Mit brutaler Polemik ins Weisse Haus

Dieser Entscheid Trumps lässt viele in den USA erschauern. Der ultrarechte Heisssporn Stephen Bannon wird Chefstratege des Präsidenten. Warum ist Bannon so gefürchtet?

Hat die Krawall-Kampagne Trumps organisiert und wird nun dessen Chefstratege: Stephen Bannon.

Hat die Krawall-Kampagne Trumps organisiert und wird nun dessen Chefstratege: Stephen Bannon.

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Der ultrarechte Heisssporn Stephen Bannon, der in den vergangenen Monaten die Wahlkampagne von Donald Trump geleitet hatte, wird nun sein Chefstratege im Weissen Haus. Der 62-Jährige, der über die Website «Breitbart News» (siehe Infokasten) die brutalste Polemik und die wildesten Verschwörungstheorien verbreitet, wird damit eines der mächtigsten Mitglieder des Regierungsteams. Die Nominierung des Scharfmachers wird zwar dadurch etwas ausbalanciert, dass Trump zugleich mit dem bisherigen republikanischen Parteivorsitzenden Reince Priebus einen verbindlichen Pragmatiker zu seinem Stabschef ernannte. Doch die Sorgen, die Bannons Ernennung auslöst, werden dadurch nicht wirklich abgemildert. Bürgerrechtler reagieren extrem alarmiert.

So bezeichnet die Anti-Rassismus-Organisation Southern Poverty Law Center den «Breitbart»-Chef als Betreiber einer «weissen ethno-nationalistischen Propagandamühle». Er sei aggressiv gegen Einwanderer zu Felde gezogen und habe «Minderheiten mit Terrorismus und Verbrechen in Verbindung gebracht».

Viele Rollenwechsel, bewegte Vita

Trump hat seit seinem Wahlsieg versucht, einen Schlussstrich unter seine Krawall-Kampagne zu ziehen und sich als Versöhner der tief gespaltenen Nation in Szene zu setzen. Doch diese neue Pose wird durch die Ernennung eines Mannes konterkariert, der in seiner Publikation etwa Präsident Barack Obama beschuldigt hat, «hasserfüllte Muslime importiert» zu haben, oder die Arbeit der Familienplanungsorganisation Planned Parenthood mit dem Holocaust verglichen hat.

Video – «Habt keine Angst»:

In einem TV-Interview versucht Donald Trump seine Gegner zu beruhigen.

In seiner Rolle im Weissen Haus dürfte Bannon unter anderem dafür zuständig sein, die Beziehungen des Präsidenten zur ultrarechten Anhängerschaft und zum konservativen Teil der Medienlandschaft zu pflegen. Für den 62-Jährigen ist es ein weiterer von bereits vielen Rollenwechseln im Lauf seiner bewegten Vita.

Banker bei Goldman Sachs

Bannon wuchs in einer Arbeiterfamilie in Norfolk im Bundesstaat Virginia auf und diente in der Marine. In seiner Militärzeit war er im Arabischen Meer und im Persischen Golf stationiert und arbeitete danach als Spezialist für Flottenoperationen im Pentagon.

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Die ersten Personalentscheide Trumps sind ...





Später wechselte Bannon in die Geschäftswelt. Nach einem Abschluss an der berühmten Harvard Business School arbeitete er für die Investmentbank Goldman Sachs, wo er auf die Geschäfte mit Medienunternehmen spezialisiert war.

Brachiale Polemik

Danach gründete Bannon seine eigene Filmproduktionsfirma. Er drehte lobhudelnde Dokus über die erzkonservative Republikanerin Sarah Palin und den Ex-Präsidenten Ronald Reagan, wodurch er sich einen Ruf als die rechte Antwort auf den linken Filmemacher Michael Moore erwarb.

Bildstrecke – die US-Wahl und die Folgen:

Vorher war Bannon Chef bei «Breitbart News», einer ultrakonservativen Nachrichtenwebsite, die der Führung der Republikaner den Krieg erklärt hat. Auf dem Kieker hatte Bannon vor allem den Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Paul Ryan. Also jenen Ryan, mit dem Trump nun zusammenarbeiten muss, wenn er seine Agenda vom Kongress absegnen lassen will.

Unter seiner Ägide blies «Breitbart News» jedoch nicht nur gegen das Establishment, sondern verbreitete stramm nationalistische Inhalte. Die Website gilt zudem als führendes Sprachrohr der sogenannten Alt-Rechten, einer Bewegung, die Weisse anderen Ethnien gegenüber für überlegen hält, gegen Multikulturalismus und für «westliche Werte» eintritt.

«Breitbart News» hat eine Vorliebe für umstrittene Schlagzeilen mit hoher Klick-Garantie. Dazu gehört eine Zeile, in der der konservative Kommentator Bill Kristol als ein «republikanischer Spielverderber, abtrünniger Jude» bezeichnet wurde. Eine andere Schlagzeile fragte die Leser: «Hätten Sie es lieber, dass Ihr Kind Feminismus oder Krebs hat?» Eine andere lautet: «Geburtenkontrolle macht Frauen unattraktiv und verrückt.»

Leni Riefenstahl der Tea Party

Auch Bannon persönlich werden Ressentiments vorgeworfen. Seine Ex-Frau Mary Louise Piccard erklärte Gerichtsakten zufolge, er habe sich bei einem Streit vor fast zehn Jahren antisemitisch geäussert. Dabei sei es damals um die Frage gegangen, ob sie ihre Zwillingstöchter auf eine Eliteschule in Los Angeles schicken sollten. Ihr Ex-Mann habe dies mit dem Argument abgelehnt, dass er «nicht will, dass die Mädchen mit Juden zur Schule gehen», hiess es in der eidesstattlichen Erklärung Piccards, die der Nachrichtenagentur AP vorliegt. Eine Sprecherin Bannons, Alexandra Preate, wies dies zurück.

Der Gründer von «Breitbart News», der verstorbene Andrew Breitbart, habe Bannon einst bewundernd die Leni Riefenstahl der Tea Party genannt, heisst es in einem Porträt in der «Bloomberg Businessweek».

Demokraten entsetzt

Die Demokraten zeigten sich indes entsetzt über Bannons Beförderung. «Es ist leicht zu verstehen, warum der Ku-Klux-Klan Trump als seinen Helden ansieht, wenn Trump einen der führenden Vertreter von Ideologien weisser Überlegenheit und Rhetorik zu seinem Topberater ernennt», kritisierte Adam Jentleson, der Sprecher des demokratischen Minderheitsführers im Senat, Harry Reid.

Auch einige Republikaner zeigten sich besorgt. John Weaver, ein Stratege von Ex-Präsidentschaftsbewerber John Kasich, twitterte: «Die rassistische, faschistische, extremistische Rechte ist nur ein paar Schritte vom Oval Office repräsentiert. Sei sehr wachsam, Amerika.»

Der Filmemacher Michael Moore unterstützt die Proteste gegen Trump. (cpm/afp/dapd/«Süddeutsche»)

Erstellt: 14.11.2016, 06:34 Uhr

Bannon und das Medium der rechten Rebellion

Die Seite Breitbart News Network wurde 2007 von dem konservativen Kommentator und Unternehmer Andrew Breitbart gegründet. Breitbart wollte ein Medium schaffen, das aus einer rechten Perspektive über all die Dinge schreibt, über die seiner Meinung nach die sogenannten Mainstreammedien - weniger freundlich ausgedrückt: die linke Elitepresse - entweder gar nicht oder eben verfälscht berichten. Als einer der Hauptgeldgeber von Breitbart wird immer wieder der Hedgefonds-Millionär Robert Mercer genannt, der viel Geld für politische Aktivitäten spendet.

Breitbart News hat nie den Anspruch erhoben, traditionellen, halbwegs objektiven Journalismus zu betreiben, sondern war immer ein Medium der rechten Rebellion - gegen das politische Establishment, das der Republikaner wie das der Demokraten, gegen die dominierenden Medien, gegen den ganzen als lau und verrottet angesehenen herrschenden Konsens der politischen Mitte. Breitbart ist eine Plattform für die Tea-Party-Schreihälse und die Stars der Rednecks, für Populistinnen wie Sarah Palin oder Ann Coulter, in diesem Jahr auch für Donald Trump.

Krawall und Provokation sind Teil der Strategie, mit politischen Konzepten oder Ideen setzt sich Breitbart News nicht auseinander. Die Seite ist weitaus amateurhafter und ruppiger als etwa Fox News, der konservative Fernsehsender. Auch Ironie ist Breitbart News fremd, Selbstironie sowieso. Die Autoren sind ernste Eiferer, auch wenn ihre Artikel manchmal wie Satire klingen. "Mein Geschäftsmodell besteht darin, anzugreifen", sagte Breitbart 2010 in einem Interview. In dieser Hinsicht ist Breitbart News noch ideologischer als sein Vorbild, der Drudge Report, jene legendäre konservative Nachrichtenseite, die einst die erste Meldung über die Affäre von US-Präsident Bill Clinton mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky gebracht hatte.

Als Andrew Breitbart 2012 starb, übernahm Stephen Bannon die Seite und machte sie zum wohl wichtigsten Medium des Wutbürgertums. Genaue Geschäftszahlen veröffentlicht Breitbart nicht, doch angeblich hat die Seite inzwischen fast 20 Millionen Leser, 2012 waren es kaum drei Millionen. Breitbart News ist damit das führende rechte Gegenstück zu linken Nachrichtenseiten und Blogs wie Huffington Post, Daily Kos oder Talking Points Memo, die allenfalls im Ton milder sind, nicht aber in der missionarischen Überzeugung, die einzige Wahrheit zu besitzen und verbreiten zu müssen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Andrew Breitbart das Handwerk der ideologischen Agitation unter anderem bei der Huffington Post gelernt hat.

Zugleich ist Breitbart eines der lautesten Medien in der rechten "Echokammer" geworden. Mit diesem Begriff sind all jene konservativen Internet-Seiten - Nachrichtenportale, Foren, Blogs - gemeint, die sich Geschichten hin- und herwerfen. Irgendwann wird aus bloßen Gerüchten auf diese Weise in den Augen vieler Leser eine Wahrheit - es stand ja schließlich nicht nur bei Breitbart, sondern auch bei Infowars, bei Gatewaypundit, bei Redstate und einem Dutzend anderer Seiten.

Bannon hat die Mission von Breitbart News in den vergangenen Monaten verändert. Aus der Seite, die gegen alles Mögliche war, machte er eine Seite, die für jemanden war: Donald Trump. Breitbart hat Trump von Beginn an unterstützt, dessen Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten wäre ohne die stetigen Berichte darüber, wie grandios der Immobilienhändler ist und wie schrecklich seine innerparteilichen Gegner waren, kaum möglich gewesen. Trump gab den Breitbart-Reportern jede Menge ebenso exklusive wie nichtssagende Interviews, Breitbart verkaufte den Kandidaten dafür als Prototyp des wütenden Außenseiters, der sich nichts mehr gefallen lässt und Washington aufräumen wird. Angeblich waren etliche ranghohe Redakteure mit dieser Liebedienerei nicht einverstanden. Verhindern konnten sie sie nicht. («Süddeutsche»)

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