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Bipolare Störung«Unerkannt und unbehandelt ist die Krankheit eine Katastrophe»

Kanye West und andere Prominente sollen an einer bipolaren Störung leiden. Psychiater Michael Bauer erklärt mögliche Ursachen, ob Genie und Krankheit zusammenhängen – und warum es sich nicht um eine Modekrankheit handelt.

Ein Hin und Her zwischen euphorisch-manischen und depressiven Episoden: Rapper Kanye West soll unter einer bipolaren Störung leiden.
Ein Hin und Her zwischen euphorisch-manischen und depressiven Episoden: Rapper Kanye West soll unter einer bipolaren Störung leiden.
KEYSTONE

Er wolle US-Präsident werden, hat der Rapper Kanye West vor ein paar Tagen getwittert. Und: Seine Frau versuche, ihn einsperren zu lassen. Meinte er das ernst? Oder war das Teil des Gesamtprojekts exaltierter Star? Kurz darauf stellte Wests Frau Kim Kardashian klar, dass es Phasen im Leben ihres Mannes gebe, in denen er seltsame Dinge tue. Er sei psychisch krank. Seine Diagnose: bipolare Störung. Mehrere Prominente gaben daraufhin bekannt, an derselben Krankheit zu leiden. Der Psychiater Michael Bauer ist Klinikdirektor an der Universität Dresden und hat die Leitlinie zur Behandlung der bipolaren Störung verfasst, er kennt Patienten wie Kanye West seit Jahrzehnten.

Passen Tweets wie jene, die Kanye West gepostet hat, zu der Diagnose bipolare Störung, Herr Bauer?

Die Äusserungen passen, sie bilden aber nur die eine Hälfte dieser Krankheit ab. Menschen mit dieser Störung schwingen hin und her zwischen euphorisch-manischen und depressiven Episoden. Manchmal glauben sie, sie seien der König der Welt oder hätten das Zeug dazu, US-Präsident zu werden. Aber zwischendurch durchleben sie sehr düstere Phasen.

Die Sängerin Halsey sagte, sie leide ebenfalls unter einer bipolaren Störung, Demi Levato ebenso, und die Schwester der unter Vormundschaft stehenden Britney Spears teilte den Tweet. Man könnte fast meinen, eine bipolare Störung sei eine neue Modediagnose. Stimmt der Eindruck?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt tatsächlich recht viele Menschen mit diesem Krankheitsbild. Etwa jeder Hundertste ist betroffen. Und es ist eine wirklich schwere Erkrankung – keine, die man gerne hat und chic findet. Sie wurde vor mehr als 100 Jahren von dem Münchner Psychiater Emil Kraepelin als «manisch-depressives Irresein» beschrieben, dieser Begriff steckt heute noch in vielen Köpfen, und die Leute wollen natürlich nicht irre sein.

Die Sängerin Halsey leidet gemäss eigenen Angaben ebenfalls an einer bipolaren Störung.
Die Sängerin Halsey leidet gemäss eigenen Angaben ebenfalls an einer bipolaren Störung.
KEYSTONE

Wie verlässlich ist die Diagnose denn?

Ein Facharzt kann sie in der Regel sehr sicher stellen. Wenn sich Prominente outen, gehe ich davon aus, dass die Diagnose stimmt. Und ich finde es gut, dass sie, indem sie offen darüber sprechen, die Aufmerksamkeit auf diese Erkrankung lenken. Es ist so wichtig, dass Menschen zum Arzt gehen, die Symptome haben. Unerkannt und unbehandelt ist die Krankheit eine Katastrophe – für die Betroffenen ebenso wie für ihre Angehörigen und ihr Umfeld. Und sie endet furchtbar oft mit dem Suizid, zehn bis 15 Prozent der Patienten nehmen sich das Leben.

Gibt es keine Möglichkeiten, die Krankheit zu behandeln? Oder weshalb kämpfen selbst wohlhabende Familien wie die von Kanye West jahrelang damit?

Doch, es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten. Mit Lithium kann ein Drittel der Patienten quasi geheilt werden, bei einem weiteren Drittel wird die Krankheit deutlich abgemildert, aber bei manchen wirkt es auch nicht. Die Behandlung wird normalerweise gut vertragen, aber es kann vorübergehend zu Nebenwirkungen wie Händezittern oder Durchfall kommen. Aber viele Patienten setzen ihre Tabletten zwischenzeitlich wieder ab, wenn es ihnen gerade gut geht. Andere verweigern die Behandlung, weil sie den einen Teil, die manischen Phasen, durchaus geniessen. Eine ganz leichte Manie ist so ähnlich wie Verliebtsein.

Aber es bleibt oft nicht bei diesen leichten Manien?

Diese Tweets von Kanye West deuten darauf hin, dass er gerade in einer manischen Phase ist, die ins Psychotische reicht. Bei manchen Patienten kommt es zur Psychose, zum Grössenwahn. Sie glauben dann zum Beispiel, sie sind Gott. Oft haben sie fantastische, grandios anmutende Ideen. Aber manchmal enden diese Manien katastrophal. Manche stürzen ab, weil sie glauben, auf einem Brückengeländer balancieren zu können. Andere verschulden sich für einen Ferrari und fahren mit 200 Sachen über die Landstrasse. Manche tanzen nackt im Büro auf dem Schreibtisch und verlieren ihren Arbeitsplatz. Andere haben wahllos Sex – und hinterher tut es ihnen furchtbar leid. Das alles kann furchtbare Folgen haben.

Michael Bauer ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Dresden und hat die Leitlinie zur Behandlung der bipolaren Störung verfasst.
Michael Bauer ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Dresden und hat die Leitlinie zur Behandlung der bipolaren Störung verfasst.
Foto: Universität Dresden

Kann die Manie auch kreative Höhenflüge befördern? Kim Kardashian schreibt über ihren Mann, die Krankheit sei Teil seines Genius.

Diese Störung kommt häufig bei Künstlern vor. Vincent van Gogh hat in seinen guten Zeiten in wunderbaren Farben gemalt, aber es gibt auch sehr düstere, graue Zeichnungen von ihm, und am Ende hat er sich das Leben genommen. Ich hatte aber auch mal einen Maler als Patienten, der, wenn er depressiv war, gar nichts mehr zustande gebracht hat, in manischen Episoden aber viele wunderbare Bilder gemalt hat.

Woher kommt die Krankheit denn? Kim Kardashian führt sie auf den frühen Tod von Kanye Wests Mutter zurück.

Man weiss es nicht genau. Die Gene spielen eine grosse Rolle, aber es kommen auch Umweltfaktoren hinzu. Das können belastende Erlebnisse in früher Kindheit sein, eine frühe Traumatisierung durch schwere Vernachlässigung, Missbrauch oder auch, die Mutter früh zu verlieren. Die Kinder sind dann vulnerabel, und wenn noch Stressfaktoren dazukommen, bricht die Krankheit aus. Das ist meist im Alter zwischen 15 und 25 Jahren der Fall.

Sie befassen sich schon seit Jahrzehnten mit diesem Krankheitsbild. Weshalb ausgerechnet die bipolare Störung?

Das Thema ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit. Es ist wichtig, diesen Patienten zu helfen. In den Krankheitsphasen gehen sie durch die Hölle, ihre Beziehungen zerbrechen oft. Und zwischendurch sind sie vollkommen normal. Ich habe in Berlin viele Ärzte und Politiker unter meinen Patienten gehabt. Sie gehen ihrem anspruchsvollen Beruf nach, und dann kommt diese Verwandlung. Die Patienten leben wie auf einem Ozean. Meistens ist der ruhig, und auf einmal, völlig unvorhersehbar, entsteht starker Wellengang, bei manchen ist es ein Orkan. Diese Menschen sind faszinierend – und doch sehr krank.