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Nicht alle Exportzahlen öffentlichUhrenindustrie stellt Bekenntnis zu Transparenz infrage

Der Verband der Schweizer Uhrenindustrie prüft, gewisse Angaben zu den Exportstatistiken nicht mehr öffentlich zu machen. Ist der Siegeszug der Smartwatch der Auslöser?

Die Schweizer Uhrenindustrie exportiert jährlich Produkte im Wert von 21,7 Milliarden Franken.
Die Schweizer Uhrenindustrie exportiert jährlich Produkte im Wert von 21,7 Milliarden Franken.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Das Traktandum ist brisant: Am 26. November entscheidet der Verband der Schweizer Uhrenindustrie darüber, ob er die Zahlen zu den Uhrenexporten gegenüber der Öffentlichkeit anders ausweisen will. Zur Debatte steht, die Ausfuhren nach Preisklasse nur noch innerhalb der Organisation zu deklarieren.

Branchenkenner hegen den Verdacht, der drittgrösste Exportzweig des Landes wolle davon ablenken, dass er in den Einstiegssegmenten an Boden verliert. Gemeint sind Armbanduhren zu einem Exportpreis von unter 3000 Franken.

Initiative kommt von der Swatch Group

Die Initiative stammt von der Swatch Group, dem weltgrössten Uhrenhersteller aus Biel mit Marken wie Swatch, Tissot, Rado und Omega. Die Gruppe um Konzernchef Nick Hayek hat aufgrund ihrer Bedeutung das grösste Gewicht innerhalb des Verbands der Schweizer Uhrenindustrie.

«Eine Kommission prüft, inwiefern die Uhrenstatistik moderner und frischer präsentiert werden kann», sagte Swatch-Group-Sprecher Bastien Buss gegenüber dem Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan».

Auf Anfrage bestätigt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Uhrenverbands: «Ja, wir machen uns Gedanken über die Publikation von Uhrenstatistiken.» Er werde aber erst einen Kommentar abgeben, wenn der Vorstand einen Entscheid gefällt habe.

Noch im Jahresbericht 2019 beschwor die Organisation ihre transparente Informationspolitik. Die Exportzahlen seien die «wichtigste offizielle, regelmässige und zuverlässige Quelle», um die Entwicklung der Uhrenexporte zu verfolgen.

Wirtschaftsprofessor Pierre-Yves Donzé von der Universität Kyoto in Japan sagt deshalb: «Ganz offensichtlich ist das Ziel, die Realität zu verschleiern.» Der gebürtige Neuenburger forscht unter anderem zur Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie.

Was Donzé meint: Die nach Preissegment ausgewiesenen Zahlen zeigen, dass die Uhrenindustrie bei den teuren Luxusuhren zwar deutlich zulegt. So beträgt das Wachstum bei Produkten zu einem Preis von über 3000 Franken seit dem Jahr 2000 insgesamt 241 Prozent. In den Preisklassen darunter stagnieren die Ausfuhren jedoch.

Ein Grund ist die Smartwatch. Technologiekonzerne wie Apple und Samsung bieten ihre Produkte im Handel zu einem erschwinglichen Preis an. Sie greifen damit die hiesige Uhrenindustrie dort an, wo diese dem Trend zum Mini-Computer am Handgelenk wenig entgegensetzen kann: im unteren bis mittleren Preissegment.

Die Swatch Group brauchte fünf Jahre, um eine rein schweizerische Antwort auf die Smartwatch des US-Technologiekonzerns Apple zu finden. Seit Anfang September ist die T-Touch Connect Solar der Marke Tissot hierzulande ab knapp 1000 Franken im Handel erhältlich.

Die Exportzahlen seien eine der wenigen Informationsquellen in einer Branche, die ansonsten durch beinahe völlige Diskretion gekennzeichnet sei, sagt seinerseits Oliver Müller. Er ist Gründer der Waadtländer Beratungsfirma Luxeconsult, die in der Luxusgüterindustrie tätig ist. Transparenz sei deshalb unabdingbar. Müller: «Sie erlaubt uns, die aktuellen und historischen Trends, welche die Schweizer Uhrmacherei kennzeichnen, zu beobachten und zu interpretieren.»

Luxusuhren gewinnen an Bedeutung

Zum Vorwurf der fehlenden Transparenz teilt die Swatch Group mit, dass sich das Wesen der Uhrenindustrie in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe. So habe das Luxussegment klar an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der hochpreisigen Uhren am gesamten Exportvolumen noch 34 Prozent. Heute sind es bereits 69 Prozent.

Bislang veröffentlicht der Verband der Schweizer Uhrenindustrie die Exportzahlen monatlich auf seiner Website. Die Daten stammen offiziell von der Eidgenössischen Zollverwaltung. Der Verband bereitet sie aber für die Öffentlichkeit auf. Ausgewiesen werden Volumen und Gesamtwert der exportierten Uhren, die wichtigsten Absatzmärkte und eben die Entwicklung nach Preissegmenten.

7 Kommentare
    Peter Colberg

    Was ich hier ganz besonders gerne gelesen hätte, ist wie hoch der Anteil von asiatischen (made in China) Komponenten in den offiziell "made in Switzerland" Uhren tatsächlich ist. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass schweizer Uhren im tieferen Preissegment (etwa Tissot & Certina) völlig überteuert sind. Die qualitative Wertigkeit (Stil und Details) ist längst nicht mehr das, was sie vor etwa 15-20 Jahren noch war: dass sieht man sofort, wenn man ältere Modelle mit denen vergleicht, die jetzt im Verkauf sind, und in vieler Hinsicht bis auf ganz wenige Unterschiede alle eher gleich aussehen. Alles ziemlich charakterlose Massenprodukte. Kaufen würde ich sowas nicht mehr.