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Gastkommentar zu Corona-ImpfungenVorsicht vor grossen Impfstoff-Versprechen

Die Entwicklung von Impfungen ist komplex und rückschlaganfällig. Das gilt auch im Kampf gegen das neue Coronavirus.

Wann kommt die Impfung gegen Covid-19? Wahrscheinlich nicht so schnell, wie uns heute versprochen wird.
Wann kommt die Impfung gegen Covid-19? Wahrscheinlich nicht so schnell, wie uns heute versprochen wird.
Foto: Chris Blaser

Im Kampf gegen das neue Coronavirus ruht die Hoffnung auf der Verfügbarkeit eines wirksamen und sicheren Impfstoffs. Dabei sind Hürden zu überwinden. Neben labortechnischen und finanziellen sind es biologische Hürden, die vor einer behördlichen Zulassung aus dem Weg zu räumen sind.

Impfstoffe sind eine spezielle Form von Medikamenten, die gesunden Personen verabreicht werden. Sie sollen Immunität erzeugen, aber keinesfalls gesundheitsschädigende Zwischenfälle provozieren. Aus der Sicht des Geimpften mag es genügen, wenn der (gute) Impfstoff vor der Krankheit schützt. Aus der Sicht der Gesellschaft sollte der (ideale) Impfstoff jedoch vor Infektion und vor einer Weiterverbreitung des Virus schützen.

Immer wieder sind Impfstoffe, die «kurz vor dem Durchbruch» standen, sang- und klanglos in der Schublade verschwunden.

In meiner 38-jährigen Laufbahn als Virologe habe ich wiederholt erlebt, wie «kurz vor dem Durchbruch stehende Impfstoffe» sang- und klanglos in der wissenschaftlichen Schublade verschwanden.

Antiviralen Antikörpern kommt im Kampf gegen Virusinfektionen eine zentrale Bedeutung zu. Die Antikörper sind in erster Linie dafür verantwortlich, dass die Viren neutralisiert werden, das heisst, die Viren verlieren die Fähigkeit, Wirtszellen zu befallen.

Nun gibt es Situationen, bei denen die Antikörper wider Erwarten den Wirt nicht schützen, sondern im Gegenteil zugunsten des Virus agieren. Dies ist dann der Fall, wenn nicht neutralisierende Antikörper ins Spiel treten. Solche Virus-Antikörper-Komplexe sind dafür bekannt, dass sie eine bestimmte Gruppe von Immun-Abwehrzellen befallen, die ihrerseits als zentrale Schaltzentren die Immunantwort orchestrieren. Die Virusvermehrung in diesen Abwehrzellen führt zu einer chaotisch verlaufenden Immunantwort. Sie endet zumeist tödlich.

Viren können ihre Oberflächenstruktur ständig verändern. Das ist für Impfstoffe ein grosses Problem.

Dieses paradoxe Phänomen ist in der Humanmedizin bei Infektionen mit den Dengueviren bestens bekannt. In der Veterinärmedizin ist ein Coronavirus als Erreger der Infektiösen Bauchfellentzündung FIP gefürchtet, da insbesondere geimpfte Katzen durchwegs verenden oder eingeschläfert werden müssen. Ein zweites Beispiel: HIV/Aids. Hier wurde bereits in den 80er-Jahren wiederholt angekündigt, innerhalb von zwei Jahren werde es einen brauchbaren Impfstoff geben.

Bis heute aber existiert kein zufriedenstellender Impfstoff. Das Hauptproblem liegt dabei an der sogenannten genetischen Plastizität der Viren: HIV verändert seine Oberflächenstrukturen ständig, sodass die neutralisierenden Impfantikörper deren Zielstrukturen nicht mehr finden. Bei HIV gibt es ein zweites Problem: Durch die erwünschte Impfreaktion werden ausgerechnet jene Immunzellen nachteilig beeinflusst, die für den Impferfolg verantwortlich sind. Der erhoffte Schutz bleibt so aus.

Das erklärt, wieso ein zunächst vielversprechender HIV-Impfstoff in der klinischen Testphase aufgegeben werden musste. Die Enttäuschung wurde noch grösser, nachdem die statistische Auswertung der Tests ergab, dass bei den geimpften Gruppen im Vergleich zu den nicht geimpften Gruppen ein grösseres Infektionsrisiko bestand.

Bei der Impfstoffentwicklung ist Geduld gefragt.

Eine weitere Impfproblematik betrifft die Senioren. Im Kontext der Grippewellen wird der gefährdeten Risikogruppe empfohlen, sich impfen zu lassen. Bekannt ist, dass Influenza A-Viren, wie bei HIV, die Oberflächenstrukturen verändern. Dies erklärt, weshalb wiederholte Impfungen notwendig sind. Bei der Grippe ist das Hauptproblem, dass bei rund der Hälfte der geimpften Senioren der Impferfolg ausbleibt. Die Rede ist dann von «Impfversagern».

Jeder neue Impfstoff ist vor dessen Zulassung mit der notwendigen Sorgfalt auf Wirksamkeit und Unschädlichkeit zu prüfen. Das erfordert Geduld. Dass Wissenschaftler bereits jetzt «kurz vor dem Durchbruch stehende» Impfstoffe gegen Covid-19 verheissen, irritiert.