Zum Hauptinhalt springen

Der hässlichste Wahlkampf der amerikanischen Geschichte

Der US-Wahlkampf geriet zu einer grandiosen Peinlichkeit. Er entzauberte den amerikanischen Mythos, eine vorbildliche Demokratie zu sein.

Kameras immer mit dabei: Mit den Kongress- und Präsidentschaftswahlen endet der schmutzigste und hässlichste Wahlkampf der modernen amerikanischen Geschichte.
Kameras immer mit dabei: Mit den Kongress- und Präsidentschaftswahlen endet der schmutzigste und hässlichste Wahlkampf der modernen amerikanischen Geschichte.
Drew Angerer/Getty Images/AFP

Die Amerikaner glaubten, ihnen seien «die Freiheit der Menschheit und der Ruhm der menschlichen Natur aufgetragen», notierte Gründervater John Adams etwas spöttisch 1765, elf Jahre vor dem Ausbruch des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Viel davon ist nach diesem Wahlkampf nicht übriggeblieben.

Im Gegenteil: Mit den Kongress- und Präsidentschaftswahlen endet der schmutzigste und hässlichste Wahlkampf der modernen amerikanischen Geschichte, ein politischer Abnutzungskrieg, von dem sich die Vereinigten Staaten wohl erst nach geraumer Zeit erholen werden.

Alles und alle sind in den Morast gezogen worden: Die beiden Kandidaten, der politische Prozess, Institutionen wie der oberste Gerichtshof und das FBI und letztendlich das amerikanische Ansehen. Und egal wer gewinnt: Die permanente Schlammschlacht in Washington, wo nichts mehr geht und Träume sterben, weil nahezu alles blockiert und zerrieben wird, dürfte anhalten, die Stimmung sich weiter verdüstern.

«Die leuchtende Stadt auf einem Hügel»

Dafür verantwortlich ist in erster Linie die Republikanische Partei, die zusehends zu einer Bewegung weisser Männer mutiert ist. Nostalgisch schweift ihr Blick zurück zu einem Amerika vermeintlicher Idyllen, wo sie das Sagen hatten, Afroamerikaner hinten im Bus sassen und Frauen gehorsamst den ihnen zugewiesenen Platz einnahmen.

Donald Trumps Ethno-Nationalismus hat diesen Trend weiter verstärkt. Gefährlich ist die Republikanische Partei inzwischen an ihren Rändern ausgefranst, weil sie sich nicht klar genug von Rassisten abgrenzt und jene ermuntert, die den demografischen Wandel der amerikanischen Gesellschaft nicht als eine Chance, sondern als tödliche Gefahr begreifen.

Anstatt den Bürgern das Wählen zu erleichtern, versuchen republikanische Gouverneure und Parlamente in den Einzelstaaten immer neue Barrieren zu errichten, um Minderheiten die Ausübung des Wahlrechts zu erschweren. Stundenlang werden Menschen, darunter auch alte Menschen und Gebrechliche, heute vor amerikanischen Wahllokalen anstehen, um sich politisches Gehör zu verschaffen.

Als «leuchtende Stadt auf einem Hügel» begriff der puritanische Einwanderer John Winthrop seine neue Heimat. Wer jedoch derart Schindluder mit einem demokratischen Grundrecht treibt, kann kein Vorbild für andere sein.

Die Selbstbeweihräucherung verstellt den Blick

Nicht nur die Republikaner aber tragen Schuld am Niedergang liberaler Demokratie: Immer weiter hat sich die Demokratische Partei, einst politische Heimat von Arbeitern und kleinen Leuten, von ihren Wurzeln entfernt und ist zu einem Sammelbecken der Meritokratie geworden. Die Partei gewinnt Wahlen dank den Stimmen von Afroamerikanern und Latinos, fühlt sich aber vor allem den gut Ausgebildeten und Gutsituierten verpflichtet.

Ihre Präsidentschaftskandidatin verkörpert den Washingtoner Stillstand als prototypische Insiderin, die sich im politischen Betrieb der Hauptstadt über Jahrzehnte abgenutzt hat. Gewiss wäre sie eine bessere Präsidentin als Donald Trump. Doch ist fraglich, ob Hillary Clinton dazu geeignet ist, die verkrusteten Strukturen in Washington aufzubrechen.

Die ehemalige Aussenministerin Madeleine Albright bezeichnete US-Amerika als eine «unverzichtbare Nation». Andere Lobhudler sprechen von der «grössten Nation» oder dem «besten Land auf Erden» oder der «letzten Hoffnung der Menschheit». Solche Selbstbeweihräucherung verstellt den Blick auf beschämende Realitäten: Die sinkende Lebenserwartung ärmerer Weisser, die schreiende soziale Ungleichheit, die fortschreitende Abgrenzung der Reichen vom Rest, die Masseninhaftierung von Afroamerikanern und vieles mehr.

Viel zerbrochenes Porzellan

Der jetzt beendete Präsidentschaftswahlkampf zählt ebenfalls zu diesen beschämenden Realitäten. Er bot nichts, was den amerikanischen Vorbildanspruch rechtfertigen würde. Im Gegenteil: Finanziert durch ein bizarres System organisierter Korruption und getrieben von Skandalen und Zirkuseinlagen geriet der Wahlkampf zu einer Peinlichkeit von anderthalb Jahren Dauer.

Dass Donald Trump bei den republikanischen Urwahlen den Sieg davontrug, dokumentierte den Bankrott einer Partei, deren Eliten nicht einmal merkten, dass ihre Basis schon längst nichts mehr von ihnen hielt. Und die Demokraten nominierten eine Kandidatin, die zu glauben scheint, die Spielregeln würden nur für andere gelten, nicht jedoch für sie. Es war Bernie Sanders, der einen frischen Luftzug in den demokratischen Vorwahlkampf brachte, indes auch deshalb verlor, weil das Establishment der Partei beschlossen hatte, Hillary Clintons Zeit sei gekommen.

Ob das zerbrochene Porzellan wieder zusammengefügt werden kann, scheint fraglich. Eher schon ist zu erwarten, dass der politische Grabenkampf über Zukunft und Beschaffenheit der amerikanischen Gesellschaft hitzig weitergefochten wird. Dabei werden sich vor allem die Republikaner – mit oder ohne Donald Trump – nicht scheuen, notfalls über die Leiche der liberalen Demokratie zu gehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch