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Von werten Fräuleins und wackeren Eidgenossen

Wenn man bloss Uhren, Alphörner und Käse erwartet, werde man von der «echten» Schweiz enttäuscht, schreibt Charlotte Theile.

Charlotte Theile lebte vier Jahre in Zürich. Foto: Urs Jaudas
Charlotte Theile lebte vier Jahre in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Wenn es zwei Begriffe gibt, vor denen ich mich in den letzten Jahren gefürchtet habe, waren das «Wacker» und «Eidgenossen», im schlimmsten Fall: eine Kombination aus beiden. Sie klingen nicht nur, als kämen sie aus einer Zeit, in der man Leserbriefe ohne Probleme mit der Anrede «Wertes Fräulein Theile» beginnen konnte. Sie beschreiben auch einen Blick auf die Schweiz, den wohl niemand interessant findet, der je versucht hat, die Realität zu beschreiben. Trotzdem hält sich diese Weltsicht irgendwie am Leben.

Es ist eine Welt, in der die Schweiz fast ausschliesslich von Kühen bewohnt wird. Wenn sich doch einmal ein Mensch ins Bild schleicht, ist von ihm nur der linke Unterarm zu sehen, daran eine mechanische Uhr im Gegenwert eines Mittelklassewagens. Dichte Haare auf dem Unterarm signalisieren, dass es sich um einen Mann handelt. Schweizer Frauen sind nie zu sehen. Der Mann mit der Uhr geht keiner Arbeit nach. Auch sieht man ihn niemals beim Abwaschen, Rasenmähen oder Meditieren.

In Konflikt mit den Klischees

Um zur Ruhe zu kommen, streicht er hin und wieder über Goldbarren oder feinste Milchschokolade. Im Winter sieht man ihn manchmal, wie er akkurat geschnittene Brotwürfel ins Fondue tunkt. Ganz selten aber überkommt es ihn. Dann greift er zum Alphorn, zur Armeewaffe oder zur Schweizer Flagge und wirft diese entweder von einem Berg – oder bringt sie neben einer Kuh in Stellung.

Und obwohl ich für eine unglaublich offene, kluge und interessierte Redaktion geschrieben habe, bin ich bei einigen Texten mit diesen Klischees in Konflikt geraten. Dass ein Kollege «wackere Eidgenossen» in meine Artikel schreiben wollte, kam zum Glück nie vor. Das Bild der «helvetischen Eigenarten», die in ihrer Eigenartigkeit kaum grösser sein könnten, hielt sich dagegen ebenso hartnäckig wie die Fotos von Kühen, Goldbarren und vom Berg fliegenden Schweizer Flaggen. Wirklich gefreut habe ich mich darüber nur einmal: als es tatsächlich um Kühe ging. Die Hornkuhinitiative gelangte vor einigen Monaten sogar auf das Titelbild der «Süddeutschen Zeitung».

Für die Kollegen in München waren meine Texte trotzdem dankbar: Wenn einem gar nichts einfiel, konnte man sie immer noch mit einer Kuh bebildern.

Ansonsten habe ich versucht, die Schweiz als «normales Land» zu zeigen. So richtig exotisch kam es mir in Zürich auch nicht vor. Es gibt zwar häufiger Käse, als man das in Deutschland gewohnt ist, in Politik und Gesellschaft dagegen schienen mir die Konflikte oft ähnlich: Es wird über nationale und regionale Identitäten diskutiert, über die Frage, wie man in einer globalisierten Welt den eigenen Wohlstand verteidigen kann, es geht um Gleichberechtigung, Korruption, Lohnkosten, Elektrovelos, um niedrige Zinse und hohe Immobilienpreise. Wenn es doch einmal kurios, helvetisch und eigenartig wurde, freute ich mich natürlich. Besonders oft kam es allerdings nicht vor.

Für die Kollegen in München waren meine Texte trotzdem dankbar: Wenn einem gar nichts einfiel, konnte man sie immer noch mit einer Kuh bebildern.

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