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Glosse zum JournalismusVerschont uns mit Corona-Romanen!

Journalismus ist schnell, Literatur braucht Zeit. Also, Schriftsteller, nehmt sie euch auch, und denkt lieber ein paar Jahre nach, ehe ihr euren Pandemie-Roman schreibt.

Napoleon war eine Gestalt von welthistorischer Bedeutung. Dennoch wartete ein Autor wie Stendhal 24 Jahre, bis er seine letzte Schlacht, die von Waterloo 1815, literarisch verarbeitete. (Gravur der Schlacht von Austerlitz, 1805).
Napoleon war eine Gestalt von welthistorischer Bedeutung. Dennoch wartete ein Autor wie Stendhal 24 Jahre, bis er seine letzte Schlacht, die von Waterloo 1815, literarisch verarbeitete. (Gravur der Schlacht von Austerlitz, 1805).
Foto: LMS

Schnell, schneller, am schnellsten: Das mag für den Journalismus gelten, wo die Korken knallen, wenn die eigene Push-Meldung zum Tod des Papstes (ruhig Blut, er lebt noch) eine halbe Minute vor der Konkurrenz online gegangen ist. In der Literatur – jedenfalls der, die diesen Namen verdient – gelten andere Zeiträume. Gute Autoren sind manchmal ihrer Zeit voraus, sie ahnen Dinge, die erst später eintreffen. Kafka etwa die Absurditäten einer repressiven Bürokratie, Orwell universelle Überwachung und Newspeak.

Geht es um die Gegenwart, sind Schriftsteller auch bloss Zeitgenossen. Je näher das Geschehen dem Erleben, desto stärker konkurrieren sie mit Nachrichtentexten, Reportagen, eben: Journalismus. Grosse Literatur braucht Zeit. Die besten literarischen Anverwandlungen welthistorischer Ereignisse sind in der Regel viele Jahre später entstanden.

Literatur ist Alchemie in Zeitlupe

Stendhals Beschreibung der Schlacht von Waterloo (eines der besten Stücke Kriegsliteratur überhaupt): 24 Jahre danach. Tolstois monumentaler Roman über Napoleons Russlandfeldzug: zwei Generationen danach. Die Evangelien: Jahrzehnte nach Jesu Kreuzigung. Zwei der bleibenden Texte über den Holocaust, Elie Wiesels «Nacht» und Imre Kertesz’ «Roman eines Schicksallosen», sind 1958 bzw. 1973 erschienen. Der beste Wenderoman, Uwe Tellkamps «Der Turm», 2008, fast 20 Jahre nach der Wende.

Warum ist das so? Literatur ist Alchemie: Alltagsstoff verwandelt sich in Gold. Aber es ist Alchemie in Zeitlupe. Wie sie funktioniert, können Schriftsteller meist selbst nicht sagen (Literaturkritiker auch nicht). Eins ist sicher: Wer jetzt schon an einem Corona-Roman sitzt, hat zwar etwas erlebt, aber nicht begriffen, was er erlebt hat. Daraus wird vielleicht ein Dutzendkrimi (einige sind schon erschienen). Aber nie und nimmer ein Buch, das den Tag überleben wird. Deshalb, liebe Autoren und Autorinnen: Haltet euch zurück. Noch ein paar Jahre. Dann lesen wir euch gern!

6 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Der beste Wenderoman, Uwe Tellkamps «Der Turm», 2008, fast 20 Jahre nach der Wende.'

    Das schmerzt. Ein Aussenseiter, der nie am kulturellen und intellektuellen Leben der DDR teilgenommen hat, aber auch nicht die Kraft zum Dissidenten hatte, schreibt über eine irreale, seine Puppenstuben- Welt. Da fallen jedem kritischen Ex- DDRler die Augen vor demonstrierter Unkenntnis gepaart mit Langeweile zu. Mag sein, er ist ein guter Literat, inhaltlich- gesellschaftlich ist er ein Totalversager.

    Konsequent ist der Herr inzwischen auch in der Schmudellecke von Pegida, AfD und Co angekommen.