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Überalterung in AsienIn Japan müssen die Rentner ran

Die Bevölkerung altert und schrumpft in Japan schneller als irgendwo sonst. Aber wer macht dann die ganze Arbeit im Land? Die Rentner natürlich.

Das Rentenalter lag in Japan mal bei 55 Jahren. Lange her. Inzwischen ist es auf 65 gestiegen. Die Ersten reden schon von 75.
Das Rentenalter lag in Japan mal bei 55 Jahren. Lange her. Inzwischen ist es auf 65 gestiegen. Die Ersten reden schon von 75.
Foto: Franck Robichon (EPA)

Fisch und Bäume muss man mit derselben Sorgfalt schneiden. Das hat Toyoki Yamada auch erst spät gelernt. Er war schon über 60, als er seinen Sushi-Laden in Kochi schliessen musste und auf Vermittlung des städtischen «Zentrums für silbernes Humankapital» eine Ausbildung zum Gärtner begann. Jetzt ist Toyoki Yamada 70. Er sagt: «Wenn ich die Bäume an den Schulen schöner mache oder die im Park, habe ich das Gefühl, dass ich einen Beitrag für die Stadt leiste.»

Seniorenalter und beruflicher Neuanfang, das ist für ihn kein Widerspruch. Toyoki Yamada ist ein moderner japanischer Leistungsträger. Er mag nicht mehr ganz so beweglich sein wie früher. Unter seinen Augen hängen Tränensäcke, sein Lächeln wirkt etwas matt. Aber er ist gesund, seine Schritte sind fest. Und wenn er den Gürtel mit seinen Gärtnerwerkzeugen anlegt, den Helm über sein kurzes, noch ziemlich volles Haar drückt, spürt man, wie gern er sich von einem Rentner in einen Mann mit Aufgabe verwandelt.

Leute wie ihn braucht das Land, denn Japan hat ein Problem, das fast jeden Aspekt des Lebens dort beeinflusst. Die Gesellschaft im Inselstaat altert und schrumpft so schnell wie keine andere auf der Erde. Dass Japan den sogenannten demografischen Wandel so stark spürt, hat wohl auch damit zu tun, dass man hier lange dachte, sich selbst zu genügen. Es gab kaum Zuwanderung und so gut wie keine Flüchtlingspolitik, die mehr Menschen hätte bringen können. Jetzt hat Japan etwas aufzuholen. Die Zahlen sind eindeutig.

28,4 Prozent aller Japaner sind über 65. Weltrekord.

2018 waren nach Regierungsdaten von den 126 Millionen Japanern 28,4 Prozent 65 oder älter - Weltrekord. Das japanische Forschungsinstitut für Bevölkerung und soziale Sicherheit folgert: «Gemäss den demografischen Realitäten steht Japan vor enormen Herausforderungen.» Arbeitskräftemangel und wachsende Altersarmut gehören längst zur Wirklichkeit des Inselstaats.

Die Rentner müssen also ran. Toyoki Yamada nimmt die Herausforderung an. Er ist so etwas wie ein Musterjapaner: nicht sehr gross, trotzdem stattlich. Sanft, aber selbstbewusst. Er lebt in der Präfektur Kochi, die an der sichelförmigen Südküste der Insel Shikoku liegt.

Toyoki Yamada (70) war sein Leben lang Sushi-Koch, jetzt arbeitet er als Gärtner. Auch, weil er umgerechnet nur 441 Franken Rente bekommt.
Toyoki Yamada (70) war sein Leben lang Sushi-Koch, jetzt arbeitet er als Gärtner. Auch, weil er umgerechnet nur 441 Franken Rente bekommt.
Foto: Thomas Hahn

Sein Gleichmut scheint nicht zur Gesamtsituation zu passen. Japan stirbt aus, ist das nicht ein riesiges Problem? Und Kochi ist ein Hotspot des demografischen Wandels. In der Präfektur greift die Logik der strukturschwachen Region: Die Löhne sind schlecht, die Fremde bietet bessere Chancen, also zieht die Jugend weg. Zurück bleiben offene Stellen, Unternehmer ohne Nachfolger, kinderlose Gemeinden, verwilderte Äcker.

Die Überalterung findet Toyoki Yamada «nicht so besonders traurig». Es ist wieder so ein Moment, in dem man sich fragt, ob dieser Optimismus toll oder weltfremd ist. Oder ob er vielleicht sogar erklärt, warum die Japaner das älteste Volk der Welt sind.

Shoganai – kann man nichts machen

Widerspruch gehört nicht zur japanischen Kultur. Jeder Einzelne hat hier im Gefüge des grossen Ganzen zu funktionieren. Die Mächtigen sind weit weg, die Hierarchien starr, und gegen die Naturgewalten kann man ohnehin nichts machen. Also schonen sich viele Japaner lieber, statt sich aufzuregen. Shoganai, sagen sie, kann man nichts machen.

Toyoki Yamada sagt: «Ich klettere auf die Bäume, viel besser als jüngere Menschen.» In seiner brüchigen Stimme schwingt die Kühnheit eines Grossvaters mit, nicht einmal die Pandemie hat ihn gross verunsichert. Die Auftragslage war gut, die Bäume wachsen auch in Zeiten von Corona. Ausserdem ist er alt und braucht das Geld.

Japans rechtskonservativer Premierminister Shinzō Abe hat diverse Initiativen gestartet, um den demografischen Wandel abzuschwächen. Auf manche hätte man auch ohne Überalterung kommen können, etwa auf Abes Programm «Womenomics». Das hat mehr Frauen in Jobs gebracht, allerdings ohne viel zur Gleichstellung beizutragen. Seit 2019 gibt es ausserdem ein neues Visum, das bis 2024 insgesamt 345’000 Ausländer ins Land locken soll; sie müssen Japanisch können und nach fünf Jahren wieder gehen. Der Roboter als Arbeitskraft gehört übrigens auch zum Plan.

Aber besonders wichtig für die japanische Zukunft ist eben jene Personengruppe, die nicht mehr viel Zukunft vor sich hat: die Alten.

Das «Zentrum für silbernes Humankapital»

Das Rentenalter lag in Japan mal bei 55 Jahren. 2013 stieg es von 60 auf 65, aber das reichte immer noch nicht. Das Arbeitsministerium in Tokio informiert, dass die Regierung an einem Gesetzentwurf für die Rente mit 70 arbeite. Erst im Februar verabschiedete das Kabinett die höfliche Aufforderung an die Unternehmen, ihren Arbeitskräftemangel auch mit Leuten über 65 zu bekämpfen. Und die Unternehmen machen mit. Sie passen Arbeitsplätze an und rechnen zur Not auch mal mit ein, dass ein älterer Neuling etwas langsamer ist.

Dass alle Kraft bei der Jugend läge, ist in Japan eine Haltung von gestern. Viele Familienbetriebe in Kochi wären tot, wenn nicht alte Bauern und Fischer einfach immer weitermachen würden. Und damit die Alten sich auf dem Senioren-Arbeitsmarkt orientieren können, gibt es private oder öffentliche Vermittlungsagenturen.

Ein «Zentrum für silbernes Humankapital" gibt es zum Beispiel nicht nur in Kochi. Fast jede Stadt in Japan hat sie übernommen und bekommt so Personal für Arbeiten, für die sie nicht genügend Leute hat: Räume reinigen, Schiebetüren ausbessern, den Gemeindebus fahren, Bäume schneiden.

600’000 Yen Jahresrente, knapp 5300 Franken

In einem Seminarraum in Kochi sitzen Toyoki Yamada und zehn weitere Senioren. Alle sind Mitglieder des Silber-Zentrums. Früher waren sie Schuldirektor, Hochzeitsplaner, Bankier, Krankenschwester. Jetzt arbeiten sie als Arbeitsvermittler, Reinigungskraft oder eben Gärtner.

Links im Raum sitzt ein ergrautes Quartett, einträchtig und selbstbewusst. «Wir machen den Fahrradparkplatz», sagt einer, «reinigen, Anweisungen geben, damit die Leute den Parkplatz ordentlich benutzen.» Die anderen hören zu. Sie sitzen da wie Mitglieder einer Gang, die für Ordnung sorgt. Keiner von ihnen ist unter 70 Jahre alt.

Spass, Gesundheit, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten: Deshalb arbeiten sie, sagen sie. Arbeitet auch jemand wegen des Geldes? Nur einer hebt die Hand: Toyoki Yamada, der Sushi-Koch, der inzwischen Bäume schneidet.

«Sie haben das Leben, das sie jetzt haben, und wenn sie damit zufrieden sind, ist alles okay.»

Toyoki Yamada, Gärtner

Nach der Mittelschule ist er einst nach Osaka ausgewandert. Er landete bei einem Sushi-Meister, lernte seine Frau kennen, kehrte nach Kochi zurück und eröffnete dort seinen Laden. Nach 37 Jahren machte er ihn zu. Es war klar, dass keines seiner Kinder das Geschäft weiterführen würde. Er selbst war angeschlagen. Toyoki Yamada macht eine Handbewegung, als würde er ein Glas leeren. Er trank zu viel mit den Gästen. Also Schluss - und Neuanfang.

Yamada beschwert sich nicht. Aber bei 600’000 Yen Jahresrente, knapp 5300 Franken, muss man nicht lange rechnen. «Ich habe in der Ausbildung fünf Jahre lang nicht in die Rentenkasse gezahlt», sagt er zur Entschuldigung seines Staates. Und weil er selbständig war, steht ihm nur die Nationalrente zu, nicht auch die Sozialrente, wie bei Beamten oder Angestellten.

Auf Empfehlung eines Gastes meldete er sich beim «Zentrum für silbernes Humankapital» an, zupfte erst mal Unkraut und lernte nach und nach, wie man Kiefern in Form bringt. Als selbständiger Seniorengärtner verdiene er heute etwa zwei Millionen Yen im Jahr, 17’600 Franken.

Die Alten werden gebraucht in Japan. Das ist eine schöne Botschaft aus Fernost, die im Widerspruch steht zum Jugendwahn westlicher Gesellschaften, in denen man Senioren oft als verbraucht oder rückwärtsgewandt abtut. Auf der anderen Seite verlangt man in Japan sehr viel von Menschen wie Toyoki Yamada: Sie sollen das geplatzte Rentensystem auffangen und den fehlenden Nachwuchs ersetzen.

Toyoki Yamada ist kein grosser Erzähler. Kein Schwärmer. Kein Kritiker. Er fühlt sich auch nicht umgeben von grossen Erzählern, Schwärmern, Kritikern. Die Alten von Kochi? «Sie haben das Leben, das sie jetzt haben, und wenn sie damit zufrieden sind, ist alles okay.» Für ihn ist es okay. Er hat eine Tochter, zwei Söhne, fünf Enkelkinder, eine schlechte Rente und einen Job. Er ist ein Held des schrumpfenden Japan und noch nicht am Ende. Toyoki Yamada will Bäume schneiden, bis er 80 ist. Mindestens.