Die wütenden alten Männer

Der erzkonservative Senator Jeff Sessions wird Trumps Justizminister. Allmählich formiert sich sein Kabinett: Ältere, weisse und sehr konservative Politiker. Bis jetzt.

Er wird Justizminister im Kabinett Trump: Der republikanische Senator Jeff Sessions aus dem Bundesstaat Alabama. (Archivbild: EPA)

Er wird Justizminister im Kabinett Trump: Der republikanische Senator Jeff Sessions aus dem Bundesstaat Alabama. (Archivbild: EPA)

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Während des Wahlkampfes war Jeff Sessions einer der leidenschaftlichsten Fürsprecher Donald Trumps im Kongress. Jetzt wird der rechtskonservative Senator aus Alabama belohnt und soll neuer Justizminister werden. Neben Steve Bannon, Trumps Chefstrategen im Weissen Haus, ist das ein weiterer, sehr umstrittener Personalentscheid. Der Senator, ein feuriger Abtreibungsgegner und Waffenbefürworter, sah sich in seiner langen Karriere immer wieder mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Über den Ku-Klux-Klan hat er gesagt: «Ich fand sie ganz okay, bis ich erfuhr, dass sie Marihuana rauchen.» Heute bezeichnet Sessions diesen Satz «als Witz».

Die neusten Personalentscheide: Mike Pompeo (Chef des Auslandsgeheimdienstes CIA), Michael Flynn (Nationaler Sicherheitsberater) und Jeff Sessions (Justizminister). (Bild: AFP Photo)

Als neuer Leiter des Auslandsgeheimdienstes CIA sei Mike Pompeo, Abgeordneter aus Kansas, vorgesehen. Pompeo hat sich in den vergangenen Monaten vor allem als Hillary-Clinton-Kritiker ausgezeichnet und ihr «schweres Vergehen» in Libyen und in der E-Mail-Affäre vorgeworfen. Schon am Donnerstag wurde bekannt, dass Trump den pensionierten General Michael Flynn zu seinem Nationalen Sicherheitsberater machen will. Flynn war von 2004 bis 2007 in Afghanistan und dem Irak stationiert und schrieb das Buch «Field of Fight» über den globalen Krieg gegen den «radikalen Islam», den er in Interviews als «Krebs» bezeichnet. Im Unterschied zu Donald Trump aber lehnt Flynn jegliche Art von Folter ab. Trump hatte im Wahlkampf die Foltermethode des «Waterboarding» als «geeignetes Mittel im Kampf gegen den Terrorismus» gepriesen.

Mitt Romney ist im Gespräch

Die drei Personalentscheide passen zu Trump: Bis jetzt schart der designierte US-Präsident lauter ältere, wertkonservative und weisse Männer um sich. Und noch sind einige Kabinettsposten zu vergeben. Vor allem über den neuen Aussenminister wird in den Medien heftig spekuliert. Donald Trump soll sich gemäss Medienberichten am Sonntag mit Mitt Romney treffen. Romney warf Trump über Monate vor, er würde mit seinen verbalen Ausfällen Rassismus, Bigotterie und Frauenhass befeuern und galt bis zuletzt als einer seiner schärfsten Kritiker. Die Differenzen aber, so wird einer von Romneys Sprechern zitiert, seien überwunden — so schnell kann das gehen. Schon soll er gute Aussichten auf das Amt des Aussenministers haben, heisst es zumindest auf CNN.

So also sieht die neue Normalität aus.

David Axelrod, Barack Obamas Chefberater, zeigte sich im Fernsehen über das ganze Rätselraten um Trumps Regierungsmannschaft verärgert und forderte Geduld. Er wies darauf hin, dass Obama viele wichtige Ämter erst im Dezember vergab. «Lasst dem Mann doch Zeit, sich zu entscheiden», sagte er.

Der Mann, also Donald Trump, traf sich derweil in seinem Trump-Tower mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe. Es war das erste Treffen des designierten US-Präsidenten mit einem ausländischen Regierungschef. Über den Inhalt des 90-minütigen Gesprächs wurde nicht viel bekannt. Abe sprach danach von einer «sehr warmen Atmosphäre», Trump sei eine Führungspersönlichkeit, so Abe, «zu der ich grosses Vertrauen haben kann.»

Der Trump-Flüsterer

So also sieht die neue Normalität aus. Noch vor Wochen traten verschiedene Frauen vor die Kameras, die behaupteten, Trump habe sie in eben jenem Trump-Tower sexuell belästigt. Jetzt sprechen Regierungschefs und Diplomaten von «warmer Atmosphäre». Am Donnerstag hielt sich ebenfalls der Botschafter Israels in den USA, Ron Dermer, in Donald Trumps Gebäude an der 5th Avenue auf. Er bezeichnete den zukünftigen Präsidenten der USA als «wahren Freund Israels» und erwähnte explizit auch Steve Bannon, Trumps Chefstrategen. Bannon verantwortete bis vor kurzem die rechtskonservative Webseite «Breitbart News», die unter Dauerkritik stand, antisemitische Inhalte zu veröffentlichen. Ron Dermer, Israels Botschafter, sagte am Donnerstag aber: Er freue sich auf die Zusammenarbeit.

Am Treffen mit dem japanischen Ministerpräsidenten Abe war auch Trumps Schwiegersohn anwesend. Jared Kushner, 35, der Mann von Trumps Tochter Ivanka, wird von amerikanischen Medien nur noch als «Trump-Flüsterer» bezeichnet. Er soll Trump in Personalfragen beraten und im Weissen Haus eine wichtige Rolle als Berater einnehmen. Kushner, ein Harvard-Absolvent, ist ebenfalls Immobilienunternehmer.

2007 wickelte er den Kauf eines Gebäudes an der Fifth Avenue in New York ab. Es war bis zu diesem Zeitpunkt der teuerste Immobiliendeal in der Geschichte des Landes – 1,8 Milliarden Dollar. Kushner gilt als gemässigt und besonnen und als sehr ehrgeizig. «Er ist eine Wohltat neben all den alten und wütenden Männern in Trumps Kabinett», stand im Wochenmagazin The New Yorker. «Gut möglich, dass wir in zehn Jahren, wenn dieser ganze Spuk vorbei ist, nur noch über Kushner sprechen werden.»

Erstellt: 18.11.2016, 17:23 Uhr

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