«Ich bin eine junge, gebildete Frau – und habe Trump gewählt»

Wer sind sie, die Frauen, von denen man eine Trump-Wahl nicht erwartet hätte? Jetzt lauscht Amerika plötzlich ihren Stimmen.

Sie zeigen sich, die jungen Trump-Anhängerinnen: Foto-Termin am Wahl-Anlass.

Sie zeigen sich, die jungen Trump-Anhängerinnen: Foto-Termin am Wahl-Anlass. Bild: Reuters

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42 Prozent aller wählenden Amerikanerinnen stimmten für Trump. Ganze 53 Prozent, also eine Mehrheit, waren es bei den weissen Frauen. Das sind verblüffende Zahlen, wenn man bedenkt, dass der Republikaner während des Wahlkampfs wiederholt mit vulgären Sprüchen und Prahlereien mit sexuellen Übergriffen schockierte.

Allem Anschein nach hatte all dies nur wenig Auswirkung auf das Wahlverhalten vieler amerikanischer Frauen, zumindest der weissen. Sie verhalfen Trump zum Sieg, waren sie doch die grösste aller Wählergruppen und machten mit 37 Prozent mehr als ein Drittel aller Abstimmenden aus. Und Trump punktete nicht nur bei wenig gebildeten weissen Frauen, sondern auch bei vielen mit Hochschulabschluss, was ihm niemand zugetraut hatte. 45 Prozent der Akademikerinnen stimmten für ihn – auch viele junge und sogar solche, die ursprünglich Clinton unterstützten.

Aus welchen Gründen gaben sie Trump ihre Stimme? Was störte diese Frauen an Clinton? Solche Fragen beschäftigen derzeit die amerikanische Öffentlichkeit.

«Nur weil sie eine Frau ist, muss ich nicht für sie stimmen.»Amanda Rider, 19-jährige Studentin

In verschiedenen Interviews erklärten junge, gebildete Wählerinnen, warum sie die Trumps Namen in die Urne einwarfen. Sie beklagten sich über Anfeindungen, weil sie nicht gegen dessen Aussagen protestiert hätten. Trumps Verhalten, so die Meinung vieler, sei doch nur Show gewesen und nicht wirklich ernst gemeint. Eigentlich respektiere er Frauen.

Andere störten sich zwar daran, sahen in Trump aber trotzdem den besseren Kandidaten für einen Wandel in der Politik. Zudem prangern sie die Scheinheiligkeit Clintons an. «Sie behauptet, sie würde sich für die Frauen einsetzen. Aber welche Frau würde schon bei einem Mann bleiben, der sie betrügt und öffentlich demütigt?», fragte Alexa Adler, eine 20-jährige Studentin, in Anspielung auf Bill Clintons einstige Affäre mit seiner Sekretärin.

Auch die Aussicht auf die erste US-Präsidentin der Geschichte zog bei ihnen nicht. «Ich würde es lieben, eine Frau an der Spitze zu sehen, aber nicht Clinton», fasste Elisa Seiple, eine 28-jährige Fotografin, die Einstellung vieler junger, gebildeter Frauen zusammen.

«Trump sprach die Probleme an und sagte, wie er sie lösen will.»Theresa Ahearn (28), studierte Philosophin

Auf den Punkt brachte es Theresa Ahearn, «eine politikinteressierte, gut ausgebildete, 28 Jahre junge Amerikanerin, die Trump wählte», wie sie sich selber beschrieb. In ihrem Brief an Hillary Clinton erklärte sie, warum sie sich im Laufe des Wahlkampfs immer mehr von der Demokratin abwendete.

Am Anfang habe sie Clinton noch unterstützt, aber ihre Kampagnen hätten sie uninspiriert zurückgelassen. «Alles, was sie tat, war, über Trump zu reden. Er hingegen sprach die Probleme direkt an und sagte, wie er sie lösen will», schrieb Ahearn. Bei Trump habe man im Gegensatz zu Clinton gewusst, woran man sei.

Ahearn ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Demokratin von vielen Frauen wahrgenommen wurde: als abgehoben und unnahbar, als jemand, der für die Probleme der kleinen Leute kein Gespür mehr hat. «Normale Frauen wie ich haben wenig Schlaf, müssen ständig die Balance zwischen Arbeit, Schule, Familie, Darlehen und Rechnungen finden. Sie aber stellen sie währenddessen mit reichen, privilegierten Frauen wie der Ex-Miss-Universe Alicia Machado auf der Bühne zu Schau», kritisiert die junge Amerikanerin.

«Der Einfluss muslimischer Diktaturen auf ein Amerika unter Clinton machte mir am meisten Sorgen.»Asra Nomani (51), Muslimin

Zu den Frauen, die unerwartet für Trump gestimmt haben, gehört auch Asra Nomani, eine 51-jährige Muslimin, die einst als Immigrantin in die USA kam und später für die Zeitung «Wall Street Journal» als Reporterin arbeitete. Bei ihr war es vor allem Enttäuschung über die demokratische Partei und Präsident Obama, die den Ausschlag gab.

Sie sei «ihr ganzes Leben lang» liberal eingestellt gewesen und unterstütze die Haltung der Demokraten bei Themen wie Abtreibung, Homosexualität und Klimawandel. «Aber ich bin eine alleinerziehende Mutter, die sich die Krankenkasse unter Obamacare nicht mehr leisten kann», sagte Nomani der «Washington Post». Sie sehe überall einfache Amerikaner, denen es unter der Regierung Obama schlecht gehe.

Seit den Enthüllungen rund um die Millionenspenden aus Katar und Saudiarabien an die Clinton-Foundation unterstütze sie die demokratische Kandidatin nicht mehr. «Der Einfluss solcher muslimischer Diktaturen auf ein Amerika unter Clinton machte mir am meisten Sorgen», erklärt Nomani. Trumps sexistische und fremdenfeindliche Aussagen habe sie zwar abgelehnt, aber ohnehin nicht für umsetzbar gehalten. «Ich glaube an die USA und ihre Zivilrechte. Aber ich glaube den Politikern nicht, die Trump und seine Anhänger völlig übertrieben dämonisiert haben.»

Video – das ist die neue First Family:

Erstellt: 11.11.2016, 15:09 Uhr

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