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Und dann und wann ein rosa Elefant

Keine Kompromisse mit denkfaulen Lesern: Martin Suter. Foto: Urs Jaudas

Johannes Mario Simmel – sagt der Name uns noch etwas, liest den noch jemand? Immerhin war er mal Auflagenkönig: 73 Millionen verkaufte Bücher! Simmels Romane wurden von den einen verschlungen, von den anderen geschmäht; Kitsch, Schund, triviales Zeug nannten es die Kritiker – bis sie, spät genug, wenigstens den aufklärerischen Impetus des Mannes erkannten und würdigten. Ein sozialdemokratischer Gebrauchsschriftsteller: So lautete nun das Etikett.

Warum dieser Einstieg – ist Martin ­Suter etwa der Simmel unserer Jahre? Natürlich nicht, aber der Vergleich hat einigen Charme. Und wenn es nur der wäre, Suter, den Auflagenkönig der Schweiz, vor falschen Massstäben zu bewahren, die man an ihn anlegte, wenn man ihn an den Werners, Stamms oder Hürlimanns mässe, also an Literatur, die ganz von der Sprache lebt. Suters Leistungen werden in einer anderen Disziplin erbracht.

Im Mittelpunkt seines neuen Romans «Elefant» steht ein solcher. Ein ganz besonderer, rosarot, im Bonsai-Format und nachts leuchtend, das Ergebnis eines missglückten gentechnischen Experiments. Simmel übrigens sammelte Elefantenstatuetten – als Glücksbringer. Vor allem aber schrieb er schon 1987 einen Roman über die Gefahren der Gentechnik: «Doch mit den Clowns kamen die Tränen» über ein Virus, das friedfertig macht und die Begehrlichkeit diverser Geheimdienste erregt.

Die Gentechnik hat seitdem enorme Fortschritte gemacht, die Unterhaltungsliteratur auf ihre Art auch. Simmel war in der Welt der Illustrierten gross geworden, Suter ist es in der Werbung. Die Illustrierten ködern ihre Käufer mit Gefühlen aus zweiter Hand, gute aktuelle Werbung nutzt das ganze Spektrum sprachlicher und assoziativer Intelligenz. Simmel bediente sich der Erzähltechniken des Kinos – nicht des jungen deutschen Kinos: Er war geprägt von Heimat- und Propagandastreifen, mit denen er gross geworden war. In seinen Romandialogen wurde geschmalzt und gesülzt, auch im Sinne der guten Sache. Suter schreibt selbst filmisch – schnell, schlackenfrei, mit knappen Dialogen, bei denen die Repliken wie Tennisbälle hin und her fliegen. Immer Topspin!

Und die Gentechnik? Die kriegte Simmels Heldin in umständlichen Ausführungen von einem polnischen Experten beigebracht, woraus sich eine wenig überzeugende, aber für das Genre obligatorische Liebesgeschichte entspann. Suter macht es, auch in diesem Punkt, viel schlanker und eleganter. Er ver­mittelt alles, was man über fluoreszierende Proteine, Zwergwuchs des Typus MOPD II und künstliche Befruchtung bei Elefanten wissen muss, direkt über die Handlung. Kein trockenes Dozieren, kein längliches Referieren, wir werden en passant informiert und sind immer auf der Höhe. Suter ist es auch, auf dem Stand der Forschung, wohlberaten von internationalen Kapazitäten, die er im Anhang aufführt. Und, letzter Punkt gegen Simmel, dann lassen wir das Match: Bei Suter tropft die Moral nicht aus den Zeilen, sie bleibt drinnen.

Ein Spielzeug für Ölscheichs?

Denn die moralischen Verhältnisse, sie sind kompliziert. Wenn Wissenschaftler an Stammzellen herumfummeln, kann Grossartiges entstehen – ein Mittel gegen Alzheimer? –, aber auch Monströses. Suter lässt seine Figuren gelegentlich über diese Ambivalenz sinnieren, aber nur kurz, denn die Wahrheit ist konkret.

Die Wahrheit: Das ist hier eben der kleine, rosarot leuchtende Elefant. Ein wunderbares Symbol für alles Mögliche, der auch den Roman gewissermassen durchleuchtet. Und er zerlegt die Menschen in zwei klar voneinander geschiedene Teilmengen. Die einen – der Genforscher Roux, der Zirkusdirektor Pellegrini, die chinesische Klonfirma CGC und ihr Special Agent Tseng – sehen in dem Elefäntchen nur seine Verwertbarkeit. Die wissenschaftliche Sensation. Vielleicht ein Spielzeug für Kinder von Ölscheichs, die schon alles haben. Also ein Vermögen, das schon im Zellmaterial steckt. Wenn man es denn hätte.

Denn auf der anderen Seite gibt es Menschen, die entweder vor Ehrfurcht erstarren angesichts dieser Erscheinung, wie der burmesische Elefantenpfleger Kaung. Oder in denen angesichts der Schönheit, Unschuld und Hilflosigkeit des Wesens Beschützerinstinkte erwachen. Zu ihnen gehören der Clochard Schoch, der Zirkusdoktor Reber und die Tierärztin Valerie.

Die Interessenlage des Romans ist also ganz einfach: Die einen wollen den kleinen Elefanten haben, um mit ihm etwas anzustellen und gross rauszukommen – die anderen wollen es ihm gönnen, einfach zu existieren, und sich an ihm erfreuen. Aus dieser Konstellation baut Martin Suter einen tollen Plot, dem man gespannt auf den Fortgang und voll Bewunderung für die Bauart folgt. Wie er zwei Handlungsstränge entwickelt, die zwei Jahre auseinanderliegen und dann rasant aufeinander zulaufen, wie er uns, über Hunderte von Seiten versetzt, dieselbe Szene aus zwei verschiedenen Blickwinkeln zeigt: Das ist meisterhaft.

In der «Sache» schliesst Suter keine Kompromisse mit einer etwaigen Denkfaulheit seiner Leser. Es ist kompliziert und aufwendig, aus einer genetisch manipulierten Elefanten-Eizelle tatsächlich ein lebendes Exemplar zu gewinnen, und es bleibt auch im Roman kompliziert. Der Zwergwuchs, den Dr. Roux so gern serienmässig hätte, ist eigentlich ein Defekt; ob sich das wiederholen lässt? Da sät der Roman gesunde Skepsis.

Simmel, ein letztes Mal, liebte Verschwörungstheorien, dachte (oder fühlte) in globalen Dimensionen. Suter bleibt hier hart am Einzelfall, am Einzelwesen. Und wendet damit die Sorgsamkeit, die seine wohlmeinenden Gestalten dem kleinen Elefanten angedeihen lassen, selbst an. Eine der schönsten, zeit- und seitenvergessenen Passagen schildert das Zusammenleben von Tier und Mensch (hier: der Clochard Schoch) in ihrem Versteck in einer verlassenen Zürcher Villa. Alle drei Stunden muss das Tierbaby gefüttert werden, Tag und Nacht; zwischendurch spielen sie oder schauen, staunen sich einfach an. Bis, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, ihnen die Genjäger auf die Spur kommen, die Verfolgungsjagd beginnt, die Reifen des Romans, metaphorisch gesprochen, quietschen.

Die Hexe muss dran glauben

Die Welt dieses Buches zerfällt, wie schon angedeutet, in Menschen, denen Geld alles bedeutet und alles nur Geld bedeutet, und in solche, denen anderes wichtiger ist – oder gar nichts mehr wichtig. Valerie hat ihr reiches Erbe in eine Tierstiftung gesteckt und behandelt unentgeltlich in einer «Gassenklinik» die Hunde der Obdachlosen. Zu denen Schoch gehört – ein Mann, der in der Sinnlosigkeit seinen Sinn gefunden hat («Wenn ich aufhöre zu saufen, was mache ich denn dann») und über die Verantwortung für den kleinen Elefanten wieder zurück in die Spur findet.

Profiteure und Verweigerer, Geldhaie und Aussteiger, ja, so ist es: Bösewichte und Gutmenschen. Der raffinierte Gentechnikkrimi hat auch Züge eines lieben Märchens. Den vermeintlich Machtlosen stehen die Natur und die Liebe zur Seite, und als die Lage einmal ganz aussichtslos erscheint, erwachsen aus Schochs Vergangenheit wirksame Helfer. Gute Taten rentieren eben in der Märchenbilanz. Und so wird aus dem hässlichen Clochard-Entlein ein ansehnlicher Schwan, und die böse Hexe Dr. Roux erhält ihre verdiente Strafe.

«Wir brauchen bessere Simmels», hat vor Jahrzehnten einmal ein Kritiker gefordert. Hier ist einer, ein viel besserer. Auch wenn er einigen Reflexen der Unterhaltungsliteratur nicht entgeht.