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Zürcher Stimmen zum Jahr 2020Und, wie war Ihr Jahr? – Teil 2

Stefan Haupt nimmt den «Tagi» ins Visier, die Mickry 3-Künstlerinnen finden Nacktsein gut und Filippo Leutenegger verrät, wie es seinem Rücken geht.

Regisseur Stefan Haupt («Zwingli», «Zürcher Tagebuch») macht sich Gedanken über zukünftige Filme.
Regisseur Stefan Haupt («Zwingli», «Zürcher Tagebuch») macht sich Gedanken über zukünftige Filme.
Foto: Andrea Zahler

Zum Jahresabschluss stellen wir Zürcher Promis dringende und andere Fragen. Falls Sie den ersten Teil dieser dreiteiligen Serie verpasst haben, in dem uns zum Beispiel Lara Stoll eine brutale Abfuhr erteilt, finden Sie ihn hier.

Stefan Haupt

Stefan Haupt ist Regisseur («Zwingli») und hat als solcher mit «Zürcher Tagebuch» der Stadt auf den Zahn gefühlt.

Nachdem Ihr Film nun im Kino läuft: Führen Sie noch immer Tagebuch? Oder haben Sie jetzt genug davon?

Ich schreibe weiterhin regelmässig Gedanken, Reflexionen oder auch Ideen auf – aber nicht mehr in Form eines Tagebuchs.

Wenn die Corona-Krise vorbei ist, werden wir das Zürich im «Zürcher Tagebuch» überhaupt noch wiedererkennen?

Ja, ganz sicher, auch wenn mit Veränderungen zu rechnen ist. Doch viele der angesprochenen Themenbereiche wie Klimawandel, News-Überflutung, Immobilienpreise, Flüchtlingsnot und ungerechte Wohlstandsverteilung werden leider genauso aktuell bleiben, oder sie verschärfen sich noch. Aber glücklicherweise werden sich auch die Klimajugend und andere gestaltende Kräfte bei unseren politischen und gesellschaftlichen Themen weiterhin einmischen wollen.

Welche Zürcher Geschichte muss unbedingt erzählt werden?

Zum Beispiel die Geschichte des Wipkinger Glockenstreits 1917, als sich die Kirchenpflege Wipkingen aus Protest weigerte, am 1. August 1917 die Glocken zu läuten. Oder ein Dokumentarfilm, der die Wandlung vom «Tages-Anzeiger» zur TX Group nachzeichnet und dazu relevante Fragen stellt – zum Beispiel nach der Wertschätzung und Bedeutung vom Journalismus für unsere Stadt.

Martin Birrer

Martin Birrer ist Area Manager D/A/CH bei Zürich Tourismus. Züri Tourismus wollte diesen Sommer mit der Kampagne «Züvenir» Menschen aus Nachbarkantonen zum Urlaub in der Limmatstadt bewegen.

Dieses Jahr stand «Zü-Tropez» oder «Zübiza» auf unseren T-Shirts, was wird 2021 draufstehen?

-Ritipp

Der «Züvenir»-Truck war in der ganzen Schweiz unterwegs. Wo wurden am wenigsten «Züvenirs» verkauft?

Ganz klar in Basel. Wir schafften es nicht einmal, die Kleiderständer auszufahren und die «Züvenirs» gebührend zu präsentieren. Das einzige «Züvenir» aus fünf Minuten Unterer Rheinweg: das Wissen, dass die Basler Polizei Tesla fährt.

Hat Ihre Kampagne was gebracht und tatsächlich mehr Leute nach Zürich geholt?

Als Awareness-Kampagne war nicht der Abverkauf von Hotelzimmern das primäre Ziel, sondern die Inspiration für zukünftige Reiseentscheide. Umso schöner war es, mit einem blau eingefärbten Bild eines «Zü-Tropez»-Shirts im Züritipp zu landen – was interessierte Kundinnen und Kunden gleich dazu veranlasste, bei uns dieses blaue Shirt bestellen zu wollen. Leider war es nur in der Grafikabteilung des Züritipp digital verfügbar.

Anna Stern

Anna Stern ist Autorin und forscht an der ETH zu Seuchen. Sie erhielt den Schweizer Buchpreis 2020 für «das alles hier, jetzt». Und das sicher nicht, weil sie alles klein schreibt.

Wie lief die Preisverleihung des Schweizer Buchpreises dieses Jahr ab? Wie gings Ihnen?

das grosse feiern fiel weg, ich bin allein nach basel gereist – mit einem gleichzeitig sehr vollen, sehr leeren kopf. ich habe an diesem tag wohl vor allem funktioniert, richtig verstanden, was gerade passiert, mit mir, mit meinem buch, habe ich nicht. in den wochen nach der nominierung mitte september ging ich davon aus, die preisverleihung setze der aufregung ein ende; jetzt zeigt sich: es war wohl erst der anfang.

Wie schreibt man ein richtig gutes Buch?

puh, das weiss ich doch nicht!

Für viele wohl schwer nachvollziehbar: Sie sind als Wissenschaftlerin fasziniert von Infektionskrankheiten und Pandemien. Was ist daran so toll?

der mensch ist – als art, als individuum – nicht sehr gut darin, seine grenzen zu kennen, diese zu respektieren. in beziehungskonflikten, bei der pandemie oder mit blick auf das problem der antibiotikaresistenzen: der mensch überschätzt sich, die ressourcen, die ihm zustehen. wie sonst lässt sich erklären, dass ein virus – von auge nicht sichtbar, den gängigen definitionen nach noch nicht einmal lebendig – das ganze system mensch innert kürze zu boden zu ringen weiss? das forschen, das schreiben sind meine versuche, mit dieser unserer art eigenen hybris einen umgang zu finden.

Haben Sie einen Buchtipp für uns in dieser speziellen Zeit?

howard normans romane sind fester bestandteil meiner «literaturapotheke»: texte, die ich mir in turbulenten zeiten (auch wiederholt) verschreibe, um darin beziehungsweise dadurch ruhe zu finden.

So sah er aus, der umstrittene Migros-Sack von Mickry 3: Er hat vermutlich bereits Sammlerwert.
So sah er aus, der umstrittene Migros-Sack von Mickry 3: Er hat vermutlich bereits Sammlerwert.
Foto: PD

Mickry 3

Mickry 3 ist ein Künstlerinnentrio, dessen Migros-Sack mit nackter Frau und Katze als sexistisch eingestuft wurde. 60’000 Exemplare wurden daraufhin wieder eingestampft.

Wie ist es so, einen zensurierten Papiersack gestaltet zu haben?

Wir können den Wirbel, den diese nackte Frau mit ihrer Katze ausgelöst hat, immer noch nicht nachvollziehen. Es freut uns aber, dass die Menschen bezüglich Sexismus in unserer Gesellschaft sensibilisiert sind. Wie sich dieser manchmal verkleidet und wie man diesen erkennt, muss allerdings zwingend weiter thematisiert werden. Denn nackt zu sein, ist grundsätzlich okay.

Würden Sie nochmals einen Papiersack gestalten, was wäre drauf?

Das Gleiche.

Müssten Sie das Jahr 2020 in einem Tier zeichnen, wie würde es aussehen?

Ein meditierender Vogel. Wenn ein Vogel Angst hat oder es ihm nicht gefällt, fliegt er einfach davondoch diese Taktik war leider für uns Menschen 2020 nicht möglich, und wir mussten uns in Geduld und Gelassenheit üben

Christoph Doswald

Christoph Doswald ist abtretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe KiöR (Kunst im öffentlichen Raum).

Ich stehe vor einem Kunstwerk, habe aber keine Ahnung von Kunst. Mit welchem Spruch punkte ich trotzdem?

Machen Sie einen persönlichen Ansatz, seien Sie nicht schüchtern, trauen Sie sich was – aktuelle Kunst verlangt Auseinandersetzung, Reaktionen. Und diese können auch sachfremd und emotional sein.

Welches Kunstwerk im öffentlichen Raum in Zürich zeige ich jemandem, wenn ich die Person beeindrucken möchte?

In Zürich gibts viel Gutes, aber es ist über die ganze Stadt verteilt. Wenn Sie in Oerlikon sind, rate ich zu Fischli/Weiss («Haus» oder «How to Work Better»). Am Seebecken ist das Corbusier-Gebäude ein Muss. Und auf dem Friedhof Eichbühl in Altstetten gibts die zauberhafte goldene Kugel von Ana Roldàn, die auf dem Dach des Pavillons balanciert.

Welches Kunstwerk im öffentlichen Raum in Zürich ist unterbewertet und weshalb?

Lawrence Weiners Schrifttafeln am Bellevue, am Helvetiaplatz und beim Limmatplatz sind im Bodenbelag eingelassen und werden darum kaum wahrgenommen.

Und welches Kunstwerk ist überbewertet?

Darauf gibts keine Antwort, nur dass die Bewertung von Kunst immer auch Geschmackssache ist wie beim Fussball: Die einen stehen auf Messi, die andern auf Ronaldo.

Stereo Luchs

Stereo Luchs ist Musiker und beliefert Zürich regelmässig mit neuen Hymnen. Fast schon verdächtig oft wurden die Songs in der «Tagi»-Serie «Mein Zürich» als d i e «Züri-Tracks» bezeichnet.

Wenn wir bei Interviews die Menschen nach Ihrem Züri-Soundtrack fragen, sagen viele: «Ziitreis» von Stereo Luchs. Wie gehts Ihnen damit?

Sehr gut. Gerade in diesem Jahr, in dem es nur wenig Konzerte und Resonanz gab und sich überhaupt alles sehr separiert anfühlte, ist es nice, zu hören, dass deine Songs für jemand da draussen ein Puzzleteil ihres Soundtracks bilden.

Wo hat es Ihnen in Zürich in diesem struben Jahr am besten gefallen?

Ich fand den Friedhof Sihlfeld schon immer schönund während des Lockdown noch etwas schöner. Immer mehr Leute fanden das offensichtlich auch, dann kam ein Central-Park-Vibe auf, der mir irgendwann zu viel wurde. In letzter Zeit war ich mehr in Altstetten. Wir haben da unser Studio, und ich mag das Quartier gern.

Haben Sie die Corona-Zeit genutzt, um neue Musik zu produzieren?

Ich dachte zuerst, dass das Jahr gut wird für ganz viel Output: wenig Ablenkung und so. Schliesslich fand ich es dann aber doch etwas schwieriger, dieser seltsamen Zeit und dem gefühlten kulturellen Vakuum die richtigen Songs zu entlocken.

Nach dem Erfolg der Multimediashow «Van Gogh Alive»: Der Künstler Vincent van Gogh (nicht auf dem Bild) denkt bereits an die nächste Produktion.
Nach dem Erfolg der Multimediashow «Van Gogh Alive»: Der Künstler Vincent van Gogh (nicht auf dem Bild) denkt bereits an die nächste Produktion.
Foto: PD

Vincent van Gogh

Vincent van Gogh war ein Maler und feierte 2020 trotz Corona ein grosses Comeback mit der Multimediashow «Van Gogh Alive» in der Maag-Halle.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Erfolg Ihrer Ausstellung «Van Gogh Alive»?

Viel zu melden hatte ich selber dabei ja nicht. Sicher ist, dass die Ausstellung erfolgreicher war als ich zu meinen Lebzeiten. Aber das ist jetzt auch kein Gütesiegel: Ich habe ja gerade mal ein einziges Bild verkauft.

Was kann man von Ihnen zukünftig noch erwarten?

Ich hoffe sehr, dass mein Leben noch als Musical auf die Bühne kommt. Der Titel könnte dann ebenfalls «Van Gogh Alive» sein. Das müsste dann aber bitte in Mono aufgeführt werden. Ich hasse Stereo.

Zineb «Zizi» Hattab

Zineb Hattab hat Anfang Jahr das vegane Restaurant Kle in Wiedikon eröffnet. Die Quereinsteiger-Köchin gilt als «Entdeckung des Jahres» im aktuellen «Gault Millau»-Führer. Hattab ist eigentlich studierte Software-Ingenieurin.

Hätten Sie damit gerechnet, wenige Monate nach dem Start mit 14 «Gault Millau»-Punkten ausgezeichnet zu werden?

Ich bin kein Mensch, der Dinge erwartetin der katalanischen Kultur, wo ich aufgewachsen bin, ist man immer sehr selbstkritisch. Das Wichtigste ist für mich, ein gutes Restaurant mit einem zufriedenen Team zu führen.

Sie kochen vegan. Essen sie auch vegan?

Ja, seit etwa einem Jahr, als ich eine pflanzlich basierte Diät gemacht habekurz bevor wir das Kle eröffnet haben.

Sie haben in den letzten Monaten viele neue Schweizerdeutsche Wörter gelernt. Ihr Lieblingswort?

Rüebliso ein süsses Wort! Ich finde es schön, dass Schweizerdeutsch einen Hang zum Verniedlichen hat.

Filippo Leutenegger

Filippo Leutenegger ist Zürcher Stadtrat und verfasste gefühlt jeden Tag ein Infoschreiben an Eltern betreffend Schulbetrieb, Kinder und Schutzmassnahmen.

Wie kann ich mir Sie eigentlich beim Aufsetzen Ihrer Infobriefe an die Eltern vorstellen? Am Tisch? Stehend und diktierend? Im Büro? Im Homeoffice?

Zum Glück macht mein Rücken keine Probleme. Daher habe ich kein Stehpult. Diktieren tue ich kaum, denn meine engsten Mitarbeitenden lassen sich nicht gern diktieren, was zu tun ist.

Auf welches Infoschreiben freuen Sie sich am meisten, wenn Sie es werden aufsetzen können?

Auf jenes, das die gute Nachricht verkündet, dass es an den Schulen keine Covid-19-Schutzmassnahmen mehr braucht.

Franz Hohler

Franz Hohler ist Kabarettist und Schriftsteller. Sein neues Stück «ÖV» feierte im Bernhard-Theater noch kurz vorm Kultur-Shutdown Premiere.

Welches ist Ihre Lieblingsdestination, die mit dem ÖV zu erreichen ist?

Regensbergbrücke, Tram Nr. 11, dann weiss ich, dass ich wieder zu Hause bin.

Das Stück «ÖV» hat eine eigene VBZ-Haltestelle bekommen. Welche Werke könnte man sonst noch in Zürich mit einer so schönen Aktion würdigen?

Warum nicht die Haltestelle Riedbach (Buslinie 781 und 787) umbenennen in «Hombis Salon»? Christoph Hombergers kulinarischer Miniaturkonzertsaal zwischen dem Kehrichtwerk Hagenholz und dem Hallenstadion ist einzigartig.

Wenn Sie im HB nach Gleis 78 gefragt werden, wo die Züge, wie im Stück, Richtung Niemandsland abfahren sollen, wo schicken Sie die Leute hin?

Zur Gessnerallee. Dort sollen sie ans Sihlufer hinuntersteigen und einen Graureiher oder eine Stockente fragen.

Der Spruch der Stunde am Zürcher Theater Spektakel.
Der Spruch der Stunde am Zürcher Theater Spektakel.
Foto: Tim Etchells/PD

Matthias von Hartz

Matthias von Hartz ist Leiter des Zürcher Theater-Spektakels. Die Stadt Zürich hat den eigentlich Ende 2021 auslaufenden Vertrag mit ihm dieses Jahr verlängert.

In den sozialen Medien gabs haufenweise Posts und begeisterte Stimmen zur Opern-Performance «Sun & Sea». Überrascht?

«Sun & Sea» hat ja auf beinahe magische Weise virulente Themen und die Stimmung dieses Jahres zusammengebracht, vielleicht dieses Jahr noch passender als bei der Biennale in Venedig 2019. Singen über das Klima – mit Distanz. Ich würde so sagen: Manchmal gelingt es Kunst besser als allem anderen, eine Zeit so gut auf den Punkt zu bringen.

Wenn Sie Ihren Vertrag selbst verlängern dürften, wie lange würden Sie gern Leiter des Zürcher Theater Spektakels bleiben?

Ich habe diesen Sommer mehreren Künstlerinnen und Künstlern aus dem globalen Süden versprochen, dass die Konzernverantwortungsinitiative angenommen wird. Sieht so aus, als müsste ich noch ne Weile bleiben.

Die Leuchtschrift von Tim Etchells verkündete mit «The Show Must Not Go On» den entscheidenden Satz dieses Jahres. Was, wenn er auch noch für 2021 gilt?

Ich hoffe sehr, dass er noch gilt, denn er bezog sich ja auch darauf, dass wir als Gesellschaft für die Zukunft einiges ändern müssen. Dass das nächstes Jahr schon alles erledigt sein könnte, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Big Zis

Die Zürcher Rapperin Big Zis hat im August das Album «4xLove:2» veröffentlicht. Ihr erstes seit elf Jahren. Trotzdem ist sie ihrer künstlerischen Linie treu geblieben. Sie war 2020 wiederholt unter den Preisträgerinnen und -trägern des Schweizer Musikpreises.

Gibts 2021 den erster Song von Ihnen, der bei SRF 3 in die Heavy Rotation kommt?

Da hätte ich gar nichts dagegen. Vielleicht mit einem Label-Crew-Track «Clit Hits from da Blonk»?

Mit «FCV» haben Sie den Hit zum Frauenstreiktag herausgebracht. Welche künstlerischen Impulse braucht die Frauenbewegung im Jahr 2021?

Sie braucht keine künstlerischen Impulse, sie braucht politische Impulse. Generell, je mehr wir sind, umso stärker sind wir. Wenn ich also mit meiner Musik etwas dazu beitragen kann, bin ich glücklich.

2 Kommentare
    Louis Deluigi

    Der mit dem "ich hasse Stereo" war zwar etwas sarkastisch, aber gut.