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Flucht aus VenezuelaVom Lockdown in den Ruin

Millionen Venezolaner suchen in anderen Ländern Lateinamerikas ein besseres Leben. Die meisten kommen gerade so über die Runden. Nun kostet sie das Coronavirus das, was sie sich in der Fremde aufgebaut haben.

Vor zwei Jahren nach Peru geflüchtet, von dort weiter nach Kolumbien: Famile Hernandez aus Mérida campiert mit anderen venezolanischen Migranten in Bogotá (10. Juni 2020).
Vor zwei Jahren nach Peru geflüchtet, von dort weiter nach Kolumbien: Famile Hernandez aus Mérida campiert mit anderen venezolanischen Migranten in Bogotá (10. Juni 2020).
Foto: Fernando Vergara (AP, Keystone)

Am Ende des Gesprächs holt Ruby Gonzalez Finol noch schnell ihre Tochter ans Telefon. «Zeig mal, wie wir immer Süssigkeiten verkauft haben», sagt sie. Prompt legt das Mädchen los: «Bonbons! Bonbons!», schreit es, so laut, dass auf der anderen Seite der Leitung der Hörer vibriert. Die Tochter sei eine grosse Hilfe gewesen, erklärt Gonzalez, damals in den Strassen von Callao, Peru.

Eine gefühlte Ewigkeit ist das her, und einfach war das Leben auch da nicht, erst recht nicht für venezolanische Flüchtlinge. Manchmal aber klingt es, als ob sie von der guten alten Zeit erzählt, immerhin konnten sie, ihre Tochter und ihr Sohn damals noch auf die Strasse. Nun sitzen sie tagein, tagaus in dem kleinen Zimmer, das sie sich mit den Eltern teilen. «Jeder Schritt vor die Tür ist ein Risiko», sagt Gonzalez.

Es ist fast ein halbes Jahr vergangen, seit am 6. März dieses Jahres in Peru die erste Infektion mit dem neuartigen Coronavirus offiziell registriert wurde. Seitdem hat der Erreger kaum irgendwo in Südamerika so gewütet wie hier. Über eine halbe Million Menschen haben sich infiziert. Bei gerade einmal 32 Millionen Einwohnern, und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Kliniken sind überlastet, nicht einmal Flaschen mit Sauerstoff für die Versorgung der Patienten zu Hause gibt es.

Millionen verliessen ihre Heimat

Und auch die, die von der Seuche verschont geblieben sind, stehen nach Monaten des Lockdowns vor dem Ruin. Hunderttausende haben ihre Jobs verloren, die Lage ist katastrophal, besonders schwer aber trifft es Menschen wie Ruby Gonzalez Finol: Wie Millionen andere Flüchtlinge aus Venezuela war sie der Armut und Not in ihrer Heimat entflohen. Sie gingen nach Kolumbien, Ecuador, Chile, Brasilien, Argentinien und eben auch Peru. Doch das Wenige, was sie sich in der Fremde aufbauen konnten, droht das Virus nun wieder zu zerstören.

Venezolanische Migranten erhalten Essen von einer spanischen Nichtregierungsorganisation in Lima, Peru (30. März 2020).
Venezolanische Migranten erhalten Essen von einer spanischen Nichtregierungsorganisation in Lima, Peru (30. März 2020).
Foto: Rodrigo Abd (AP, Keystone)

Ein Jahr und drei Monate ist es her, seit Gonzalez, ihr Mann und die beiden Kinder angekommen sind. Sieben Tage Busfahrt hatten sie da hinter sich. Mehr als ein paar Klamotten und eine Luftmatratze hatten sie nicht dabei – dafür aber grosse Hoffnungen auf ein Leben, das besser sein sollte als ihr Leben dort, wo sie hergekommen waren. Schlimmer könnte es jedenfalls nicht werden, so dachten sie damals.

31 Jahre alt ist Gonzalez, sanfte Stimme und streng nach hinten gebundener Pferdeschwanz. Durch die Handykamera sieht sie ein bisschen aus wie eine Büroangestellte. Tatsächlich war sie das auch lange. Mit 15 hatte Gonzalez eine Ausbildung begonnen, danach Verwaltung studiert und dann bei einer Kommunikationsfirma gearbeitet, «so richtig mit Kostüm und hochhackigen Schuhen», sagt sie. Gonzalez kommt aus Maracaibo, der zweitgrössten Stadt Venezuelas und ein Zentrum der Erdölindustrie.

«Ich wusste gar nicht, was Hunger ist.»

Ruby Gonzalez Finol über ihre Kindheit

Venezuela verfügt über die grössten bekannten Ölreserven der Welt, lange haben sie zumindest einem Teil der Menschen in dem Land Wohlstand beschert. Gonzalez’ Vater betrieb eine gut gehende Bäckereikette. Als sie ein Kind war, habe es immer genug zu essen gegeben, sagt sie: «Fisch, Fleisch, Reis, Bohnen: Ich wusste gar nicht, was Hunger ist.»

Doch Ende der Nullerjahre begann der Ölpreis zu schwächeln, gleichzeitig brach wegen Misswirtschaft, Korruption und einem Embargo der USA die Erdölförderung in Venezuela zusammen. Der Staat musste Schulden aufnehmen, es folgte eine Hyperinflation. Die Regale in den Supermärkten wurden immer leerer. «Am Schluss hatten wir wochenlang keinen Strom, kein Wasser, nichts zu essen», sagt Gonzalez.

Fünf Millionen Venezolaner haben seit 2015 ihr Land verlassen. Es ist die grösste Fluchtbewegung in der Geschichte Südamerikas. Gonzalez’ Bruder ging nach Chile, ihre beiden Schwestern nach Peru. Irgendwann beschlossen sie und ihr Mann, auch fortzugehen. So landeten sie 2019 in Callao, einer Hafenstadt in Peru, deren Strassen und Häuser mit der Hauptstadt Lima zu einem Moloch verschmolzen sind. Ihr Mann fand einen Job in einer Gemeinde, zweieinhalb Stunden Fahrt hin, ebenso lang zurück. Die Bezahlung war schlecht, der Vertrag immer nur einen Monat gültig, aber immerhin reichte das Geld für die Miete.

Gonzalez selbst suchte dagegen vergeblich. Am Ende beschloss sie, Bonbons auf der Strasse zu verkaufen, wie so viele andere Flüchtlinge auch. «Natürlich, das war furchtbar», sagt sie. Ihre beiden Kinder musste sie immer mitnehmen, damit sie nicht allein blieben. Aber sie hatten genug zu essen, konnten sich eine Matratze kaufen und einen alten Fernseher.

«Corona hat alles wieder zunichte gemacht.»

Ruby Gonzalez Finol über den Neustart in Peru

«Ich dachte, es geht jetzt ein bisschen aufwärts», sagt Gonzalez. «Aber Corona hat alles wieder zunichte gemacht.» Als das Virus kam, verhängte die peruanische Regierung eine der schärfsten Ausgangssperren der ganzen Region. Soldaten patrouillierten auf den Strassen, von einem Tag auf den anderen brach Gonzalez der Verdienst weg. Der ihres Mannes wurde gekürzt, die Miete konnten sie bezahlen, Geld für Lebensmittel aber blieb nicht. Sie hätten damals viel geweint und gestritten. «Das war eine harte Zeit», sagt Gonzalez.

Bald machten Geschichten von venezolanischen Flüchtlingen die Runde, die vor lauter Verzweiflung wieder in ihre zerstörte Heimat gingen. Tatsächlich sind seit dem Beginn der Pandemie vermutlich rund 90’000 Venezolaner zurückgekehrt – ein Beweis dafür, wie katastrophal die Lage in vielen Ländern Lateinamerikas ist.

Angst vor einer Rückkehr

Am Anfang begrüsste die sozialistische Regierung in Caracas die Rückkehrer auch noch überschwänglich, waren sie doch ein Beleg dafür, dass auch im Kapitalismus nicht alles besser und manches sogar schlechter ist. Mittlerweile aber hat Venezuela seine Grenzen weitgehend geschlossen, aus Angst, dass Heimkehrer das Virus mitbringen und noch weiter verbreiten könnten. Es bleiben nur die Schleichwege zurück über die Grenze. Die aber sind gefährlich, es lauern dort Diebe und Kriminelle. Und so bleiben die meisten Venezolaner trotz allem dort, wo sie gerade sind.

Auch Gonzalez und ihre Familie müssen weiter in ihrem kleinen Zimmer ausharren, in einer Wohnung, die sie sich mit fünf anderen teilen. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben der Sohn und die Tochter die Wohnung kaum verlassen. Gonzalez und ihrem Mann dagegen bleibt kaum etwas anderes übrig, als arbeiten zu gehen, trotz immer weiter steigender Infektionszahlen. Ersparnisse hatten sie schon nicht, als sie in Peru ankamen.

Eine venezolanische Mutter mit ihrem Neugeborenen in einer Flüchtlingsunterkunft am Rande der peruanischen Hauptstadt Lima (22. April 2020).
Eine venezolanische Mutter mit ihrem Neugeborenen in einer Flüchtlingsunterkunft am Rande der peruanischen Hauptstadt Lima (22. April 2020).
Foto: Rodrigo Abd (AP, Keystone)

Viele Venezolaner machten mittlerweile Jobs, die Peruanern in der Pandemie zu gefährlich sind, sagt Erika Collado von der Hilfsorganisation Helvetas, die sich in Callao um die Flüchtlinge kümmert. Die Ansteckungsraten seien bei ihnen vermutlich noch höher als in der restlichen Bevölkerung, genau aber könne man das nicht sagen. «Viele gehen gar nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, sich in einer Klinik erst recht anzustecken.» Zu Hause in Quarantäne zu bleiben, könne sich aber auch niemand leisten. Und so verbreitet sich das Virus immer weiter.

Helvetas versucht, die Migranten mit Hilfszahlungen zu unterstützen. Auch Ruby Gonzalez Finol hat Hilfe von der Schweizer Organisation bekommen, nur so konnte sie überhaupt die Quarantäne überstehen, sagt sie. Mit dem Geld konnte sie endlich Essen kaufen, dazu noch ein paar Thermoskannen. Auf dem Markt von Callao bietet sie nun Kaffee und Gebäck an. Das bringe mehr Geld ein als Bonbons.

Das Virus lauert noch immer da draussen. Vor Kurzem erst sind ein Onkel ihres Mannes und dessen Sohn an Covid-19 gestorben. Und auch sie habe Angst – um sich, aber auch um ihre Kinder. «Wenn mir etwas zustösst: Was soll dann aus ihnen werden?»