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Corona verschärft den GenerationenkonfliktWacht auf, liebe Senioren!

Ältere Menschen zu diffamieren, ist falsch. Aber sie müssen umdenken. Jetzt.

Es ist höchste Zeit, dass die älteren Menschen von ihrer Sorglosigkeit abkommen.
Foto: Urs Jaudas

Der Ton wird immer hässlicher. Im November noch war der Aufschrei gross, als die neuseeländische Grüne Chlöe Swarbrick einen älteren Parlamentarier mit «Okay, Boomer» abspeiste. Das ist im Vergleich zu jetzt harmlos. «Boomer Remover» wird das Coronavirus in den sozialen Medien genannt: Covid-19 als Radiergummi, der die ältere Generation auslöscht. Nicht wenige interpretieren die Pandemie als Rache an den Alten. Die deutschen Rapper K.I.Z. verkündeten an einem Konzert, das Virus töte doch nur alte weisse Männer. Halb so wild also. Die Bloggerin Meike Lobo meinte, was gerade geschehe, sei einer «der natürlichsten und gesündesten Vorgänge der Welt». Und der Satiriker Schlecky Silberstein bezeichnete Corona als gerecht, weil «die Generation 65 plus diesen Planeten in den letzten 50 Jahren voll gegen die Wand gefahren hat».

Wer solches von sich gibt, disqualifiziert sich selbst. Die Aussagen sind Ausdruck einer Altersdiskriminierung, die genauso verurteilt gehört wie Rassismus und Sexismus. Auch die Schweizer Journalistin Nadine Jürgensen geht zu weit. «Ich würde punkto Babyboomer sogar zu der Aussage stehen, dass alle über 65 auch nicht mehr abstimmen sollen», schrieb sie auf Twitter (und löschte, offenbar gescheiter geworden, die Aussage später wieder). Solche Forderungen zielen darauf ab, die Senioren zu entmündigen, und schaden damit der Demokratie. Aber es kommt darin ein Grundgefühl zum Ausdruck: die Kritik der jüngeren Generationen am Verhalten der Alten. Und die ist berechtigt, sehr sogar.

Das Senioren-Bashing hat nichts mit fehlender Empathie zu tun, sondern spiegelt den Frust der Jungen über ihre politische Ohnmacht.

Es sind gerade junge Menschen, die wegen Corona auf vieles verzichten müssen. Sie sind vernünftig, weil sie Risikopatienten schützen, vor allem Seniorinnen also – und diese sind nicht immer dankbar. Ältere Tessiner fahren mit dem Auto in den Kanton Uri, um trotz Ausgehverbot shoppen zu können. Die Pro Senectute Zurzach lässt sich von ihrer Märzwanderung ins Birstal nicht abhalten. Carla Bruni Sarkozy hustet an einer Modeschau als Witz andere Gäste an und sagt: «Wir sind die ältere Generation. Wir haben vor nichts Angst. Auch nicht vor Corona.»

Es ist diese Sorglosigkeit und Kurzsicht, welche junge Menschen stört, nicht erst seit der Pandemie. Wenn der Unternehmer «Hausi» Leutenegger (80) in einem Interview erzählt, dass er sich nicht um den Klimawandel schere, und Christoph Blocher (79) sagt, dass die Schweiz eh nichts am Klima ändern könne, dann führen sie jungen Menschen eine Welt vor, in der niemand alt werden will.

Das Senioren-Bashing hat nichts mit fehlender Empathie zu tun, sondern spiegelt den Frust der Jungen über ihre politische Ohnmacht. Denn dass die Jungen von den Alten politisch fremdbestimmt werden, ist eine Tatsache. In der vergangenen Legislatur haben die älteren Stimmberechtigten fast nie verloren, wie die «NZZ am Sonntag» berechnete. Die AHV-Reform, der Stopp der Atomkraftwerke, eine grünere Wirtschaft: Die Jungen wollten, die Alten verhinderten.

Die ältere Generation vom politischen Prozess auszuschliessen, ist falsch, über Reformen nachzudenken, aber richtig. Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) schlug vor, die Stimmen der jüngeren Menschen höher zu gewichten. Avenir Suisse dachte über ein Stimmrecht ab Geburt nach, wobei die Eltern bis zur Volljährigkeit für die Kinder wählen. Interessant ist auch die Idee des deutschen Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber: Ihm schwebt ein «Klima-Corona-Vertrag» vor: wechselseitige Solidarität. Denn wer achtlos Viren weitergebe, gefährde das Leben der Grosseltern. Wer achtlos CO2 ausstosse, jenes der Enkel.

Der Philosoph Ludwig Hasler (75) beschrieb in den CH-Media-Zeitungen das Ideal des Seniors so: stets in Bewegung, auf E-Bike-Tour, unterwegs zur nächsten Kreuzfahrt. Es ist höchste Zeit, dass nun die älteren Menschen von dieser Sorglosigkeit abkommen. Sie müssen zu Hause bleiben, nicht nur zu ihrem eigenen Schutz. Denn auch sie können andere anstecken. Sie müssen beim Einkaufen Hilfe annehmen, auch wenn sie gerne unter Leuten wären. Und sie sollen beim Abstimmen nicht nur an sich selber denken, sondern auch an die, die nach ihnen kommen.

Die Senioren stehen in der Pflicht, damit der Generationenkonflikt nicht eskaliert.

98 Kommentare
    La Lea

    Das ist kein Generationenkonflikt. Das ist ein Konflikt zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen sozial und asozial.

    Als ü60 bin ich noch nie im Leben geflogen, hatte nie ein Auto, verbringe Ferien nur dort, wo ich mit dem Velo hinkomme. Seit ich denken kann betreibe ich Umwelt- und Naturschutz. Ebenso mein komplettes Umfeld. Wir waren Vegi bevor es hipp wurde und kaufen nachhaltig wo immer möglich. Wir haben Bio aufgebaut und alternative Handelsketten und und und ... Wir sind seit Jahrzehnten frustriert über die politische Ohnmacht von sozialen Menschen gegenüber asozialen Menschen. Schon so lange kämpfen wir gegen AKW, für grüne Wirtschaft und allgemein für mehr Fairness in der und für die Welt. So lange, dass wir inzwischen erschöpft sind und froh, dass Jüngere übernehmen. Trotzdem bleiben wir dran. Nur der Elan wird altersbedingt langsam weniger.