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Eurovision Song ContestVom Flüchtlingskind zum Popstar

Tusse Chiza stammt aus dem Kongo. Nach Schweden kam er 2009 – als unbegleitetes Flüchtlingskind. Nun vertritt der 19-Jährige das Land beim ESC-Finale in Rotterdam.

Es gibt Leute, die behaupten, ein Sieg beim Melodifestivalen – dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) – sei oft schwieriger als einer beim Finale. Die Konkurrenz ist stark, nur die Iren haben den ESC öfter gewonnen als die Schweden. Das macht den Triumph des 19-jährigen Gymnasiasten Tusse Chiza gleich noch bemerkenswerter.

«Jetzt hat dieser träumende kleine Kerl sich Gehör verschafft», sagte Tusse Chiza der Zeitung «Dagens Nyheter» nach seinem Sieg, nachdem sein Song «Voices» beim Televoting eine Rekordzahl von fast drei Millionen Stimmen erhalten hatte, so viele wie keiner vor ihm. «Jetzt endlich ist es, als könntest du ihn hören, den kleinen Kerl, der schreit, um seinen sicheren Platz zu finden, und der ihn schliesslich gefunden hat.»

Der Traum kam zu ihm, da hiess Tusse noch Tousin und war auf der Flucht. Ein Fünfjähriger, den der Krieg im Kongo aus der Heimat vertrieb und von den Eltern trennte. Im Flüchtlingslager in Uganda besuchte er regelmässig den Gottesdienst und bewunderte den Pfarrer: «Das war der Einzige, der immer solo singen durfte. Also wollte ich seinen Job.» Singen wollte er von da an, auftreten.

Mit 17 gewann Chiza die Talentshow «Idol»

Nach Schweden kam Tousin Chiza 2009, da war er sieben Jahre alt: ein unbegleitetes Flüchtlingskind, Teil der Gruppe von Quotenflüchtlingen, die Schweden in jenem Jahr aufnahm.

Er lebte an verschiedenen Orten, bis ihn schliesslich 2015 eine Pflegefamilie im Weiler Tällberg aufnahm. Seine neuen Freunde gaben Tousin den Spitznamen «Tusse», seine neuen Eltern ermunterten ihn, Musik zu machen. 2019, mit 17 Jahren, gewann er die Talentshow «Idol». An diesem Melodifestivalen-Wochenende nun habe er wieder viel geweint, erzählte Tusse Chiza, auch aus Dankbarkeit darüber, «wie gut sich Schweden um mich gekümmert hat».

Dabei hat er die dunklen Momente nie verschwiegen. Die rassistischen Angriffe, das Mobbing in der Mittelschule. Tusse Chiza fühlte sich anders und oft ausgeschlossen, nicht nur seiner Hautfarbe wegen: Schon als kleines Kind, sagt er, habe er gern die Röcke seiner Mutter anprobiert. Und seit der fünften Klasse lackiert er sich die Fingernägel, was er im Schulbus und in der Kantine immer zu verstecken suchte.

«Schweden, lasst uns versuchen, brandneu anzufangen»: Tusse Chiza – inmitten seiner Tänzerinnen und Tänzer – feiert den Sieg beim Melodifestivalen.
«Schweden, lasst uns versuchen, brandneu anzufangen»: Tusse Chiza – inmitten seiner Tänzerinnen und Tänzer – feiert den Sieg beim Melodifestivalen.
Foto: Keystone

«Voices», das Siegerlied, sagte er einem Reporter, das sei für ihn auch «eine grosse fette Revanche an Machokultur und Rassismus». Eine Antwort auf all die Angriffe der Vergangenheit. «Ich möchte, dass alle wissen: Es ist eine Stärke, dass wir so unterschiedlich sind», sagte Tusse Chiza. Er wolle auf der Bühne das Anderssein feiern: Geschlechternormen herausfordern mit Kleidung und Auftreten.

Und weil einige stets Probleme mit seiner Hautfarbe hatten, «sollten auch die Tänzer auf der Bühne so aussehen wie ich. Das sollte Tusse mal hundert und mal tausend sein. Es sollte meine verdammte Rache sein.» Als er nach seinem Sieg am Samstag auf die Bühne trat, um «Voices» ein zweites Mal zu singen, da rief er dem Publikum unter Anspielung auf eine Liedzeile zu: «Ich meine es ernst, Schweden, lasst uns versuchen, brandneu anzufangen.»

Mit seinem Charme erobert er die Schweden

Dass die Schweden Tusse Chiza nun in ihr Herz geschlossen haben, liegt vermutlich mehr am Charme des jugendlich-unbedarft daherkommenden Schülers und Sängers als an dem musikalisch doch eher konventionellen Siegerlied. Zwar verkündete Tusse Chiza am Wochenende, jetzt wolle er mindestens Weltstar werden, gleichzeitig aber fragte er vor der Kamera besorgt nach, ob man ihm denn auch wirklich den Rückflug vom ESC-Finale in Rotterdam bezahlen werde, sollte er seinen Auftritt dort versemmeln.

Und als der TV-Reporter ihn unmittelbar nach seinem Sieg fragte: «Und was kommt als Nächstes?», da sagte Tusse Chiza: «Ich muss am Montag eine Biologie-Hausaufgabe abgeben.»

3 Kommentare
    Danny M.

    Schöne Erfolgsstory. Was mich aber zunehmends in unserer Gesellschaft stört ist, dass es immer überall noch einen politisches Statement geben muss. Nein, es reicht nicht, dass der Typ gut singen kann und deswegen für den ESC selektiert wurde. Er ist halt “öppis Bsundrigs”. Ich mag ihm die Selektion gönnen, frage mich aber, ob sich andere Schwedische Künstler wegen dieser linken moralische überlegenen Ideologie (es gibt viele, z.B. Weisse, die ein Gedicht von einer Schwarzen angeblich nicht richtig übersetzen können, etc.) benachteiligt fühlen..?