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Grasshoppers-VerkaufVier Gründe, warum Chinesen in GC investieren

Hinter dem Kauf des Zürcher Traditionsclubs durch chinesische Investoren werden unlautere Absichten vermutet. Aber es gibt auch nachvollziehbare Motive für die Transaktion.

Die Fans sind weniger geworden, der Glaube an den Wiederaufstieg aber bleibt erhalten: GC im Einsatz gegen Kriens am 12. Februar.
Die Fans sind weniger geworden, der Glaube an den Wiederaufstieg aber bleibt erhalten: GC im Einsatz gegen Kriens am 12. Februar.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, warum mit der Champion Union HK ein Hongkonger Investor beim Zürcher Traditionsclub GC einsteigt. Einem Club, der über hundert Jahre lang von lokalen Bankiers, Offizieren, Immobilienunternehmern und dem Zürichberg getragen wurde, bis sie über hundert Millionen verlocht hatten und schliesslich alle ratlos waren. Dessen erste Mannschaft aktuell in der zweithöchsten Liga dümpelt und den Zuschauern im dreiviertelleeren Geisterstadion Letzigrund wenig Unterhaltung oder gar Grund zur Leidenschaft bietet.

Man wird den Club mit Sachverstand und einem neuen Fussballstadion womöglich wieder nach oben führen können, aber bis dann sind weitere 20 Millionen Franken weg. Mindestens. Deshalb vermuten verschiedene kritische Kommentare unlautere Motive des GC-Investments aufseiten der Chinesen und des ihnen nahestehenden portugiesischen Spielervermittlers Jorge Mendes: Man will den Zürcher Traditionsclub als Relais für Transferrechte und Geldgeschäfte missbrauchen.

Aber könnte es auch lautere Gründe geben, warum ein chinesischer Investor bei GC einsteigt? Das Land wird weniger an der Schweizer Demokratie interessiert sein und gilt auch nicht als Fussballhochburg. Aber von Wirtschaft, Kultur und Massenbewegungen versteht man etwas im Reich der Mitte. Hier deshalb ein Versuch, den vier Gründen nachzugehen, warum mit Guo Guangchang ein chinesischer Milliardär bei GC einsteigt, seine Gattin Jenny Wang Clubbesitzerin wird und der junge chinesische Manager Sky Sun GC-Präsident.

1. Fussball ist für Xi Jinping ein strategisches Projekt

Fussball ist für ihn von geostrategischer Bedeutung: Chinas Staatspräsident und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping.
Fussball ist für ihn von geostrategischer Bedeutung: Chinas Staatspräsident und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping.
Foto: Johannes Eisele (AFP)

Staatspräsident Xi Jinping hat Fussball 2015 zu einem wichtigen Entwicklungsprojekt von nationalem Interesse erklärt. In 20’000 Primarschulen und Gymnasien soll das Fach Fussball ein Schwerpunkt sein, die chinesische Liga wird mit hohen Investitionen aufgewertet. 2021 sollte die erste Club-WM in China stattfinden (jetzt wird sie wegen Corona verschoben), 2030 die WM der Nationalmannschaften, und spätestens am hundertsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik 2049 soll China Weltmeister sein. Warum dieser nationale Effort? Staatspräsident Xi Jinping ist Fussballfan, er weiss vom Wert dieses Sports als Fliegenpapier für nationale Einheit. Fussball ist heute ein so wichtiges internationales Schaufenster fürs nationale Prestige wie die Mondfahrt in den Sechzigerjahren. Wenn sich das Ehepaar Guangchang Wang hier engagiert, hat es bei Xi Jinping einen Stein im Brett – was fürs Geschäft chinesischer Oligarchen genauso wichtig ist wie für russische Oligarchen, sich mit Wladimir Putin gutzustellen. Guo Guangchang ist zwar Abgeordneter im Volkskongress, aber sein Gleichgewicht mit den Machthabern scheint labil, 2015 verschwand er für vier Tage rätselhaft. Ein Engagement für den Fussball macht staatstreu, ausserdem führt es zu steuerlichen Privilegien.

2. China baut auch eine kulturelle Seidenstrasse nach Europa

Fussball als Soft Power: Zhang Wei vom Fussballclub Shanghai SIPG im Einsatz gegen die Urawa Red Diamonds in Shanghai.
Fussball als Soft Power: Zhang Wei vom Fussballclub Shanghai SIPG im Einsatz gegen die Urawa Red Diamonds in Shanghai.
Foto: Imaginechina

Seit rund zehn Jahren baut China an einer Seidenstrasse für den Transport von Gütern aus seiner Weltfabrik nach Europa. An den Standorten der neu ausgebauten Häfen werden Abhängigkeiten auch von europäischen Staaten entstehen (Griechenland, Italien). Aber die Herzen der Menschen gewinnt man nicht mit materiellen Abhängigkeiten, sondern mit Kultur und Unterhaltung. Also wird eine zweite Seidenstrasse in den Westen gebaut, die die Leidenschaften der Menschen wecken soll. Guangdongs Fosun-Gruppe gehören der englische Fussballclub Wolverhampton Wanderers und der Club Mediterrané sowie ein Co-Anteil am Cirque de Soleil (in Europa ein sicherer Wert für ein volles Zelt) – allesamt traditionelle Institutionen, die an ihren Auftrittsorten kollektive Träume bewirtschaften.

3. Zürich ist ein wichtiges IT-Zentrum

Der chinesische IT- und Telecomgigant Huawei plant in Zürich ein Forschungszentrum.
Der chinesische IT- und Telecomgigant Huawei plant in Zürich ein Forschungszentrum.
Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

Es lohnt sich folglich für eine chinesische Gruppe, mit einem wichtigen Technologie-Bein hier präsent zu sein. Huawei will sein europäisches Forschungszentrum ähnlich wie Google oder Microsoft in Zürich aufbauen, die Nähe zu ETH und EPFL und die vergleichsweise liberale Regulierung der Schweiz geben dazu den Ausschlag. Und Fussball gilt nach wie vor als ein ideales Netzwerk, vorausgesetzt, es wird auf dem Rasen und in den Logen etwas geboten. Und natürlich ist die Nähe zu Fifa und Uefa in der Fussballbranche so wichtig wie die Nähe zu den technischen Universitäten in der IT-Branche. Ob es diese Verbände auch schaffen, dass sich die einflussreichen chinesischen Investoren und der portugiesische Spielervermittler Jorge Mendes an die Transferregeln halten, ist offen. Die WHO gibt im Fall der Corona-Krise gegenüber China kein Vorbild ab.

4. Schweizer Fussball muss nicht unrentabel sein.

Die Schweiz, das Land, in dem Fussballer professionell ausgebildet werden: Ricardo Rodríguez für die Nationalmannschaft im Einsatz gegen Slowenien.
Die Schweiz, das Land, in dem Fussballer professionell ausgebildet werden: Ricardo Rodríguez für die Nationalmannschaft im Einsatz gegen Slowenien.
Foto: Reto Oeschger

Der FC Basel und die Berner Young Boys haben in den vergangenen Jahren den Beweis angetreten, dass der Schweizer Spitzenfussball nicht bloss teures Steckenpferd für Mäzene oder Profilneurotiker sein muss, wie man noch in den Nullerjahren glaubte. Er bietet ein ideales Schaufenster für junge Profis, die international gescoutet und hier professionell aus- und weitergebildet werden. Die Ausbildung in der Schweiz gilt international als vorbildlich, was das «Fussballwunder» auf Ebene der Nationalmannschaft sichtbar machte. Wenn die Schweiz mit ihren gut acht Millionen Einwohnern auf Rang 12 der Weltrangliste steht, China mit 1,4 Milliarden Einwohnern auf Rang 69, dann hat dies aus chinesischer Sicht hier seinen Grund. Vorausgesetzt, dass GC sein Scouting und seine Juniorenausbildung weiter professionalisiert, sind die 20 Millionen im Campus Niederhasli zweifellos besser investiert als in den Transfer eines alternden europäischen Stars nach China.

3 Kommentare
    R.Baetscher

    Tolle Unterstützung aus China? Früher hies dies die „Gelbe Gefahr“. Scheint z.Z. mehr zuzutreffen als je zuvor. Was wird denn als auf der Seidenstrasse von Ost nach West gekarrt? Fussbälle u. Masken? FCZ genügt vollumfänglich.