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Einblick ins Kunst-BusinessUnser Mann fürs Feine

Simon Castets vertritt die Schweizer Kunst in New York, leitet dort das Swiss Institute. Warum sammeln Millionäre Bilder? Muss die Skulptur mit der nackten Frau weg? Ein Spaziergang voller Grundsatzfragen.

Kurztrip in die Schweiz: Simon Castets im Zürcher Hauptbahnhof.
Kurztrip in die Schweiz: Simon Castets im Zürcher Hauptbahnhof.
Foto: Urs Jaudas

Kunst, sagte Sigmund Freud sinngemäss, sei Sublimierung. Ihm zufolge machen Kunstschaffende nicht Sex, sondern Kunst, weil es eben nicht anders geht.

Stimmt doch, oder? Ist das zu grob gesagt? Simon Castets Augen werden zu listigen Schlitzen. Er glaube nicht, dass sie sich fürs eine oder andere entscheiden müssten.

Wir stehen an der Rämistrasse, ein paar Meter vom Kunsthaus Zürich entfernt. Hinter Castets steht eine dieser ältlichen Statuen, die ein Künstler in sublimer Gefühlslage geformt haben könnte – eine Statue, wie sie halt so herumstehen in dieser Stadt: Eine junge, nackte Frau, die etwas schwermütig guckt.

Monolog eins

Vor einer halben Stunde sind wir losgelaufen. Treffpunkt war der HB, unter dem dicken Engel von Niki de Saint Phalle. Castets redete sich sofort in Schwung.

Sein erster Kunst-Monolog: Er «bewundere» de Saint Phalles Werk, insbesondere die «Shooting Paintings», auch sei er erst gerade im Masi gewesen, sagt Castets, dem Kunstmuseum von Lugano, wo eine «wunderschöne» Ausstellung von Harry Shunk auch ebendiese «Shooting Paintings» dokumentiert habe.

Weiter, führt Castets aus, habe man vor ein paar Jahren am Swiss Institute eine Ausstellung namens «Fade In» gehabt, in der es um falsche Kunstwerke in Filmen gegangen sei, und auch der französische Künstler Bertrand Lavier sei da dabei gewesen, und der habe dann in den Disney-Film «Princess Diaries» eine Figur hineinmontiert, die Niki de Saint Phalle sehr geglichen habe und… so geht das in den ersten Minuten.

Hätte man ihm auch einen anderen Künstlernamen vorsetzen können und denselben Effekt erzielt damit? Vermutlich. Niki de Saint Phalle sei nicht gerade sein Spezialgebiet, fügt Simon Castets noch an.

Ein furioser Auftakt. Aber mal abwarten, wie er auf die Kinderfragen reagieren wird, die wir ihm auf dem Spaziergang noch stellen werden. Kinderfragen sind ja immer die ganz grossen Fragen – auch in der Kunst.

Begnadeter Netzwerker

Simon Castets ist 36 Jahre alt und Direktor des Swiss Institute in New York. Er stammt aus der Normandie, seine Eltern sind Psychoanalytiker.

Castets hat eine steile Karriere hinter sich. Mit knapp dreissig Jahren übernahm er das Swiss Institute in New York, mittlerweile hat er auch Ausstellungen in Paris, Stockholm oder Dhaka betreut, und er arbeitet eng und viel mit Hans Ulrich Obrist zusammen, dem mächtigsten Schweizer Kurator. Derzeit arbeiten die beiden an einem gemeinsamen Buch.

Weggefährten beschreiben den Franzosen als begnadeten Netzwerker und intimen Kenner der verschiedenen Kunstszenen. Auf die Frage, was den jungen Institutsdirektor auszeichne, betont Obrist den «sehr transnationalen Zugang zur Schweiz» von Castets und dessen Team.

Kenner der Szenen: SI-Direktor Castets.
Kenner der Szenen: SI-Direktor Castets.
Foto: Urs Jaudas

Worin besteht Castets’ Job? Vereinfacht gesagt darin, Künstlerinnen und Künstler bekannter zu machen, sie miteinander zu kombinieren und sich von Zeit zu Zeit interessante Fragestellungen für Ausstellungen auszudenken.

Nein, er «entdecke» keine Künstler, erklärt Castets. Das sei eine veraltete Vorstellung, eine Idee aus dem 19. Jahrhundert. «Heute ist alles und jeder schon irgendwo im Internet zu finden.»

Simon Castets hat einen interessanten Akzent: Er beginnt die Wörter mit weicher, französischer Intonation, um danach animiert-amerikanisch auf den Vokalen herumzukauen, als seien sie aus Kaugummi.

Drei-, viermal pro Jahr ist Castets in der Schweiz, um sich Galerien anzuschauen und Künstler und Mäzeninnen zu treffen. So auch diesmal.

Er machte einen Stop in seinem Heimatland, flog dann weiter nach Zürich. Er habe sich vor und nach dem Flug testen lassen, sagt Castets. Die Maske setzt er sich dann doch auf, anstandshalber. Am Handgelenk trägt er eine billige, grellweisse Swatch.

Wir laufen das Limmatquai entlang, vorbei an den ganzen Zunfthäusern – altes Geld hinter alten Gemäuern. Erste Kinderfrage: Warum steckt eigentlich so viel Geld in der Kunst? Das teuerste Gemälde der Welt, Leonardos «Salvator Mundi», ist heute circa so viel wert wie das Bruttoinlandprodukt von Tonga. Warum ist Jazz oder Literatur so viel weniger lukrativ?

«Jazz? Das ist jetzt aber ein schwieriger Vergleich.» Castets lacht. Zeitgenössische Kunst sei attraktiv, erklärt er, weil Mäzene in einen engen Kontakt mit den Kunstschaffenden treten könnten. «Diese Kunst entsteht vor unseren Augen. Sie wird geschaffen von Künstlern, die unsere Zeitgenossen sind.»

Das könnte man von Jazzern oder Schriftstellerinnen aber auch sagen, nicht? Castets wirkt etwas unsicher.

Der Kunstmarkt, fügt er an, sei zwar nur ein Teil der Kunstwelt. Aber man profitiere beim Swiss Institute schon auch von ihm. «Trickle down» nennt Castets das der alte Voodoo-Spruch der Reagan-Leute also, demzufolge man Reiche immer reicher werden lassen soll, bis sie fast platzen, worauf dann, irgendwann, auch für Ärmere etwas abfällt.

Die Grosszügigkeit vieler Kunststiftungen stünde in direktem Zusammenhang mit dem Boom des Kunstmarkts, sagt Castets.

Schweizer Kunst im Swiss Institute: Ausstellung des Künstlers Franz Gertsch, 2018.
Schweizer Kunst im Swiss Institute: Ausstellung des Künstlers Franz Gertsch, 2018.
Foto: Swiss Institute

Vom Staat andererseits komme immer weniger, sagt Castets. Die meisten Länder würden sich aus der Kunstförderung zurückziehen, weltweit. Auch die Schweiz habe ihre Zuschüsse ans Swiss Insitute plafoniert. «Obwohl wir heute fünfmal so viele Besucher haben wie 2010

Würden Subventionen gestrichen, sei das besonders problematisch für Kunsthäuser wie das Swiss Institute, die unbekannte Künstler fördern möchten. Zudem sei experimentelle zeitgenössische Kunst oft ziemlich aufwendig und teuer.

Infiziertes Team

Die Situation des Swiss Institute ist derzeit prekär wie nie. Corona hat auch die Kunst befallen.

Einige der Instituts-Mitarbeiter haben sich in den letzten Wochen mit dem Virus infiziert, mittlerweile seien alle wieder gesund, sagt Castets. Ausstellungen, Vernissagen, Podien – das ist alles schwierig geworden. Und das Geld wird knapp: Nicht einmal die Zuschüsse von Pro Helvetia hat Castets auf sicher, den Rest seines Budgets noch viel weniger.

Gut möglich, dass Stiftungen wie die Andy Warhol Foundation oder Behörden wie die Stadt New York sein Institut künftig nicht mehr unterstützen. Die Pandemie hat in New York gewütet wie kaum sonst wo, die Stadt ist traumatisiert. «Unser Budget dürfte um ein Drittel schrumpfen», sagt Castets. «Mindestens.»

Blick ins Institut: Installationen des Künstlers Shahryar Nashat, 2019.
Blick ins Institut: Installationen des Künstlers Shahryar Nashat, 2019.
Foto: Swiss Institute

Zurück in Zürich. Wir stehen vor dem Brunnen mit der nackten Frau aus Muschelkalk.

Mal kurz die radikalprogressive Position eingenommen: Müsste das Ding nicht weg, aber subito? Castets: «Der Platz hier hat noch ein paar andere, dringendere Probleme.»

Die Autos müssten zuerst weg und der ganze Asphalt, dann hätte man einen schönen Park und auch mehr Platz für neue Kunst. Die Statue mit der nackten Frau dürfe aber ruhig bleiben. Vielleicht könne man sie ja hinterfragen, über sie nachdenken.

Interessanter Punkt: Sich nicht um den bestehenden Platz streiten, sondern das Bestehende ausweiten.

An der Rämistrasse, von hier führt die Strasse hinauf zum Kunsthaus: Kartoffelmarkt im Jahr 2017.
An der Rämistrasse, von hier führt die Strasse hinauf zum Kunsthaus: Kartoffelmarkt im Jahr 2017.
Foto: Samuel Schalch

Noch rasch rübergewechselt in die radikalliberale Perspektive: Ist Diversity eigentlich ein Problem für ihn, den jungen, weissen Europäer so rein karrieretechnisch gesehen? Castets wird nun ganz ernst, er hat fast etwas von einem Pfarrer: «Jeder muss sich hinterfragen. Jeder kann sich verbessern in diesem Punkt.»

Wolkige Worte. Deshalb kurz nachgehakt: Was, wenn rein theoretischdas Swiss Institute fünf freie Plätze hat, und alle fünf Plätze gehen an Frauen, weil sie ganz einfach die beste Kunst machen? Muss er dann nicht zumindest einem Mann ein Plätzchen geben, auch wenn dessen Kunst vielleicht etwas schlechter ist?

So simpel funktioniere Kuratieren nicht, sagt Castets. Er ist jetzt doch ein wenig genervt. Man schaue bei jedem Projekt aufs Neue, wie Diversität sich sinnvoll umsetzen liesse. Er habe da kein planwirtschaftliches Raster. «Und nein, um die Männer mache ich mir keine Sorgen», fügt Castets an. Jetzt lacht er wieder.

Kann das jedes Kind?

Wir laufen die Rämistrasse zum Kunsthaus hoch, spazieren an der Galerie Presenhuber vorbei. Castets kennt sie natürlich bestens. Fischli/Weiss gehören zum Portfolio der Galerie, eventuell die Essenz also der Schweizer Nachkriegskunst. Beseelter Schrott, höherer Gugus.

Den Sohn von David Weiss kenne er sehr gut, sagt Castets, und Peter Fischli habe er auch schon getroffen. Und klar, er schwärmt vom «Lauf der Dinge», dieser Kaskade genau kalkulierter Katastrophen.

Was war nochmals der Sinn dieser Installation? Der «Lauf der Dinge» sei «eine Serie fliessender Momente der Magie».

Letztlich aber auch einfach überkandideltes Ingenieurstum, nicht? «Klar kann man das heute simpel finden», sagt Castets. Wir nehmen die letzten Schritte hinauf zum Heimplatz. Simon Castets, jetzt sehr direkt: «Du kannst schon sagen, dass Du das auch hättest machen können.» Kunstpause. «Hast Du aber nicht.»

Es könne kein Zufall sein, dass der «Lauf der Dinge» bis heute so viele Menschen anspreche, sagt Castets. Er übe eine geradezu magnetische Faszination aus. Kunst, sagt der Franzose, könne auch als eine Religion betrachtet werden, nichts weniger als das.

In unser Sichtfeld schiebt sich allmählich ein Tempel: der monumentale Erweiterung des Kunsthauses. Er freue sich bereits jetzt auf die Eröffnung, sagt Castets, kurz bevor wir uns verabschieden.

Heute Abend geht er noch in eine Ausstellung an der Limmatstrasse, das Künstlerduo Dorota Gawęda und Eglé Kulbokaité lädt ein. Die Ausstellung, mailt Castets später aus New York, sei «ergreifend schön» gewesen.

4 Kommentare
    Brülhart

    Es gibt weniger Frauen in der Kunst, weil die Männer einfach besser sind? Hä ????