Ein Trump-Sieg als «Black Swan Event» für die Märkte

Die Nervosität der Anleger steigt angesichts der neuen FBI-Ermittlungen. Die Rede ist vom totalen Schockerlebnis.

Mit Donald Trump käme die Ungewissheit, und das ist bekanntlich Gift für die Märkte: Ein Händler hat den republikanischen Kandidaten auf einem Bildschirm.

Mit Donald Trump käme die Ungewissheit, und das ist bekanntlich Gift für die Märkte: Ein Händler hat den republikanischen Kandidaten auf einem Bildschirm. Bild: David Gray/Reuters

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Nach dem ersten Schreck von vergangenem Freitag beruhigten sich die Finanzmärkte zu Wochenbeginn. Der US-Dollar stieg wieder an, und die Aktienmärkte stabilisierten sich, nachdem sie auf die FBI-Ermittlungen zunächst fast panisch reagiert hatten. Doch die Ruhe könnte trügen: Die Anleger fuhren gestern ihre Wetten auf stabile Märkte deutlich zurück und signalisierten ihre Nervosität für die Wahlen und die Zeit danach.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Hillary Clinton bei den Wahlen am 8. November durchsetzt, lag zu Wochenbeginn gemäss den Einsätzen in Wettbüros bei 87 Prozent zu 13 Prozent, nur unwesentlich tiefer als am Freitag. Auch die ersten Umfragen nach Bekanntwerden der FBI-Ermittlungen deuten nicht auf einen entscheidenden Umschwung hin. David Rothschild, Ökonom am Microsoft-Forschungszentrum in New York, erklärt dies damit, dass nur noch sehr wenige Wähler unentschlossen seien.

Video – E-Mails verhageln US-Demokraten Wahlkampfendspurt

Nach einem Wahlkampf von mehr als 500 Tagen sei die Zahl der unschlüssigen Wähler zu klein, um die Basis für Donald Trump entscheidend zu vergrössern. Die FBI-Ankündigung habe nur beide Lager in ihren Urteilen und Vorurteilen bestätigt.

David Rothschild wertet seit Sommer 2015 die Einsätze in den Wettbüros auf die Kandidaten aus und ergänzt sie mit allen verfügbaren Umfrageresultaten. Seine Analyse zeigt seit dem Frühsommer Hillary Clinton konstant und mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 70 Prozent vorne. Diese Methode bewährte sich vor vier Jahren: Bis auf eine Ausnahme sagte sie die Resultate in allen Bundesstaaten korrekt voraus.

«Black Swan Event»

Auch die relative Ruhe der Finanzmärkte seit dem Sommer deute auf einen Clinton-Sieg hin, geben die Politanalysten der UBS zu bedenken. Die Reaktion vom vergangenen Freitag, als der Börsenindex «nur» mit einem Minus von 0,3 Prozent schloss, sei «überraschend gedämpft» ausgefallen, heisst es in einer UBS-Kundennotiz. «Unsere Sicht ist, dass Hillary Clinton wahrscheinlich die Präsidentschaftswahlen gewinnt und die Republikaner mindestens die Kontrolle über das Abgeordnetenhaus behalten.» Die Bank glaubt, dass die Zahl der noch beeinflussbaren Wähler geringer ist als in früheren Wahlen.

Insofern müsste ein Erfolg von Donald Trump als «Black Swan Event» gesehen werden, als überaus seltenes und totales Schockereignis. Der Ökonom Justin Wolfers schätzt, dass ein Präsident Trump die Profitabilität der US-Wirtschaft um mindestens zehn Prozent nach unten drücken würde. Entsprechend stark wäre auch der Rückschlag an den Aktienmärkten.

"Die messbare Reaktion der Anleger auf die Debatte zeigt gemäss Wolfers, was passieren könnte, wenn sich der sprunghafte Trump durchsetzen würde."

Wolfers leitet diese Prognose aus der Börsenreaktion während des ersten TV-Duells zwischen Trump und Clinton vor einem Monat ab. Es war dies die letzte, beste Chance von Trump, seine Wählerschaft über den harten Kern von rund 40 Prozent der Stimmberechtigten hinaus zu erweitern. Dies misslang, doch die messbare Reaktion der Anleger auf die Debatte zeigt gemäss Wolfers, was passieren könnte, wenn sich der sprunghafte Trump durchsetzen würde. Die relativ stabilen Aktienkurse seien als Zeichen dafür zu sehen, dass sich die Akteure auf eine berechenbare Präsidentin Hillary Clinton sowie einen gespaltenen Kongress einstellen, also auf einen Status quo.

Historisch gesehen ist das der Idealzustand für die Finanzmärkte. Wenn die beiden Parteien die Macht zwischen dem Weissen Haus und dem Kongress teilen müssen, erzielen die Aktienmärkte die besten Renditen. Die Obama-Jahre sind der aktuelle Beweis dafür.

Wachsende Nervosität

Doch die FBI-Bombe tickt auch nach den Wahlen weiter. Die Republikaner drohen damit, eine Regierung Clinton mit einer Welle von Untersuchungen und Klagen einzudecken und zu unterminieren. Die Unsicherheit bleibt, und das spiegelt sich nun zunehmend in einigen Nischen der Finanzmärkte. So legte der Volatilitätsindex am Freitag schon um mehr als 15 Prozent zu und zog gestern erneut deutlich an. Das ist ein Zeichen der wachsenden Nervosität, selbst und gerade wenn Hillary Clinton gewählt würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2016, 07:51 Uhr

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