Sportpsycho

Unschuldig ist nur der Ball

Was fehlt einer Person, die Golf spielt? Unser Sportpsycho Patrick Frey weiss es.

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Wenn ich Golf denke, sehe ich vor meinem geistigen Auge sofort einen Businessman. Der Golfsportler kommt mir erst viel später in den Sinn. Golf heisst, dass man dunkle oder jedenfalls sehr vertrauliche Geschäfte macht, nebenbei. Gangster und Betrüger spielen immer irgendwann Golf, vielleicht, weil das unschuldig leuchtende Weiss des Balls so schön mit ihren finsteren Plänen kontrastiert. Ich sehe Tony Soprano in New Jersey, ich sehe den Immobilientycoon Donald Trump in seinem Golfresort in Schottland, wie er den Brexit begrüsst, weil er denkt, dass der ihm geschäftlich was bringt.

Ich sehe: Es geht um Geld, Macht et cetera. Und, eng damit zusammenhängend, um das Selbst. Das Selbst steht in einem anglophilen Landschaftsgarten mit weit geschwungenen grünen Hügeln und einem alten Baumbestand. Es muss mit möglichst wenig Schlägen einen kleinen Ball in ein weit entferntes kleines Loch befördern, ausgestattet mit einer Ausrüstung im Wert eines Volkswagen Golf GTI. Bestehend aus einem Bag mit 14 Schlägern, einem Holz, zwei Hybrids, sieben Eisen, drei Wedges und einem Putter. Zum Beispiel einem Odyssey Highway 101 für 549 Franken.

Dazu hat das Selbst mindestens ein Buch gelesen mit den Kapiteln Eigenmotivation, Selbstdisziplin, Selbsterkenntnis, Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Selbstvertrauen, Selbstvergessenheit, Selbstverwirklichung, Selbstachtung und dauerhafte Zufriedenheit. Diese Zufriedenheit als letzter Zustand vor dem Tod stellt sich aber erst auf dem Green ein, auf dieser samtweichen, glatt rasierten Fläche ums Loch herum.

Erstellt: 29.07.2016, 10:11 Uhr

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