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«Von Spinnen gebissen»

Ans EWZ-Unplugged-Festival kommt eine Band, die die salentische Pizzica zelebriert. Der «Züritipp» hat sich den Stil und seine Herkunft von einem Kenner erklären lassen.

Und jetzt ab in die Trance! Tänzerin Silvia Perrone und Musiker der Band.
Und jetzt ab in die Trance! Tänzerin Silvia Perrone und Musiker der Band.

Wie wird der italienische Stiefel­absatz, das Salento, im Rest Italiens gesehen?

Lange Zeit war das Salento eine ein wenig vergessene Region. Aber in den letzten Jahren hat ganz Apulien einiges in die Eigenwerbung investiert. Mit Erfolg: 2014 urlaubten dort die meisten Italiener, die im eigenen Land Ferien machten. Die Musik spielt da eine wichtige Rolle.

Inwiefern?

Jedes Jahr im August gibt es im Salento ein Pizzica-Festival. Es macht jedes Wochenende an einem anderen Ort Station und ist über die ­Jahre stark gewachsen. Zum Finale, nach Melpignano, kommen heute bis zu 150'000 Besucher. Dort treten auch Künstler, die eigentlich mit der Pizzica nichts zu tun haben wie etwa Gianna Nannini oder Stewart Copeland, mit den einheimischen Musikern auf.

Woher kommt der Name Pizzica?

Der Ursprung liegt im 15. Jahrhundert. «Pizzicato» heisst eigentlich «gestochen». Die Legende sagt, dass Frauen, die auf dem Land arbeiteten, häufig von Spinnen gebissen wurden. Deshalb sollen sie in eine Art Trance gefallen sein und frenetisch zu tanzen begonnen haben. Man hat dann zu diesem Tanz zunächst Tamburin und Gesang, später auch Flöte, Gitarre und Akkordeon hinzugefügt. Es ist eine furiose Musik mit einem charakteristischen Rhythmus.

Ist es für süditalienische Musik typisch, dass Frauen eine zentrale, sehr selbstbewusste Rolle einnehmen?

Durchaus. Die Frauen singen und tanzen, die Männer spielen eher im Hintergrund die Instrumente. ­Wobei sich die Pizzica über die Jahre zu einem Umwerbungstanz verändert hat. Die Frauen haben ein Taschentuch und reizen ­die Männer, diese setzen sich in Szene, täuschen Umarmungen vor, dürfen die Frauen aber nicht berühren.

Mich hat der Rhythmus an arabische oder orientalische Musik erinnert. Gibt es Verbindungen?

Nicht eindeutig. Aber es gab immer Kontakte über die Adria hinweg, und über Jahrhunderte waren Griechen und Byzantiner im Salento heimisch.

Wird die Pizzica immer wieder erneuert, oder spielt man die alten Melodien nach?

Es gibt beides. Die alten, traditionellen Liebeslieder, aber auch die Vermischung mit Pop-Stilen wie Reggae, Rap oder Funk. Die bekannteste neuere salentinische Band, die so etwas macht, sind Sud Sound System, die auch schon in Zürich gespielt haben.

Vor einigen Monaten haben Canzoniere ­Grecanico Salentino, die Band, die jetzt nach Zürich kommt, ein Video mit Unterstützung von Amnesty International produziert. Es geht darin um die Aufnahme von afrikanischen Flüchtlingen. Gelten CGS als politische Band?

Bisher nicht. Sie waren bekannt dafür, die Pizzica in die Welt hinauszutragen. Allerdings sind die Flüchtlinge in Süditalien ein prägendes Thema. Man hört am meisten von Lampedusa, aber auch im Salento, in Brindisi, in Gallipoli, treffen viele Flüchtlingsboote ein.

Weitere Konzerte EWZ Unplugged: Do Herbert Pixner Projekt Sa Lisa Ekdahl Beide 20 Uhr, EWZ-Unterwerk Selnau

tipp