«Demokratie ist überschätzt – und selber autoritär»

Trump sei schlecht für die Welt, aber nicht der Untergang, sagt Philosophieprofessor Jason Brennan.

«Die Eliten haben den Populismus nicht mehr im Griff. Das ist gefährlich», sagt Jason Brennan über Donald Trumps Sieg.

«Die Eliten haben den Populismus nicht mehr im Griff. Das ist gefährlich», sagt Jason Brennan über Donald Trumps Sieg. Bild: Reuters

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Das Volk hat gesprochen, Donald Trump ist Präsident – in Ungarn freut sich Viktor Orban: «Die Demokratie lebt.» Hat er recht?
Der demokratische Prozess hat auf jeden Fall nicht versagt. Die Wahlbeteiligung war recht hoch, und die Bevölkerung konnte zum Ausdruck bringen, was sie will. Die Frage ist, ob uns das Ergebnis gefällt.

Gefällt es Ihnen?
Nein, ich halte Trump nicht für einen ­fähigen Leader. Er hat eine Reihe von Dingen vor, die Ökonomen und Polito­logen auf linker wie rechter Seite geschlossen ablehnen. Er behauptet etwa, Freihandel sei schädlich für arme Menschen in den ländlichen Gebieten. Dabei gibt es gute Studien, die das Gegenteil zeigen. Trump liegt falsch, die Experten wissen das. Doch der Masse imponiert er. Weil sie nicht so gut informiert ist. Sie hat leider gar keinen Grund, sich besser zu informieren: Es braucht kein Wissen, um an der Demokratie teilzunehmen. Das ist ein Problem.

Aber es sind doch nicht einfach alle Wähler dumm. Trump hat Millionen überzeugt. Wie hat er das gemacht?
Schuld ist die Politik, die heute in der US-Hauptstadt betrieben wird. In den Augen vieler Wähler macht die Bundesregierung eine Politik für besondere Interessengruppen. Sie tut viel für Latinos und Schwarze, Frauen und Studenten – doch die weissen Leute auf dem Land sollen bitte den Mund halten und mit ihren Problemen selber fertigwerden. Was wir hier sehen, ist weisser Protest: Alle kriegen Kekse aus Washington, warum wir nicht?

Der weisse Mann fühlt sich vernachlässigt – und wählt Trump?
Ja. Die weisse, ländliche, ärmere Bevölkerung will gar nicht brechen mit Demokratie und Ordnung. Trump soll nur dafür sorgen, dass die Demokratie mehr für sie tut. Es ist aber erstaunlich, wer alles für Trump gestimmt hat. In einer Umfrage wurden die Leute gefragt, ob sie Trump für kompetent halten. 23 Prozent derjenigen, die das mit Nein beantworteten, haben ihn trotzdem gewählt!

Weshalb denn nur?
Beide Kandidaten waren unpopulär. Die Amerikaner haben sich die Nase zugehalten und einen der zwei gewählt.

Aber Trump roch deutlich strenger. Er will Verdächtige foltern lassen, mit Atomwaffen spielen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Das ist mit Clinton nicht vergleichbar.
Viele Wähler nahmen Trumps heftige Worte nicht so ernst. Sie sagten sich: Er mag so wüste Sachen sagen, um Stimmen zu holen. Aber alles in allem ist er ein anständiger Typ, der einen anständigen Job machen wird. Hillary Clinton dagegen galt zu vielen im Land als korrupt und machthungrig. Die demokratische Partei hat es nicht geschafft, dieses Vorurteil zu entkräften.

Denken Sie, dass Trump sich entwickeln und ein ganz normaler Präsident werden kann?
Ich bin auf jeden Fall nicht in Tränen, wie viele meiner Freunde. Manchmal sagen schlaue Politiker dumme Sachen. Es hat Sinn gemacht für Trump, hässlich zu sein, weil er damit bei weissen Arbeitern gepunktet hat. Das heisst nicht, dass er alles glaubt, was er gesagt hat. Er war ein Grossteil seines Lebens bei der Demokratischen Partei, alte Fotos zeigen ihn mit den Clintons. Er könnte ein moderater Präsident werden.

Mit Verlaub: Er hat die Wahl mit Scheusslichkeiten gewonnen.
Stimmt. Und er wird wohl eine protektionistische Politik betreiben, gegen Einwanderung und Freihandel. Das wäre schlecht für die USA. Doch er wird keine Muslime aus dem Land werfen, das waren alles Übertreibungen.

Wenn alles so in Ordnung ist, was haben Sie dann gegen Demokratie? Ihr Buch «Against Democracy» empfiehlt einen Rat der Weisen statt allgemeines Wahlrecht.
Die Leute wählen, die Mehrheit gewinnt – man kann Demokratie so verstehen. Doch es gibt ein zweites, meines Erachtens korrekteres Verständnis: Die Leute haben eine Stimme, werden aber von gut informierten Eliten geleitet, sodass populistische Auswüchse verhindert werden. Mit dem Brexit in Europa und nun der Trump-Wahl in den USA zeigt sich, dass das 2016 nicht mehr funktioniert. Die Eliten haben den Populismus nicht mehr im Griff. Das ist gefährlich, eben weil die Massen nicht viel wissen.

Sie fordern eine Epistokratie, eine Herrschaft der Wissenden. Trump aber punktet doch genau wegen des verbreiteten Hasses auf Eliten.
Viele halten Volksherrschaft für etwas Heiliges. Das ist schade, denn das Ergebnis ist nicht immer gut. Demokratie ist ein Hammer: ein prima Werkzeug, das uns gute Dienste erwiesen hat. Aber das falsche Instrument, wenn du einen Sechskantschlüssel brauchst. Wir sollten Alternativen in Betracht ziehen.

Wollen Sie einen guten Zar, eine gelenkte Demokratie?
Nein, und auch keine Philosophenherrschaft. In der Epistokratie würden weiterhin viele Leute gemeinsam entscheiden. Einfach nicht mehr alle. Demokratie ist überschätzt – und selber autoritär! Denn der Einzelne hat kaum Einfluss, wird entmachtet, das Kollektiv bevorzugt. In einer Epistokratie würden die Bürger auch entmachtet, aber immerhin wäre das Kollektiv besser.

Donald Trump drohte, bei einer Niederlage die Wahl anzufechten. Er glaubt auch nicht an Demokratie.
Ja, er bewundert starke Leader wie Putin, hat autoritäre Züge. Doch nun hat er die Wahl gewonnen und wird die Demokratie schon lieber mögen.

Haben Sie gar keine Angst vor einem Irrlicht-Präsidenten Trump?
Ein US-Präsident hat in Kriegsdingen viel Macht, das könnte brenzlig werden. Aber Clinton war ein echter Falke. Trump könnte zurückhaltender sein als sie. Ich glaube stark an die Macht der Institutionen, die allen Wandel verlang­samen. Trump ist schlechter für die Welt und Amerika als Clinton. Aber er ist nicht der Untergang.

Erstellt: 09.11.2016, 22:05 Uhr

Jason Brennan

Der Philosophieprofessor lehrt an der Universität Georgetown in Washington D.C., USA. Er steht der libertären Bewegung nahe.

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