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Martina van Berkels steile KarriereVor dem Kitesurfen berät sie den Bundesrat

Die einstige Schwimmerin doktorierte, bevor sie 2017 ihre Karriere beendete. Jetzt ist die 31-Jährige im Team, das die Exit-Strategie für den Sport vorbereitete.

Am Ball, in jeder Beziehung: Martina van Berkel ist Co-Präsidentin der Athletenkommission und im Exekutivrat von Swiss Olympic.
Am Ball, in jeder Beziehung: Martina van Berkel ist Co-Präsidentin der Athletenkommission und im Exekutivrat von Swiss Olympic.
Foto: Urs Jaudas

Das war schon immer so bei ihr: Es ging alles ein bisschen schneller als anderswo. Wenn Martina van Berkel spricht, erzählt und ausholt, sprudelt es nur so aus ihr heraus – und es wird klar: Wie einst im Becken verhält es sich auch daneben. Die einstige Rekordschwimmerin aus Bülach hat bereits fünf Sprachen gesprochen, bevor sie als Erwachsene auch noch ihre Vatersprache Holländisch in einem Kurs richtig lernte; sie war mit 21 Athletenvertreterin bei Swiss Olympic, bevor sie sich zwei Jahre später für ihre ersten Spiele qualifizierte; sie hatte ihren Doktortitel (in Medienwissenschaften) im Sack, bevor sie Ende 2017 ihre Sportkarriere beendete.

Und jetzt diskutierte und verhandelte Martina van Berkel über Schutzkonzepte in der Corona-Pandemie, Wochen bevor der Bundesrat verriet, wie er sich die Wiederöffnung im Leistungs- und Breitensport vorstellen kann.

«Zuerst, das war noch im März, ging es insbesondere um die Spiele in Tokio», sagt die 31-Jährige. Sie habe mit vielen Athletinnen und Athleten Kontakt gehabt, «das war eine abstruse und surreale Situation. Alle wollten von der Athletenkommission wissen, ob wir mehr Informationen hätten.» Seit 2018 ist sie neben dem früheren Kanuten Ueli Kurmann Co-Präsidentin und sitzt auch im Exekutivrat von Swiss Olympic. «Aber auch wir wussten nicht, ob die Spiele nun stattfinden oder nicht.»

Unzählige mentale Dramen

Van Berkel konnte und kann bestens nachvollziehen, welch mentale Dramen sich angesichts der Planungsunsicherheit, der eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten und drohender finanzieller Engpässe abspielten. «Viele haben in diesen Wochen aber gemerkt, dass es um etwas Grösseres geht. Und ich glaube, wir konnten vermitteln, dass es um nichts weniger als die Gesundheit der Weltbevölkerung geht», sagt sie. Sportler sein sei eine Lebensschule, «und alle, die einmal mit einem Sportpsychologen arbeiteten, haben früh gelernt, dass man gewisse Dinge kontrollieren kann und andere nicht.» Und mit dieser «Can’t control»-Situation umzugehen, hätten alle lernen müssen .

Als das Bundesamt für Sport (Baspo) im April dann ein sogenanntes Kernteam bildete, das ein übergeordnetes Konzept für die Exit-Strategie erarbeiten sollte, gehörte auch Van Berkel als Athletenvertreterin dazu. Wie die Geschäftsleiter des Fussball- und Eishockeyverbandes, wie die Abgesandten der Kantone und Gemeinden, des BAG und von Swiss Olympic. «Es ist spannend, wie die Sportwelt zusammenrückt, weil sie nun zusammenrücken muss», sagt sie. Und fügt an: «Es macht mir Freude, für etwas einzustehen, wofür ich brenne.»

Es ist ein ehrenamtlicher Job, für den Van Berkel momentan viel Zeit aufwendet – und höchstens der Plan B, wenn überhaupt von einem Plan gesprochen werden kann. Eigentlich wäre Van Berkel jetzt mit Rucksack auf einer zweimonatigen Reise durch Mittelamerika. Daraus wird nun eine Tour de Suisse mit dem Velo, «und Kitesurfen kann ich auch im Engadin lernen», sagt sie und lacht. «Ich kann das sehr gut relativieren, und das eigene Land so kennen zu lernen, ist mehr als angenehm.»

Das war ihre Spezialität: Martina van Berkel wurde in Rio Olympia-Zwölfte über 200 m Delfin.
Das war ihre Spezialität: Martina van Berkel wurde in Rio Olympia-Zwölfte über 200 m Delfin.
Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Einen Anfang hat sie am Montag gemacht, als sie mit Bruder Jan, dem Ironman-Spezialisten, mangels Hallenbad im Greifensee ihre Kilometer schwamm. Temperatur: mindestens 13, höchstens 15 Grad. Einmal pro Woche schwimme sie noch, mehr nicht. «Das ist bei den meisten Schwimmern nach der Karriere so. Ich bin mit 45000 Kilometern einmal um die Erde geschwommen, das ist genug», sagt die Olympia-Halbfinalistin von Rio. Und nach einem Moment: «Das Wasser ist trotzdem noch mein happy place, es ist mein Element, wo ich noch immer Endorphine ausschütte.»

Was sie ebenso gut weiss: Mittel- oder langfristig wird es sie in den Sport zurückziehen. Jetzt, nach einer ersten Stelle in der IT-Beratung und vor der nächsten im Banking, sei die Zeit noch nicht reif dafür. «Aber auch mir fehlen die Emotionen, die es nur im Sport gibt und die mich zu hundert Prozent intrinsisch motivieren.» So sagt sie das und meint: von ganz innen heraus. Das sei auch der Grund, wieso sie sich als Athletenvertreterin engagiere. «Der Sport hat mir so viel gegeben, dass ich etwas zurückgeben will, ich mache das uuh gern.»

Nun in der 2. Liga Basketball spielen

Und wenn sie über ihre Arbeit im Kernteam spricht oder über die Auftritte von «Tschüge» Jürg Stahl, dem Präsidenten von Swiss Olympic, die Leadership von Baspo-Direktor Matthias Remund, dann ist eine gewisse Bewunderung nicht zu überhören. «Mit ihnen zu arbeiten und die Athleten zu vertreten, ist wertvoll. Da kann ich meinen Rucksack definitiv füllen.» Dass sie nun zum Team gehöre, das den Bundesrat berät, «das ist eigentlich nicht einmal ein Job. Aber etwas in diese Richtung möchte ich einmal zu meinem Job machen, oder etwas im Bereich Sport und Entwicklungszusammenarbeit oder Sport und Digitalisierung.» Anders als in der Schule und im Sport, wo ihr das Ziel immer klar gewesen sei, «ist es das im Beruf noch nicht. Zuerst beunruhigte mich das, jetzt aber nicht mehr, ich lasse mir Zeit.»

Klar ist hingegen das Ziel in ihrer neuen Sportart: Van Berkel spielt wieder Basketball, wie in der Jugend. Mit 1,66 m. Sie lacht, «ja, ich suche mir für meine Grösse immer die ungeeignetsten Sportarten aus». Nach einer Saison auf der Ersatzbank soll es nun vermehrt aufs Spielfeld gehen. Wenn wieder gespielt wird. Vorerst sieht das Schutzkonzept auch in der 2. Liga vor: Jeder und jede bringt den eigenen Ball mit, maximal fünf spielen, kein Körperkontakt – «keine Mätschli, vorerst wohl nur Ballhandling, das täte mir sowieso gut!».