Einmal tief durchatmen

Donald Trump als mächtigster Mann der Welt: Der Schock ist gross. Aber es könnte alles auch viel besser kommen als befürchtet.

Von vielen wird er deutlich negativer wahrgenommen als etwa die sympathischen Obamas: Donald Trump. Foto: Lucas Jackson (Reuters)

Von vielen wird er deutlich negativer wahrgenommen als etwa die sympathischen Obamas: Donald Trump. Foto: Lucas Jackson (Reuters)

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Was ist los mit Amerika? Die Wirtschaft läuft acht Jahre nach der Finanzkrise wieder rund, die Arbeitslosigkeit ist so tief wie selten, und seit dem 11. September 2001 gab es keine grossen Anschläge auf US-Territorium mehr. Und jetzt dies: Donald Trump, ein Baulöwe mit Pöbeltalent, hat es geschafft, zuerst das rechte und dann auch noch das linke Polit-Establishment vernichtend zu schlagen und Präsident des mächtigsten Landes der Welt zu werden.

Warum haben sich die Amerikaner frei und fair für diesen Mann entschieden, wo sie es doch in der Hand gehabt hätten, mit Hillary Clinton den Status quo zu halten?

Der Status quo ist den Amerikanern nicht genug

Die Antwort ist klar: Der Status quo ist nicht gut genug. Natürlich hat sich das Land nach der Finanzkrise erholt, nur, für viele aus dem Mittelstand war das mit einem sozialen Abstieg verbunden, während sich die Akteure der Wallstreet, nachdem sie vom Steuerzahler gerettet worden waren, sofort wieder schamlos bedienten, als sei nichts gewesen. Und Hillary Clinton ist die Frau der Wallstreet, nicht die der Armen.

Ihr Mann hatte das Trennbanken­system aufgehoben und damit den Investmentbankern Millionen­saläre verschafft. Sie hat sich später 250 000 Dollar pro Stunde zahlen lassen für Reden, die sie vor ebendiesen Bankern gehalten hat. Man müsse «einen öffentlichen und einen privaten Standpunkt» haben, damit die Leute «bei gewissen Deals nicht zu nervös werden», sagte sie dabei etwa. Und dass sie, die angeblich Linke, dank ihrer Millionen «weit weg von den Problemen der Mittelklasse» sei. All das wurde dank Wikileaks bekannt und machte Clinton in den Augen vieler noch unglaubwürdiger als Trump, der frei von der Leber weg unglaublichen Mist erzählen kann und trotzdem authentisch wirkt.

Alles ist so kompliziert

Auch sind die USA unter Barack Obama nicht etwa gerechter geworden, sondern unglaublich kompliziert. Die staatlichen Dienstleistungen, Strassen, Züge, Schulen und Spitäler sind oft in einem miserablen Zustand geblieben. Und die privaten Alternativen, etwa die Elite-Unis, wurden gleichzeitig unverschämt teuer. Obamas grosses Reformprojekt, die Krankenversicherung für alle, hat sich für die meisten als teures bürokratisches Monster mit schlechter Gegenleistung entpuppt, das vor allem der Pharmaindustrie zu ungebremstem Wachstum verhilft. Wer das nicht glaubt, der lade sich mal die Anmeldedokumente aus dem Netz. Die Demokraten aber verherrlichten das Projekt wider besseres Wissen und wollten noch mehr Regulierung. «The Donald» versprach den «quick fix» und triumphiert heute.

Hat die Welt, hat Europa oder die Schweiz etwas zu befürchten, wenn der Egomane aus New York die Kontrolle über die Atomwaffen erhält? Nicht unbedingt, es kann auch besser werden. Aussenpolitisch will Trump Abschied nehmen vom Konzept des globalen Weltpolizisten. Ein Konzept, das den USA Milliardenkosten und ein Heer von Kriegsveteranen bescherte. Kriegshelden, die erst noch, entgegen der offiziellen Verehrung, miserabel behandelt werden und zu Hunderttausenden auf der Strasse landen.

Waren denn die aussenpolitischen Interventionen der Amerikaner der letzten 30 Jahre wenigstens ein Erfolg? Nein, Haiti ist heute ein gescheiterter Staat, Afghanistan, Somalia und der Irak ebenso. Syrien und Libyen, wo Obama halbherzig eingegriffen hat, geht es nicht besser. Kosovo und Bosnien sind korrupte Gebilde am Tropf der EU, und in der Ukraine hat das forsche Vorgehen im Verbund mit der EU fast zu einem offenen Krieg geführt.

Was haben wir zu befürchten?

Mit Hillary Clinton wäre es vielleicht noch schlimmer geworden. Sie schlug vor, China mit einem Raketenabwehrschirm einzukreisen, falls das Land nicht genug Druck auf Nordkorea wegen dessen Atomwaffen ausübe. Das ist mindestens so gefährlich wie Trumps Gerede davon, dass man Atomwaffen auch einsetzen könnte.

Und was droht uns in der Schweiz von Trump? Wohl nicht viel, er wird sich weiterhin mit sich selber und seinem Land beschäftigen. Das muss nicht nur schlecht sein, auch wenn Micheline Calmy-Rey, unsere ehemalige Aussenministerin, von ihrem angeblich guten Verhältnis zu Hillary Clinton schwärmt. Realität war, dass uns die Amerikaner in einem moralisch verbrämten Wirtschaftskrieg das Bankgeheimnis abgetrotzt haben. Nur um selber in derselben Zeit in Delaware ihr Bankgeschäft aufzubauen. Dazu sackten sie als Weltpolizist teils absurde Bussen ein. Die UBS zahlte 1,4 Milliarden Dollar, weil einer ihrer Angestellten in Asien den Referenzzins in Japan manipulierte. Das wird unter Trump, dem Steueroptimierer, kaum schlimmer.

Ein Albtraum der Gefühle

Als Fazit bleibt das Unverständnis, weil die Person Trump so viel negativer wahrgenommen wird als die sympathischen Obamas oder die steife, aber korrekte Clinton.

Trump als Präsident bleibt ein Albtraum der Gefühle. Doch zur viel­beschworenen Katastrophe braucht es – wie nach dem Brexit – nicht zu kommen. Bei uns wie in den USA hat die Börse jedenfalls mit einem kräftigen Plus auf das Wahlergebnis reagiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2016, 00:05 Uhr

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