- und Klimakrise genau diese älteren Entscheidungsträger aus, sie werden tot sein, wenn die Probleme akut werden. Deshalb ist für sie das Bequemste ein «weiter so», und den Leidtragendender jungen Generation – bleibt nur die Möglichkeit, die «alarmistischen» und «extremen» Einsichten der Wissenschaft in wirkungslosen Protesten zu wiederholen.

69 Kommentare
    Regula Hess

    Der Grund dass verschiedene Probleme verschiedenes Echo auslösen, sind vielseitig und nicht nur die Entscheidungsträger. Dies hat es schon vor Corona gegeben. Es ist halt nicht populär, zu sagen, fliegt nicht, konsumiert weniger, esst weniger Fleisch, reduziert den internat. Handel und tut etwas gegen das Bevölkerungswachstum (Bildung für Frauen in armen Ländern). Vor allem förder all dies nicht die Gewinne.