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Schauspieler im InterviewFilmdreh über Todesgrippe – «Und plötzlich war das unsere Realität»

Harold Lauder (Owen Teague) gehört zu den wenigen, die der Supergrippe Captain Trips nicht zum Opfer gefallen sind. Er hinterlässt Graffiti, um andere Überlebende zu finden.

«The Stand» wirkt bedrückend aktuell. Die Dreharbeiten begannen aber schon lange vor dem Ausbruch, oder?

Ja, wir drehten die erste Folge im August oder September 2019. So erlebten wir Monate vor allen anderen, wie das ablaufen würde. In der Serie tragen einzelne Leute Masken, oder da flippen alle aus, wenn jemand niest. Und plötzlich war das unsere Realität. Immerhin ist Corona nicht Captain Trips, die Supergrippe; es sterben nicht 99% der Bevölkerung. Stephen King selbst musste das mal in einem Tweet klarstellen.

Und jetzt leben wir schon ein gutes Jahr mit der Pandemie.

Es kommt mir immer noch so vor, als würden wir in einem anderen Universum leben. Wir befinden uns in einem Schwebezustand, warten auf die Impfung. Die Serie zeigt aber, dass es viel übler hätte kommen können. Allerdings reagieren die Menschen ähnlich auf die Pandemie wie die Figuren in der Serie. Sie nehmen sie nicht ernst genug, flüchten sich in Wut und Hass. Die wütenden Mobs aus der Serie haben wir auch im echten Leben gesehen.

Kannten Sie Stephen Kings Buch schon vorher?

Ich hab es mit dreizehn das erste Mal gelesen. Damals litt ich gerade selbst an einer Grippe; keine Ahnung, was ich mir dabei überlegt hab. Aber ich habs trotzdem geliebt, es ist immer noch eins meiner Lieblingsbücher.

Nach «Cell» und den beiden «It»-Filmen ist «The Stand» Ihr drittes Stephen-King-Projekt. Seine Bücher scheinen Sie wirklich zu faszinieren.

Klar. Ich hab ihn nie getroffen, aber seinen Sohn Owen King, der bei der Serie ausführender Produzent ist.

Sie spielen Harold Lauder. Ursprünglich ist er auf der Seite der Guten, lässt sich dann aber vom Bösen verführen. Wie sind Sie diese Rolle angegangen?

Grundsätzlich habe ich mich daran orientiert, wie er im Buch beschrieben ist. Dazu hab ich viel Zeit online auf Incel-Foren oder in rechtsextremen Chats verbracht, um in das Mindset dieser Leute reinzukommen. Das war sehr unerfreulich, aber Harold ist eine solche Figur. Ausserdem habe ich meine Schreibmaschine mit nach Vancouver genommen, wo wir drehten, und schrieb das Manifest, das auch Harold in der Serie verfasst. Das ganze Ding war am Ende ca. 140 Seiten lang.

Das haben Sie also tatsächlich selbst geschrieben?

Ja, es war wie ein Tagebuch. Einige Stellen stammen direkt aus der Romanvorlage, vieles stammt von mir selbst.

Zu den gruseligsten Szenen gehört die, in der jemand Harolds Manifest entdeckt. Da merkt man, dass er wie Breivik oder der Christchurch-Täter denkt, von denen ja ähnliche Texte stammen. Es erinnert aber auch an die berühmte Szene in «The Shining», in der die Frau des verrückten Schriftstellers seine Schreibmaschinenseiten durchgeht.

Das ist einer meiner Lieblingsfilme, das Buch mag ich ebenfalls. Das Hauptmotiv in der Filmmusik ist das Dies irae, eine Melodie aus einem mittelalterlichen Hymnus. Es wurde in der Musikgeschichte oft als Todesmotiv eingesetzt. Für mich war das Harolds Motiv.

Ein weiteres Detail ist, dass sich Harold an seinen Badezimmerspiegel einen Ausschnitt von Tom Cruise klebt. Dessen Grinsen übt er dann jeden Morgen. Woher kam die Idee?

Von Josh Boone, dem Showrunner. An dem Punkt trägt Harold sein Lächeln wie eine Maske, er spielt den anderen etwas vor. Der Tom-Cruise-Ausschnitt treibt das auf die Spitze, sodass es lustig, aber trotzdem noch glaubwürdig ist. Beim Dreh hab ich wirklich einfach versucht, dieses Lächeln hinzubekommen. Mich nimmt Wunder, ob Cruise die Szene gesehen hat.