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Zürcher Stimmen zum Jahr 2020Und, wie war Ihr Jahr? – Teil 3

Salome Hohl denkt über Dada nach, der Sprayer von Zürich beantwortet eine Frage auf seine Art, und Astrologin Alexandra Kruse macht 2020 ein Kompliment.

Salome Hohl hatte einen holprigen Einstand als Direktorin des Cabaret Voltaire.
Salome Hohl hatte einen holprigen Einstand als Direktorin des Cabaret Voltaire.
Foto: Thomas Egli

Zum Jahresabschluss stellen wir Zürcher Promis dringende und andere Fragen. Falls Sie den ersten Teil dieser dreiteiligen Serie verpasst haben, in dem uns zum Beispiel Lara Stoll eine brutale Abfuhr erteilt, finden Sie ihn hier. Und den zweiten Teil mit exklusiven News zu Filippo Leuteneggers Rücken können Sie hier nachlesen.

Salome Hohl

Salome Hohl erlebte die absurde Situation, Anfang Jahr als neue künstlerische Leiterin des Cabaret Voltaire ein ambitioniertes Programm zu präsentieren – und musste wenige Monate später realisieren, dass ihr ein Virus einen sehr dicken Strich durch die Rechnung machte.

Welches war 2020 Ihr dadaistischer Moment?

Das Eröffnungswochenende unter meiner Leitung fiel auf die Phase zwischen dem 13. und dem 16. März 2020, in der es sukzessive zum Shutdown kam. Die Welt veränderte sich im Tempo der Newsticker, und das Cabaret Voltaire als Ort, in dem die Krise immer schon Teil war, bekam eine neue Bedeutung. In der Absurdität dieses Moments lag etwas Dadaistisches.

Mit welcher speziellen Aktion werden Sie 2021 das Cabaret Voltaire wieder zum heiss diskutierten Stadtgespräch machen?

Bestenfalls durch Inhalt. Ab Mitte Jahr etwa steht das Verhältnis von Bürgerlichkeit und Antibürgerlichkeit im Zentrum, bei dem das Cabaret Voltaire weitere Dada-Spielstätten mit einbezieht und unter anderem durch Zürich spaziert. Da entstehen Stadtgespräche wortwörtlich beim gemeinsamen Erörtern historischer und aktueller Erzählungen und Gegenerzählungen.

Vermicelleria-Team

Erneut hat ein Trio diesen Winter in einem Pop-up an der Tellstrasse mit Erfolg das traditionelle Dessert und passende Merchandising-Produkte verkauft.

Wie viele Vermicelles-Portionen haben Sie dieses Jahr verkauft; wie viele Poster und T-Shirts?

8247 Coupes. 40 T-Shirts. 90 Poster.

Brandy Butler

Brandy Butler hätte dieses Jahr ihr Stück «Avoir du pois» am Performance Festival «zürich moves!» aufgeführt. Während des Lockdown beglückte die Sängerin zusammen mit Musiker Roman Hosek ihre Nachbarn fast täglich mit Balkonkonzerten.

Sie sind schon Sängerin, Schauspielerin, Lehrerin, Aktivistin und Mutter. Kommt nächstes Jahr noch etwas hinzu?

Unbedingt! Ich bin ein extrem neugieriger Mensch, der immer bereit ist, Neues zu lernen und zu entdecken. In Sachen Kreativität war 2020 sehr inspirierend für mich, vor allem auch im Hinblick auf digitale Kunst. Meine nächste Arbeit wird sich denn auch auf das Digitale konzentrieren. Es wird definitiv jedes Jahr etwas Neues von mir geben, bis ich keine Kunst mehr machen kann!

Sie sind in den USA geboren und aufgewachsen. Denken Sie, dass die Wahl von Joe Biden die Situation von People of Colour im Land verbessern wird?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich denke nicht, dass sich die Situation mit der Wahl von Joe Biden automatisch verbessern wird, denn es ist immer noch extrem viel Arbeit nötig, um People of Colour gleiche Chancen und Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen zu ermöglichen. Aber ich glaube auch, dass diese Arbeit mit der Abwahl von Trump jetzt begonnen werden kann.

Was muss in der Schweiz noch passieren, um den strukturellen Rassismus zu überwinden?

Solange wir in den gleichen Strukturen leben, kann der Rassismus nicht überwunden werden, denn er ist zu fest in unserem System verankert. Wir können ihn nur bekämpfen. Der Kampf gegen den Rassismus ist erst vorbei, wenn wir unser System umkrempeln und komplett umdenken. Aber das ist natürlich extrem schwierig, denn wir alle sind in diesem System von strukturellem Rassismus aufgewachsen. Daher müssen wir damit anfangen, den Rassismus zu bekämpfen, und zwar täglich.

David Schärer

Ist Werber bei Rod und Verantwortlicher für die vielfarbige Corona-Plakatkampagne des BAG.

Obwohl seine Farbenlehre höchst umstritten war, sprach Goethe im hohen Alter den irritierenden Satz: «Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. […] Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der Einzige bin, der das Rechte weiss, darauf tue ich mir etwas zugute.» Auch Ihre BAG-Farbenlehre blieb bislang weitgehend ein Rätsel, darum die Frage: Mit welchem legendären Satz werden Sie dereinst Ihr eigenes Schaffen bewerten?

Mist, in der Anfangsphase haben wir die Farbe Orange ausgelassen, nach vier Tagen sind wir direkt von Gelb auf Rot.

Welches ist eigentlich Ihre Lieblingsfarbe?

Diese Frage ist einfach: Pantone 2975 U. Das leicht türkis schillernde und fluoreszierende Lichtblau ist die Farbe der Saison, weil es für radikale Sauberkeit steht. Derzeit zu sehen an Hygienemasken und Desinfektionsmittelfläschchen und als Applikationen an Elektroautos.

Harald Naegeli

Harald Naegeli ist der «Sprayer von Zürich» und hat dieses Jahr den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Unsere Fragen an ihn: Seit 2020 sind Sie aufgrund des Kunstpreises ein nun auch von der Stadt Zürich offiziell anerkannter Künstler. Was bedeutet Ihnen das? Ihr Tod tanzte im Frühling aus den Grossmünstertürmen hinaus und tauchte überall in der Innenstadt auf. Wenn es nach Ihnen geht: Wen oder was trägt er zu Grabe? Er antwortete auf unsere Fragen mit einer Zeichnung.

Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich antwortete auf unsere Frage auf seine Art.
Harald Naegeli: Der Sprayer von Zürich antwortete auf unsere Frage auf seine Art.
Foto: Harald Naegeli

Nora Steiner

Nora Steiner ist Musikerin und Mitglied des Duos Steiner und Madlaina.

Was war in dieser sehr dürftigen Konzertsaison das beste Konzert, das Sie besucht haben?

Dino Brandão und Sophie Hunger in der Roten Fabrik. Das Konzert war fantastisch, und ich musste weinen, weil es mich so berührt hat, weil die Musik sehr schön war und einfach auch weil es mein erstes Konzert seit einem halben Jahr war.

Wie war das Gefühl im Sommer, nach einem halben konzertfreien Jahr, endlich wieder einmal auf der Bühne zu stehen?

Sehr schön. Und eine emotionale Achterbahnfahrt. Anfangs war ich nervös, dann war es plötzlich wie ein Nachhausekommen. Nach dem Konzert war jedoch auch eine gewisse Trauer da wegen der unsicheren Zukunft.

Sie haben dieses Jahr an einem neuen Album gearbeitet. Konnten Sie der Pandemie dabei auch etwas Gutes abgewinnen?

Wir hatten viel mehr Zeit für das Artwork. Für einmal war das kein Stress. Wir konnten uns alles ganz genau überlegen

Christian Jungen

Christian Jungen trat dieses Jahr zum ersten Mal als künstlerischer Leiter des Zürcher Filmfestivals auf den grünen Teppich.

Hatte die Corona-Krise fürs ZFF auch etwas Gutes?

Ja, weil alle offen für etwas Neues waren, konnten wir eine Zusammenarbeit mit dem Montreux Jazz Festival eingehen. Und viele Stars wie Juliette Binoche, Iris Berben oder Til Schweiger sind nach dem Motto «Jetzt erst recht» ans ZFF gekommen.

Welcher Film hat Sie 2020 am meisten beeindruckt und weshalb?

«Richard Jewell» von Clint Eastwood – es war der erste Film, den ich nach dem Lockdown mit guten Freunden wieder im Kino – in meinem Lieblingssaal Le Paris – gesehen habe. Clint rehabilitiert einen Polizisten, der Leben rettete und von den Medien zum Täter gemacht wurde. Der ultimative Film gegen den Zeitgeist.

Darf Johnny Depp nächstes Jahr wieder ans ZFF kommen?

Wenn er wieder so einen guten Film hat wie dieses Jahr «Crock of Gold» über den Pogues-Sänger Shane MacGowan, ist er herzlich willkommen.

Rote Fabrik

Die Rote Fabrik hatte am 25. Oktober 2020 den 40. «Geburtstag» den sie wegen der Pandemie nicht im grossen Stil feiern konnte.

Hey, Rote Fabrik, wie sehr frustriert dich diese ganze Corona-Sache? Schliesslich hat sie deinen 40. Geburtstag zur Sau gemachtes gab keine richtige Party, und das Jubiläumsbuch bekommst du auch erst nächstes Jahr.

Ich nehm das so was von locker, im Fall. Als ich noch jung war, haben mich Rechtsradikale angegriffen. Dann durfte ich jahrelang nur als Provisorium existieren, später wollte mir die Politik immer wieder mal mein Grundeinkommen, sprich die Subventionen, streichen, mein Inneres hat schon so heftig gebrannt, dass ich monatelang nicht mehr zu gebrauchen war, mein Äusseres haben Nachtbuben mit weisser Farbe beschmiert, und erst all der Lärm, der hier unter dem Schlagwort «Musik» veranstaltet wurde. Auch wenn es schräg klingen mag, dass grad ich so was rauslasse: Mir ist es echt lieber, wenn sich die Leute nun an die behördlichen Vorschriften halten und wir dann wieder feiern, wenn das ohne Risiko möglich ist … Dafür aber so richtig nach alter Schule, wenn du weisst, was ich meine.

Besuch in der Lewa Savanna im Zoo Zürich: In der Stadt und doch ganz weit weg.
Besuch in der Lewa Savanna im Zoo Zürich: In der Stadt und doch ganz weit weg.
Foto: Dominique Meienberg

Severin Dressen

Severin Dressen ist seit diesem Jahr neuer Zoodirektor und hatte mit dem Unfall im Tigergehege und dem Lockdown einen schweren Einstand. Ein Lichtblick war die Eröffnung der Lewa Savanne.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in der Lewa Savanne?

Ich war an einem Sommerabend in der Lewa Savanne unterwegs, als ich beobachten durfte, wie unsere Strausse im grossen Wasserloch ein Bad nahmen. Ein toller Anblick! Kombiniert mit dem wunderschönen Abendlicht, kam dabei richtiges «Savannenfeeling» auf.

Mal abgesehen vom Zoobesuch: Welche Familienausflüge stehen bei Ihnen hoch im Kurs?

Für meinen Sohn steht derzeit die Fahrt mit der «Dolderbahn» ganz weit oben. Wenn man ihn lassen würde, würde er den ganzen Tag zwischen Dolder und Römerhof rauf- und runterfahren.

Stefanie Gubser

Stefanie Gubser macht als Pina Jung Musik und ist Mitorganisatorin von «Zürich tanzt». Ihr Konzept «Pina Jung #Itshappening: Dreamland» wollte Fiktion und Realität verschwimmen lassen und dem Publikum trotz anrollender zweiter Welle eine Pause gönnen.

Was halten Sie als Musikerin von denen, die bei jedem Konzert in der ersten Reihe stehen und exzentrisch tanzen, egal, zu was?

Auch manche Gäste sehnen sich nach Aufmerksamkeit, hahaha. Nee, im Ernst, ich finde es toll, wenn jemand sich total gehen lassen kann, solange er die Band nicht total aus dem Konzept bringt, auch das gibt es ja.

Haben Sie einen Musiktipp fürs Januarloch, zu dem man auch zu Hause gut tanzen kann?

Dazu muss ich zwei Tipps geben, ein Track, der mich grad total flashed, vor allem auch das Video, ist ZHU, Tinashe – «Only». Was ich aber auch sehr oft höre, um zu Hause in der Wohnung rumzutanzen, ist Samthing Soweto Feat. Shasha, DJ Maphorsia & Kabza De Small. Macht mir gute Laune und hat mich auch gleich inspiriert, einen neuen Song zu schreiben.

Nicolas Stemann

Nicolas Stemann ist Co-Intendant des Zürcher Schauspielhauses und hat über die Zeit des Lockdown im Frühjahr das Buch «Corona Passion» (Alexander-Verlag) geschrieben.

Wäre Corona eine Bühnenfigur, was würde sie darstellen: einen Schurken? Eine tragische Heldin? Im Lied der Viren wird ja gesungen: «Ihr seid die Seuche / Wir die Medizin.»

Ich habe im ersten Lockdown kurz überlegt, ein Corona-Stück zu schreiben – dort hätte ein kleines Nachwuchsvirus in einer Viren-Gang, die aus radikalen, in schwarzes Leder gekleideten Menschenvernichter-Viren besteht, immer dafür plädiert, die Menschen zu schonen: «Gut sie vernichten die Erde! Aber wenn ihr sie alle einfach umbringt, dann seid ihr doch keinen Deut besser als sie!» Das hätte die anderen, radikaleren Viren überzeugt: «Stimmt wir haben die Menschen ja nur von unseren Kindern geborgt!» Und dann hätten sie sich auf eine nachhaltigere Nutzung der Gattung Mensch geeinigt. Befall – ja. Umbringen – (möglichst) nicht.

Theater, so heisst es, sind die Friseure der Seele. Welches ist der Frisurentrend für Herbst/Winter 2021? Voll toupiert? Arg gekürzt?

Ordentlich durchgepustet und dann - voll shampooniert und zu allem bereit - bis auf weiteres wieder unter der Trockenhaube vergessen.

In der Vergangenheit wurden Epidemien ja ganz konkret mit Theater bekämpft, Sie versuchten es mit einem Passionsspiel. Werden die «Corona-Passionsspiele» jetzt wirklich, wie versprochen, alle zehn Jahre im Schauspielhaus aufgeführt?

Das ist noch nicht amtlich, aber ich würde der Stadt sehr empfehlen, das allen zukünftigen Intendanzen in die Verträge zu schreiben. Ich werde auf jeden Fall weiterschreiben für die Zeit, wenn wir wieder spielen dürfen.

Der August ist in Zürich traditionell ein Radiomonat. 2020 gab es nun einen kleineren Sender mit Bar in einem Hinterhof bei der Kalkbreite.
Der August ist in Zürich traditionell ein Radiomonat. 2020 gab es nun einen kleineren Sender mit Bar in einem Hinterhof bei der Kalkbreite.
Foto: Urs Jaudas

DJ Kalabrese

Sacha Winkler alias DJ Kalabrese ist Mitarbeiter des Clubs Zukunft und hat im Sommer 2020 das Hinterhof-Radio ARP mitorganisiert.

Was fällt in Zürich weg, wenn das Tanzen wegfällt?

Das Unbeschwerte, Unkontrollierte. Sich durch die Nacht treiben lassen ohne Plan. Sich aufgehoben fühlen in der Dunkelheit zwischen Bassboxen und Rauchmaschine, sich gemeinsam in euphorisierte Glücksmomente hinaufbefördern.

Man kann davon ausgehen, dass 2021 irgendwann wieder Partys stattfinden können. Wie sieht die erste Party aus, an der Sie auflegen?

Ich freue mich besonders für alle leidenschaftlichen Tänzerinnen und Nachteulen und für alle Mitarbeiterinnen hinter den Kulissen. Sicher ein spezieller Moment für alle, wenn die erste Platte erklingt.

Welche Platte läuft als Erstes?

«The Beginning of the End» Funky Nassau.

Alexandra Kruse

Alexandra Kruse ist Astrologin und versorgt die Zeitschrift «Annabelle» mit Horoskopen.

Was hat uns das Jahr 2020 gelehrt ?

2020 war und ist eine einzige Lektion in Sachen Demut. Wir sind eben lange nicht so unbesiegbar, wie wir gern wären. Plötzlich haben wir alle gemeinsam Angst vor einem unsichtbaren Virus und dem Tod dabei ist die Wahrheit doch, das wir alle sterben werden. Vielleicht nicht heute oder morgen. Aber keiner kommt hier lebend raus. Das wiederum heisst, dass wir die heilige Pflicht haben, aus jedem Tag das Beste zu machen, egal, ob mit Maske im Jogginganzug oder im Abendkleid mit Krönchen. Wir waren und sind irrsinnig verwöhnt. Da musste eben einfach mal eine Lektion her. Von daher, danke, 2020 – du warst eine Bitch, aber eine gute.

2 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Alexandra Kruse ist Astrologin und versorgt' die Leserschaft mit Ratschläge zu Demut und Angst. Beides benutzt man nur privat, nicht gegenüber einer Pandemie oder im öffentlichen Verhalten. Die Pandemie ist ein Ärgernis, mehr aber auch nicht. Mit der Pandemie muss man sich formal als Person, aber nicht als Mensch auseinandersetzen.