Vor dieser Bahn wird gewarnt

Wären alle «Personenschäden» auf Deutschen Gleisen Realität, wäre Deutschland längst entvölkert.

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Wieder einmal sind die Herbst­ferien meiner Töchter angebrochen, wieder einmal fahren wir von Köln nach St. Gallen – die Schwarzwaldroute, also einmal quer über die deutschen Schienennetze. Keine einfache Sache, denn wie jeder weiss: Das einzige Ding, das in unserem nördlichen Nachbarland sogar noch in den letzten Tagen des Bombenkriegs 1945 besser funktionierte als heute, war die Deutsche Bahn.

Das Bistro: Die Speisekarte des Bordbistros sollte man lesen wie das Buch der Zaubersprüche in «Harry Potter» – als ein Verzeichnis von Dingen, die es nur in der Fan­tasie gibt. Der Kühlschrank und der Kaffeeautomat sind grundsätzlich kaputt. Hat man Glück, sind immerhin die Erdnüsse im Chili-Mantel verfügbar.

Die Handy-Greise: Sie besitzen riesige PCs und vor allem Handys mit Freisprechanlage. Mindestens alle fünf Sekunden schreien sie herrisch «Was hast du gesagt?» in ihre Telefone. Bevor sie einen ­Anruf an­nehmen, gucken sie minutenlang sinnierend auf ihr irrwitzig laut klingelndes Gerät, seltsamerweise meist in Samba-Rhythmen. Übergangslos fallen sie in Schnarchschlaf.

Der Selbstmord: Keine Fahrt ohne «Personenschaden», wie Bahnunternehmen einen Selbstmord euphemistisch nennen. Wobei nur Erstreisende an diese Ausrede glauben. Denn wären alle «Personenschäden» auf Deutschen Gleisen Realität, wäre Deutschland trotz der von der AfD gefürchteten Massenimmigration längst entvölkert.

Der Halt: Die Deutsche Bahn hält in regulären Bahnhöfen nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Viel lieber hält sie «ausserfahrplanmässig», also auf offener Strecke. Steht man dann bei ausgefallener Lüftung irgendwo auf dem Feld, bringen knackende Durchsagen in improvisierten Fremdsprachen die Stimmung zum Kochen. Öfters wird in solchen Situationen randaliert.

Der Kontrolleur: Ihm kommt die Aufgabe zu, sich von den frustrierten Reisenden abwechselnd auslachen und beleidigen zu lassen. Seine Situation gleicht der eines Gefängniswärters in einem lateinamerikanischen Drogenknast: entweder sie oder ich. Nur verständlich, dass er sich schützt, indem er jedes Wissen über den Fahrplan abstreitet und bei der geringsten Abweichung von den Regeln drakonische Strafen aufbrummt. Denn nur absolute Härte kann die Revolte verhindern.

Shunyata: So nennen Zen-Buddhisten das Erleben totaler Stille und Leere. Shunyata steht am Ende jeder längeren Reise mit der Deutschen Bahn. Die Verspätung hat die 5-Stunden-Schwelle überschritten, die Reisenden haben die verschiedenen Stadien der Trauer um ihre Pläne durchlaufen und sind in depressivem Dämmer versunken. Das Personal hat sich in geheimen Aufenthaltsräumen verbarrikadiert, die Lautsprecher schweigen.

Es ist schon Abend, als ich das schreibe. Am Horizont versinkt eine gewaltige rote Sonne, Nacht überzieht den Schwarzwald. Doch der Bodensee, die Schweiz sind nah!

Milo Rau ist Theaterintendant in Gent und Essayist.

Erstellt: 20.10.2018, 20:16 Uhr

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