AboSchwer verletzte TiereVerstörende Bilder aus der Migros-Geflügelzucht
Das Tochterunternehmen Micarna züchtet im Wallis Hühner für das Optigal-Label. Tierschützer veröffentlichen nun Videos, die schlimme Zustände in den Ställen zeigen.

Mit den Bildern aus der Migros-Werbung haben die Aufnahmen so gar nichts gemeinsam. Verstörte Hühner, die in Gruppen zusammenstehen und geschockt auf einen Gockel starren, der immer wieder ein schwer verletztes Tier attackiert. Der Boden des riesigen Stalls ist verdreckt. Mindestens eines der Tiere ist mehr tot als lebendig. Andere, die von den Gockeln attackiert werden, suchen verängstigt Schutz unter den Vorrichtungen zur Fütterung der Tiere. Die schockierenden Bilder zeigen auch mehrere Hühner mit schweren Verletzungen, manche haben offene Wunden.
Die Aufnahmen stammen laut Tierrechtsorganisation Tier im Fokus (TIF) aus einem Micarna-Betrieb bei Vernayaz im Unterwallis. In Sichtdistanz zur A9 und im Schatten eines Windrads stehen sechs einstöckige Ställe des Migros-Tochterunternehmens. Die Tiere, die hier leben, verbringen ihr kurzes Leben immer drinnen – ihr Dasein hat nur einen einzigen Zweck: sich fortzupflanzen. Aus den befruchteten Eiern schlüpfen Küken, die dann in der ganzen Schweiz gemästet werden. Am Ende der Produktion landen sie als Optigal-Poulet im Kühlregal der Migros. Was sich hinter den geschlossenen Stalltüren abspielt, bleibt den Konsumenten normalerweise verborgen. Nun stellte TIF der SonntagsZeitung Aufnahmen aus dem Betrieb zur Verfügung. Sie korrespondieren so gar nicht mit den Bildern von schönen, glücklichen Hühnern auf grünen Wiesen.
Haltung in grossen Gruppen führt zu Stress und Verletzungen
Für die Hühner bedeutet die Haltung in riesigen Hallen ohne Auslauf vor allem eins: «Permanenter Stress», wie Tobias Sennhauser von Tier im Fokus sagt. In der Natur würden nur wenige Hähne pro Gruppe leben, sagt Sennhauser. Dort seien die Tiere ausserdem mit weiteren Aufgaben betraut. «In der Massentierhaltung, wie im Beispiel aus dem Wallis, gibt es ständige Rangkämpfe, die durch Bepicken ausgeübt werden», sagt Sennhauser. In der Folge leiden die Hühner unter Verletzungen – in manchen Fällen sind diese so schwer, dass die Tiere daran sterben. Eigentlich müssten verletzte Tiere gepflegt und behandelt werden, Mängel, die das Befinden der Tiere beeinträchtigen, müssen unverzüglich behoben werden. So hält es die Tierschutzverordnung fest.

Die Tierrechtsorganisation stört sich vor allem an den Hochglanz-Aufnahmen, die Micarna aus dem Innern der Ställe verbreitet – und die ein ganz anderes Bild zeigen. Auf Youtube etwa sind Videos eines ähnlichen Micarna-Betriebs in Siders zu sehen. Darauf sind die Ställe frisch eingestreut, die Tiere haben ein gesundes, strahlend weisses Federkleid. Diese Art von Tierhaltung hebe das Tierwohl auf ein neues Niveau, «eine Herzensangelegenheit», heisst es dort. 50’000 Tiere in vier Ställen leben in Siders und liefern 8 Millionen Bruteier pro Jahr. Mit der Anlage im Wallis gehe Micarna sogar noch weiter als die geltenden strengen Tierschutzvorschriften. Im Gegensatz zur Anlage bei Vernayaz verfügen die Tiere hier über einen Wintergarten. «Nirgends sonst erhalten Elterntiere für die Pouletmast Zugang zu einem Wintergarten», heisst es im Video von Micarna.
Walliser Behörde fand Missstände in jedem zweiten Betrieb
In einer Stellungnahme hält die Migros fest, «dass in den Betrieben von Micarna die gesetzlichen Richtlinien eingehalten und die Betriebe regelmässig von Dritten kontrolliert werden». Dass die Tiere auf den Aufnahmen gestresst seien, sei vor allem auf das unbefugte Eindringen in den Mastbetrieb zurückzuführen. «Die Tiere fühlen sich dadurch gestört und gestresst», schreibt Mediensprecher Patrick Stöpper. Die Bilder aus dem Betrieb in Vernayaz selbst will die Migros nicht weiter kommentieren. Seit mehreren Jahren achte die Migros darauf, die Nutztierhaltung nicht beschönigend oder übertrieben idyllisch darzustellen. «Bei Beiträgen zur Nutztierhaltung bilden wir jeweils die Realität ab», so Stöpper. «Durch viele Projekte zugunsten des Tierwohls beweisen wir, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen. So verkauft die Migros nur noch Eier aus Freilandhaltung, die mindestens den IP-Suisse-Standard erfüllen.»

Tatsächlich kontrollierte die Walliser Dienststelle für Veterinärwesen 2021 alle Geflügelbetriebe im Kanton. Dies im Rahmen eines vom Bund festgelegten Schwerpunktprogramms. Inspektoren gingen ohne Voranmeldung in die Betriebe und prüften die Belegungsdichte, die Qualität von Einstreu und Luft sowie den Umgang mit kranken und verletzten Tieren. Offenbar zogen sich die Kontrollen in die Länge, weshalb diese erst im laufenden Jahr abgeschlossen werden, wie es bei der kantonalen Verwaltung heisst. «Als vorläufige Bilanz können wir festhalten, dass in der Hälfte der kontrollierten Betriebe ein oder zwei Mängel festgestellt wurden, die Korrekturmassnahmen erforderlich machen», heisst es im Jahresbericht der Dienststelle. Ob darunter auch der Betrieb von Micarna bei Vernayaz war, geht aus den Daten des Kantons nicht hervor.
Bei Tier im Fokus verlässt man sich nicht auf freiwillige Massnahmen der Produzenten oder Kontrollen der Behörden, sondern setzt auf weitergehende gesetzliche Vorschriften, wie sie im Rahmen der Initiative gegen die Massentierhaltung vorgesehen sind. «Bei einer Annahme kämen leichtere Rassen zum Einsatz, die aufgrund ihres geringeren Gewichts den Hennen beim Begatten weniger Verletzungen zufügen würden», sagt Sennhauser. «Ausserdem müssen sämtliche Tiere fortan Auslauf haben, was den Stress reduziert und zu weniger gewaltsamen Rangkämpfen führt.» Denn aktuell, so zeigten Daten des Bundesamts für Landwirtschaft, gewähren nur gerade 10 Prozent der Elterntierbetriebe den Tieren Auslauf – viel weniger, als uns die Produzenten glauben machen wollen.

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