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ModernisierungVom Fortschritt verdrängt

Touchscreen, Apple CarPlay oder Pannenset: Die schnelle Entwicklung in der Branche hat manch lieb gewonnenes Detail aus unseren Autos verbannt.

Tasten für die Klimaanlage, Hebel für die Handbremse oder ein CD-Laufwerk – in der neuen Mercedes-S-Klasse gibt es diese Dinge nicht mehr.
Tasten für die Klimaanlage, Hebel für die Handbremse oder ein CD-Laufwerk – in der neuen Mercedes-S-Klasse gibt es diese Dinge nicht mehr.
Foto: Daimler AG

Der stete Fortschritt im Automobilbau hat uns viele Verbesserungen beschert. Allein der Sicherheitsgewinn durch das Antiblockiersystem oder den Schleuderschutz ESP kann nicht hoch genug bewertet werden. Doch nicht jeder Fortschritt geht auch konsequent mit Vorteilen einher. Die Entwicklung in der Branche hat manch lieb gewonnenes Detail aus unseren Autos verdrängt.

Wer es zum Beispiel gewohnt ist, zur musikalischen Unterhaltung CDs einzulegen, der wird von neuen Autos enttäuscht sein: Deren fest installierte Audiosysteme verzichten schon seit Jahren auf Lesewerke für die Compact Disc. Mittlerweile sind Musikanlagen dafür mit allerlei Konnektivitätstechnik gerüstet, was es den Insassen erlaubt, ihre Lieblingshits aus dem Internet oder von Smartphones abzuspielen. Wer seine Musik allerdings nicht als Dateien auf dem Handy speichert oder ein Spotify-Abo besitzt – solche Zeitgenossen soll es noch geben –, hat allen Grund, das Aussterben der CD-Laufwerke zu bedauern.

Ersatzrad ist eine Seltenheit

Die Qualität der Pneus hat sich in den letzten Jahrzehnten in mehrfacher Hinsicht verbessert. Unter anderem sind die Reifen nicht mehr so anfällig für Platten wie früher. Dennoch kommen auch heute noch Reifenpannen vor. Um diese zu beheben, finden sich in neuen Autos meist nur noch sogenannte Pannensets, mit denen sich zumindest kleinere Löcher notdürftig abdichten lassen. Klappt es mit der Abdichtung im Pannenfall, darf man mit dem provisorisch geflickten Reifen noch bis zur nächsten Werkstatt fahren, welche allerdings um zwei Uhr nachts nur in den seltensten Fällen geöffnet hat. Wohl dem, der auf ein Ersatzrad zurückgreifen kann.

Handbremsen sind in neuen Autos zumeist elektrisch, was gleich mehrere Vorteile bietet: In der Mittelkonsole gibt es nur noch einen kleinen Schalter statt einer grossen Seilzug-Hebelanlage. Der Verzicht auf Letzteres schafft zudem zwischen den Vordersitzen mehr Platz für Ablageflächen, Bedientasten oder Getränkehalter. Eine derart aufgeräumte Mittelkonsole sieht zudem besser aus. Schliesslich können die elektrischen Stopper ein Sicherheitsgewinn sein, sofern sich diese beim Parken automatisch aktivieren.

Die Digitalisierung der Auto-Cockpits schreitet immer weiter voran. Riesige Touchscreens, auf denen fast die gesamte Bedienung des Fahrzeugs vorgenommen wird, kamen mit den Tesla-Modellen auf und sind heute gross in Mode. Einen Paradebeispiel dieser Entwicklung ist auch der Arbeitsplatz der frisch vorgestellten S-Klasse von Mercedes-Benz: Der riesige Touchscreen in der Mittelkonsole sieht fraglos schick aus und bietet viele neue Möglichkeiten in der Nutzung, gleichzeitig verschwinden durch diese Bedienlogik viele Direktwahltasten und Drehregler. Kommt man etwa während der Fahrt plötzlich in ein Regengebiet und es wird im Innenraum eines Automobils schlagartig kühler, reichte früher ein kurzer Dreh am Knopf, um die Temperatur Richtung Wohlfühlzone zu trimmen. Heute muss man dafür in manchen Autos erst auf dem Touchscreen in ein entsprechendes Menü wechseln und dann auf dem Bildschirm die Temperatur einstellen. Der Fahrer ist dadurch stark abgelenkt, was sich massiv auf die Sicherheit auswirkt.

Schweizer Erfindung verschwindet

Anfang der 1880er-Jahre hatte der Schweizer Friedrich Wilhelm Schindler eine zündende Idee: unter Einfluss von Strom eine Metallspirale zum Glühen zu bringen, um dann mit dieser die damals beliebten Zigarren entzünden zu können. In den 1920er-Jahren wurde diese epochale Innovation erstmals in Autos montiert. Über Jahrzehnte hinweg gehörten sie dann sogar in fast jedem Auto zu Standardausstattung. Doch der seit Jahrzehnten geführte Kampf gegen den Tabakkonsum hat längst auch die Ausstattungswelten von Neufahrzeugen erfasst: Zigarettenanzünder wie Aschenbecher sind eigentlich nicht mehr vorgesehen. Stattdessen finden sich in den Cockpits USB-Ports und Getränkehalter. Einige Hersteller bieten immerhin als Extra noch Raucherpakete an. In vielen Fällen ist der Aschenbecher allerdings nur noch ein kleines Minifass mit Deckel, welches locker in den Getränkehalter gesteckt wird. Einer solchen Aschenbecherdose fehlen nicht nur der Zigarettenanzünder, sondern auch die Beleuchtung, die unter anderem für höhere Trefferquoten beim «Abaschen» in der Dunkelheit sorgt.

Verschwinden bald auch die Aussenspiegel? Der Audi E-Tron oder der Honda-e machen es vor und verwenden stattdessen Kameras.
Verschwinden bald auch die Aussenspiegel? Der Audi E-Tron oder der Honda-e machen es vor und verwenden stattdessen Kameras.
Foto: Audi
Aschenbecher und Zigarettenanzünder gehörten früher zum Standard, in modernen Autos sieht man sie kaum noch.
Aschenbecher und Zigarettenanzünder gehörten früher zum Standard, in modernen Autos sieht man sie kaum noch.
Foto: zvg
Handbremsen sind in neuen Autos zumeist elektrisch. Damit gehört der Hebel zwischen den Vordersitzen zum Alteisen.
Handbremsen sind in neuen Autos zumeist elektrisch. Damit gehört der Hebel zwischen den Vordersitzen zum Alteisen.
Foto: ADAC
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Aus Kostengründen ist in vielen modernen Autos der Haltegriff verschwunden, was eine klare Komforteinbusse ist und gerade von älteren Menschen beim Ein- und Aussteigen vermisst wird. Und der Blick nach vorn zeigt, dass noch weitere altbekannte Details aus unseren Autos verschwinden werden: Bereits heute werden etwa in einigen Modellen die klassischen Aussenspiegel durch Kameras ersetzt, die ihr Bild auf kleinen Monitoren in den A-Säulen anzeigen. Zumindest beim aktuellen Stand der Technik ist dieser «Fortschritt» ein klarer Rückschritt.

14 Kommentare
    galzer

    Wo sich der moderne Autobau auf der Holzstrasse befindet ist definitiv da, wo jeder Schalter, der mir eine Rückmeldung über die Haptik gab ersetzt wird durch Sensortasten ohne Rückmeldung. Folge: Der Autofahrer muss immer die Blicke von der Strasse abziehen um festzustellen, ob er die Heizung, das Navi oder gar die Rückfahrkamera betastet hat.

    Ebenso sind die elektronischen Helfer oft einfach nicht wirklich brauchbar, z. B. Tempomat in Kombination mit Distanzhalter. Zu viele Fehlfunktionen einfach deshalb, weil der Sensor der das überwacht keinen Verkehrssinn hat.

    Oder die Tempoanzeigen, kamerabasiert, tönt vernünftig, wenn die Kameras die Signale lesen könnten. Da werden Schilder nicht gesehen, es werden die Geschwindigkeitstafeln der SBB gelesen und dann angezeigt oder aus dem Nichts Tempo 30 auf der Autobahn. Freude herrscht, nein es nervt einfach nur!