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Spannungen in der Golfregion Irans Präsident macht USA und Israel für Anschlag verantwortlich

Der bekannte Atomphysiker Mohsen Fakhrizadeh starb nach einem Attentat. Jetzt droht Teheran mit Rache.

Am Freitag erlag der Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh nach einem Autoattentat seinen Verletzungen in einem Spital in Teheran.
Am Freitag erlag der Atomwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh nach einem Autoattentat seinen Verletzungen in einem Spital in Teheran.
Foto: AFP

Nach übereinstimmenden Berichten iranischer Staatsmedien ist die wichtigste Figur des militärischen Atomprogramms der Islamischen Republik am Freitag bei einem Anschlag getötet worden. Das Auto von Mohsen Fakhrizadeh sei von «Terroristen» in der Nähe der Ortschaft Absard östlich von Teheran mit einem Sprengsatz attackiert und anschliessend mit automatischen Waffen beschossen worden, meldete die halbamtliche Nachrichtenagentur Fars, die enge Verbindungen zu den Revolutionsgarden hat.

Das Verteidigungsministerium in Teheran bestätigte den Tod Fakhrizadehs am Freitagnachmittag; Fakhrizadeh hatte ein dem Ministerium angegliedertes Institut geleitet. Die «Organisation für Innovation und Forschung in der Verteidigung» gilt westlichen Geheimdiensten als Tarnorganisation, in der Teile des militärischen Atomprogramms fortgeführt worden sein sollen.

Letzte Tage unter Trump nutzen

Damit dürften sich die Spannungen in der Golfregion kurz vor dem Ende der Amtzeit von US-Präsident Donald Trump nochmals massiv verschärfen. Hossein Deghan, ein früherer Verteidigungsminister und militärischer Berater des Obersten Führers Ali Khamenei, kündigte an, der Iran werde Rache nehmen an jenen, die für Fakhrizadehs Tod verantwortlich seien. Er unterstellte, Israel versuche in den «letzten Tagen des politischen Lebens ihres zockenden Verbündeten» einen Krieg mit dem Iran vom Zaun zu brechen.

Der iranische Präsident Hassan Ruhani warf den USA und Israel vor, hinter dem Mordanschlag zu stehen. «Erneut sorgten der Imperialismus und sein zionistischer Söldner für ein Blutvergiessen und den Tod eines iranischen Wissenschaftlers», sagte Ruhani am Samstag im Staatsfernsehen.

Aussenminister Mohammed Jawad Zarif sprach in einer Twitter-Nachricht von einem «Akt von Staatsterrorismus» sowie «ernsten Hinweisen auf eine israelische Rolle», ohne dies näher auszuführen oder zu belegen.

Fakhrizadeh, der von der Agentur als «Nuklearwissenschaftler» bezeichnet wird, und seine Begleiter seien sofort in ein Spital gebracht worden, hätten aber nicht gerettet werden können. Laut Augenzeugen haben mehrere Angreifer das Auto beschossen. Fakhrizadehs Leibwächter hätten drei oder vier von ihnen getötet.

Der meistgesuchte Mann im Iran.

Der Atomphysiker galt Geheimdienstlern als «most wanted man in Iran» und als «Vater der iranischen Bombe». Der General, der 59 Jahre alt wurde, soll sich als junger Mann den Revolutionsgarden angeschlossen haben und massgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass der Iran nach Ansicht westlicher Geheimdienste ein komplettes und funktionsfähiges Sprengkopf-Design entwickelt und zumindest Komponenten davon auch getestet hat. Lange hatte er an der Imam-Hussein-Universität in Teheran Physik unterrichtet, einer Kaderschmiede des Militärs. Trotzdem gab es lange kein öffentlich bekanntes Foto von ihm.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu präsentierte dann im Frühjahr 2018 erstmals ein Bild von ihm – Anfang 2017 hatten Agenten des Geheimdienstes Mossad bei einem spektakulären Einbruch in ein Lagerhaus in einem Aussenbezirk der iranischen Hauptstadt Zehntausende Seiten von Dokumenten über das geheime militärische Atomprogramm erbeutet. Ein Mann mittleren Alters, braune Haare, Seitenscheitel, Brille – so sah der Vordenker des geheimen iranischen Atomprogramms aus.

Offizielles Bild des Atomphysikers Mohsen Fakhrizadeh, der 59-jährig starb.
Offizielles Bild des Atomphysikers Mohsen Fakhrizadeh, der 59-jährig starb.
Foto: Reuters

Auf den Fotos, die iranische Staatsmedien nun veröffentlicht haben, ist er deutlich gealtert, er trägt eine Brille, die Haare sind grau, ebenso der Bart. Netanyahu sagte damals, Fakhrizadeh habe bis zuletzt unter der Kontrolle des Militärs und mit Wissen höchster Regierungsstellen weitergearbeitet – nicht aber, woran genau. «Merken Sie sich diesen Namen!», fügte er hinzu.

Israel lehnte einen Kommentar zu der Tötung zunächst ab. Allerdings ist bekannt, dass es in den vergangenen fünfzehn Jahren mehrmals Pläne der israelischen Geheimdienste gab, Fakhrizadeh umzubringen, wie der Geheimdienstexperte und Journalist Ronen Bergman sagt. Sie seien aber aus verschiedenen Gründen nicht ausgeführt worden.

Haftminen töteten schon andere Atomforscher

Mehrere iranische Atomwissenschaftler waren in den vergangenen Jahren bei Anschlägen etwa mit Haftminen getötet worden. Der Iran hatte dafür immer Israel und die USA verantwortlich gemacht. Im Januar hatten die USA den Revolutionsgarden-General Qassem Soleimani am Flughafen von Bagdad mit einem Drohnenangriff getötet.

Fakhrizadehs zentrale Bedeutung und den Amad-Plan – das geheime Bombenprojekt im Iran – erwähnte 2008 schon der damalige Chefinspektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Olli Heinonen, gegenüber den Mitgliedsstaaten. Er fasste damals alle Verdachtsmomente zum militärischen Atomprogramm des Iran in einem Dossier zusammen, dessen Veröffentlichung der damalige IAEA-Generaldirektor Mohammed al-Baradei blockierte. Die Wiener Atombehörde hatte Teheran wiederholt gebeten, Fakhrizadeh befragen zu dürfen.

Arbeitet nach Ruhestand weiter

Bekannt war auch, dass Fakhrizadeh nicht in Ruhestand ging, nachdem die politische Führung des Iran 2003 unter dem Eindruck der US-Invasion im Irak angeordnet hatte, das Projekt zu stoppen. Westliche Geheimdienste gingen davon aus, dass er mit einem kleinen Team von einem Dutzend Personen weiterarbeitete, um die Erkenntnisse zu bewahren und durch spezifische Forschung weiter zu vertiefen.

Das Team wurde demnach zur Tarnung an der Malek Ashtar University in Teheran angesiedelt und seit 2011 in einem Nachbargebäude untergebracht. Die Forschungsaktivitäten dort, heisst es in einem Bericht der IAEA vom November 2011, könnten «hochrelevant für die Entwicklung eines Sprengkopfes» sein.